Von Platten und Palästen

Symbolischer Genuss von Architektur
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Kann man Architektur wie ein gut gestaltetes Produkt genießen? In welchem gesellschaftlich-politischem Kontext steht diese Wahrnehmung und wie leicht lässt sie sich manipulieren?

Vorausgehend sei gesagt: man kann Architektur rein körperlich erleben. Der Raum mit seinen Proportionen, seiner Temperatur, dem Licht und den Oberflächen beeinflussen das physische Empfinden.

Durch Heinrich Wöfflin haben wir gelernt, dass sogar allein das Betrachten einer Form auf unser körperliches Empfinden wirkt, indem sie in uns Assoziationen und damit verknüpfte Gefühle hervorruft. Die Charakteristik eines Gebäudes wird unter Anderem durch Proportion und Material geformt, welches bei Wohlgefallen also ein genüssliches Gefühl implizieren müsste. Der optische Eindruck wird zum körperlichen Wohlbefinden.

Worum es hier aber in erster Linie gehen soll ist der symbolische, der abstrakte psychologische Genuss der Architektur. Oft reflektieren wir die gebaute Umwelt ganz unbewusst, reagieren positiv oder negativ darauf ohne genau zu wissen warum.

DIE PLATTE - GESTALTERISCHE MEISTERLEISTUNG?

Jeder Mensch hat eine Art angeborenes optisches Formgefühl, eine Art rudimentäre Architektursprache, welches Aspekte wie Symmetrie und Regelmäßigkeit ansprechend empfindet.
Auch im heutigen Design sind Begriffe wie Rhythmus, Minimalismus und Gebrauchswert fester Bestandteil einer guten Gestaltung.
Wenn man sich an diesen Punkten orientiert müsste man eigentlich zu der Feststellung kommen, dass ein Plattenbau des Types WHH 17 oder WBS 70 eine gestalterische Meisterleistung ist.

Trotzdem ist der Plattenbau heute alles andere als das angestrebte Wohnumfeld. Woran liegt das?

EINE PLATTE KOMMT SELTEN ALLEIN

Es sind vor Allem die Wohnstädte die als unästhetisch empfunden werden. Abgesehen von den sozialen Problemen, die hier undiskutiert bleiben sollen, sind die endlosen Siedlungen kein Augenschmaus. Obwohl doch alles besonders funktional, systematisch und wirtschaftlich ist; eben den Vorstellungen guter Gestaltung entsprechend. Hochhäuser sind Zeichen von Moderne und Urbanität. Und schon seit der Antike sagt man ja, dass gute Architektur auf Geometrie beruht.

Aber die Häuser sind vor Allem für eines da: Gebrauch.
Vielleicht fehlt im Endeffekt die kleine Priese Humanismus, die Individualität. So viel Beton und Stein in genauen Rastern ist doch etwas zu artifiziell. Die Gebäude haben keinen definierten Abschluss, meist gesichtslose Fassaden. Außerdem bleibt oft der Ortsbezug aus, der den Charakter eines Gebäudes besonders prägt. Das ist wie mit Graffiti: kann man überall hinschmieren.

DER SYMBOLISCHE GENUSS WIRD DURCH DIE POLITIK BESTIMMT

Soweit die heutige Wahrnehmung. Allerdings haben wir durch die Geschichte gelernt wie variabel und manipulierbar die Bewertung eines Architekturstils durch die herrschende Gesellschaft, ihrer Normen und Politik ist: Nach der Kaiserzeit setzte man ganz auf die programmatische Moderne à la Bauhaus um sich vom Historismus abzusetzen, im NS-Regime wurde dies wieder verworfen und sich auf den Klassizismus besonnen. Nach Kriegsende wendete man sich (in den sowjetisch regierten Staaten) mit Stalin dem sozialistischen Realismus und anschließend mit Chruschtschow dem reinen Funktionalismus zu.
Architektur dient also als ideologischer Vermittler der Mächtigen. Die Ost-West-Teilung mit ihren konkurrierenden politischen Systemen lässt sich allein architektonisch sichtbar am Bild vieler Städte ableiten (man schaue sich allein den Unterschied zwischen Hansaviertel und ehemaliger Stalinallee an).

