Verlassenes Land

Ukraine Was passiert, wenn ein Land aufhört zu existieren? Wenn die Bevölkerung nicht mehr an eine Zukunft in ihrer Heimat glaubt? Ein Film will das veranschaulichen

Es ist ein Untergangsszenario, das im Film „Ukraine 2020 – Verlassenes Land“ Realität geworden ist. Der Plot ist Slapstick, ein böser Witz, bei dem einem das Lachen über das Unglück der Ukrainer im Halse stecken bleibt. Ein neuer Präsident – der erste aus der Mittelschicht! – will sein Land mit einer progressiven Idee nach vorne bringen. Er wirbt für Emigration, damit die Ukrainer im Ausland Erfahrungen sammeln. Doch er endet als Vorsitzender eines Staates, dem alle Bürger einfach weggelaufen sind. Zurück bleibt ein leeres Land – und ein Präsident, der mit seinem Schicksal hadert.

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Es ist ein Witz, allerdings über ein echtes Problem: Hunderttausende Ukrainer verlassen jedes Jahr das Land. Im Ausland suchen sie Chancen, die ihnen ihre Heimat nicht bieten kann. „Die Emigration ist ein schmerzhaftes Thema. Ich kenne viele junge Leute, die nicht in der Ukraine leben können, weil sie als gute Ärzte oder Lehrer einfach nichts verdienen“, sagt der Regisseur Korniy Gricyuk. „Aber ich wollte nicht die übliche Filmtragödie machen, sondern das Thema mit Humor angehen.“

„Ukraine 2020“ ist der erste ukrainische Film im Mockumentary-Stil. Der Zuschauer folgt einem fiktiven kanadischer Dokumentarfilmer mit ukrainischen Wurzeln auf der Reise in die Heimat seiner Vorfahren. Er findet ein Land vor, dessen Bewohner gerade erst die Tür hinter sich zugemacht haben.

„Was haben die im Ausland, was wir nicht haben?“

Die Menschen, die noch die Stellung halten, sind Parodien typisch ukrainischer Realitätsverluste. Ein Separatisten-Kämpfer durchstreift immer noch auf der Suche nach Feinden den Donbass. Ein Geschäftsmann in Lederjacke und großem SUV träumt von der Auferstehung einer neuen Ukraine, mit ihm als „Fürsten“ – denn er ist sich sicher, dass im Leben immer die Starken gewinnen. Und eine Beamtin sehnt sich nach den geordneten Verhältnissen der Sowjetzeit. „Was haben die im Ausland, was wir nicht haben?“, fragt sie, während sie in der sinnlos gewordenen Verwaltung Akten ordnet.

Der letzte ukrainische Präsident sinniert unterdessen melancholisch darüber, dass es dem Land an einer zukunftsweisenden Idee gefehlt habe, einem „Ukrainian Dream“, während ein Chinese im Auftrag der Kommunistischen Partei bereits auskundschaftet, ob sich die Ukraine zur Besiedlung eignen würde. „Chinesen sind sehr abergläubisch“, sagt er. „Viele befürchten, dass die Ukraine ein verfluchtes Land sei.“

In einer Zeit, in der nicht nur feindselige russische Medien einen ukrainischen „failed state“ herbei schreiben, ist das mehr als nur Galgenhumor. Es ist Ausdruck der Haltung vieler junger Ukrainer, die angesichts der verfahrenen Situation für billige Versprechen einer besseren Zukunft wie auch für Beschönigung der Zustände keine Geduld mehr haben.

„Wir sind 52 Millionen!“, lautet der stolze Slogan einer Werbekampagne aus den 1990er-Jahren. Doch auf die Unabhängigkeit folgten Deindustrialisierung und Wirtschaftskollaps. Laut UN wohnen in der Ukraine heute nur noch knapp über 44 Mio. Menschen, 2050 sollen es nur noch 36 Mio. sein. Auch die demografischen Trends versprechen eine trostlose Zukunft. In wenigen Jahren werden 25 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein, schätzt die Regierung.