Der Plattenbau war natürlich ein Ergebnis des Wohnungsmangels, aber er war auch Ausdruck der politisch geführten gesellschaftlichen Ideale. Man bot den Menschen eine neue komfortable Wohnform mit Fernheizung und Zentralwassersystem, es gab große Räume für die Hausgemeinschaften und Grünflächen für alle. Viel besser als die damals schäbigen Gründerzeithäuser; es war modern im Plattenbau zu wohnen, der mehr als das grundlegende Bedürfnis Wohnen erfüllte. Als Teil des Ganzen war man stolz, man repräsentierte durch das Gebäude auch etwas Symbolisches.

In der Vergangenheit wurden oft Utopien von strukturierten Wohn- und Industriestädten mit Aufhebung sozialer Trennungen gezeichnet, wie zum Beispiel von Le Corbusier und CIAM. Trotz der im Nachhinein bekannten Mängel könnten die Wohnstädte der DDR diejenigen sein, die diesen Ideen am nächsten kamen.

Ein Gebäude oder allgemein ein architektonischer Stil und sein Genusspotential ist also in seiner Bedeutung immer zeitlich begrenzt und im jeweiligen Kontext zu betrachten. In 20 Jahren kann sein zugeschriebener Ausdruck ein ganz anderer sein, seine Ideologie schändlich oder utopisch. Analog hält es sich auch mit dem ästhetischen Eindruck, der durch die Politik und die vorherrschenden Ideale einer Gesellschaft geprägt ist.

ZU EGOISTISCH FÜR DIE PLATTE

Hängt die heutige Bauvielfalt und die Ablehnung des Plattenbaus also mit der Demokratie zusammen? Irgendwie schon, denn der eingekehrte Individualismus ist ein gegenwärtig hohes Gut. Das Ich zählt im derzeitigen Zusammensein oft mehr als das Wir. Wegen des steigenden Wohlstandes und somit des Raumanspruchs zog man aus den Plattenbauten zurück in die (dann sanierten) Gründerzeithäuser oder moderneren Neubauten in weiß. Von der Platte in den Palast.
Das Prinzip Platte passt nicht mehr in die gesellschaftlich vorherrschende Idee der Individualität. Der Mensch ist von Natur aus Egoist. Und in unserer (westlichen) Gesellschaft kann er es sich leisten einer zu sein. Je wohlhabender, desto höher der Anspruch auf Genuss. Wir sind reich genug um uns dieses Luxusproblem zu gönnen. Wer will sich da das Haus noch mit 200 anderen teilen?

Die Platte ist also historisch sowie gesellschaftlich belastet. Hinzu kommt, dass dem Image nichts Gutes getan wurde. Weder durch Bau- oder Immobilienlobby, noch durch harte Jungs wie Sido.
Wir sollten versuchen das Phänomen und seine Auswirkungen auf uns isolierter zu betrachten.

Die Problematik des Plattenbaus wurde schon unzählige Male diskutiert: Für unsere heutigen Wohnvorstellungen zu klein, zu gedrängt, zu unkomfortabel, zu universell.
Stimmt aber nicht. Neben erfolgreichen Renovierungsprojekten wie das der Prager Zeile in Dresden oder dem Oleanderweg in Halle Neustadt gibt es zum Glück Portale wie „Jeder m2 du“ die versuchen, die Reputation der Platte wieder hochzuschrauben. Man zeigt kreative Menschen in ihrer Plattenbauwohnung, welche plötzlich garnicht mehr nach dürftigem, muffigen Loch aussieht. Die Argumente der Bewohner für ihren Einzug? Lage, Licht, Aussicht, Balkon, Potential zur Neugestaltung. Steckt also doch was drin, das ist mehr als wohnen. Und so eine freigelegte Betonwand sieht ja auch ganz schick aus.

Mit ihrem Image, leicht schäbiger Optik und dem in Vergessenheit geratenen Wohnpotential passt die (innerstädtische) Platte perfekt zu so mancher Subkultur oder Alternativbewegung, vor Allem in Städten wie Berlin. Warten wir was passiert, wenn die Hipster einziehen.

Was ist das Genussvolle beim Gebrauchen gestalteter Dinge? Das Anschauen oder das Anfassen? Genießen wir den erfüllten Sinn der Dinge oder ihr sinnliches Erleben?

00:25 01.10.2013
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