„Für das Leben in Kiew ist das nicht genug“

„Ich habe Bekannte auf der ganzen Welt. Israel, Spanien, Italien, Großbritannien, USA, China, Polen“, zählt der junge Kiewer Ilya Novichok auf. Vor fünf Jahren stand er als Teenager auf den Barrikaden des Maidan, heute hat er andere Probleme. Ilya hat einen Universitätsabschluss und spricht vier Sprachen, aber eine gute Arbeit fand er nicht. „Ich würde monatlich vielleicht 200 bis 250 Euro verdienen. Für das Leben in Kiew ist das nicht genug“, sagt er. Er bezahlte schließlich eine Vermittlungsagentur, die ihm ein Studentenvisum und einen Job als Englischlehrer in China besorgte. Es sind vor allem die Jüngeren, die gehen. Und die gut ausgebildeten, die die Möglichkeit dazu haben. In der Kiewer Metro werben Anzeigen für „Deutsch für Ärzte“ und „Englisch for businessmen.“

Während junge gebildete Ukrainer über den Globus ausschwärmen, zieht es einfache Arbeiter in die reicheren Nachbarländer – als Bauarbeiter, Fabrikarbeiter oder Lastwagenfahrer. Der ukrainische Mindestlohn beträgt nur 113 Euro pro Monat, und die Gehälter in den unteren Segmenten sind oft kaum höher. Viele sind Saisonarbeiter, die nur für wenige Monate im Jahr das Land verlassen. Doch immer mehr Ukrainer leben dauerhaft im Ausland – allein in Russland sind es heute 3,3 Millionen. Gleichzeitig hat sich die EU geöffnet. In Osteuropa boomt die Wirtschaft und es fehlen Arbeitskräfte, nicht zuletzt weil auch hier wiederum viele nach Westeuropa abgewandert sind – z.B. nach Deutschland oder Großbritannien. Bereits zwei Millionen Ukrainer sollen in Polen arbeiten, Tendenz steigend.

„Blutungen“, betitelten Anfang des Jahres die Journalisten Julia Mostova und Sergei Rachmanin einen Text in der ukrainischen Wochenzeitung Dzerkalo Tyzhnia, in dem sie eindringlich vor den Folgen der Emigration für die Ukraine warnten. Sie hatten ein soziologisches Forschungsinstitut damit beauftragt, das Phänomen der Emigration zu ergründen. 30 Prozent der Ukrainer – die meisten von ihnen unter 29 Jahre alt – würden demnach mit dem Gedanken spielen, das Land zu verlassen. 40 Prozent der Auswanderungswilligen hätten einen Universitätsabschluss. „Hier sieht man die Hauptbedrohung für die Ukraine. Sie verliert ausgebildete und erfahrene Fachkräfte“, heißt es im Text. „Wenn man die Millionen in Betracht zieht, die bereits gegangen sind, und das Ausmaß derjenigen, die es beabsichtigen, wird deutlich, dass menschliche Blutungen zu einer Bedrohung für die nationale Sicherheit geworden sind.“

„Vor zwei, drei Jahren haben plötzlich alle um mich herum angefangen, über Emigration nachzudenken“, sagt auch der Regisseur Korniy Gricyuk. „Viele meiner Freunde leben in Israel, Deutschland oder Polen. Junge, kreative Menschen wollten etwas in unserem Land verändern. Aber sie merkten oft: es geht nicht.“ Gricyuk spricht Deutsch – wie viele junge Ukrainer. Seinen ersten Film drehte er ohne Budget. Die Kameras waren geliehen, die Schauspieler spendeten ihre Arbeitskraft, und Luftaufnahmen der ausgestorbenen Ukraine sind in den Industrieruinen des Landes mit Drohnen gefilmt worden. Er hofft, seinen nächsten Film für einen westeuropäischen Sender produzieren zu können. Auch weil, wie er sagt, sein neues Filmprojekt für die staatliche Filmförderung zu negativ sei.

Mittlerweile wird das Problem der Emigration auch von der Regierung benannt. „Über eine Million Menschen haben 2017 die Ukraine verlassen“, so der Außenminister Pawlo Klimkin im Februar 2018. „Wenn Hunderttausend Ukrainer pro Monat gehen, dann liegt das nicht nur an höheren Gehältern, die sie ‚drüben’ kriegen. Sondern auch an Zukunftserwartungen und Lebensqualität.“

„Es fühlt sich fürchterlich an, ein illegaler Arbeiter zu sein“

Ende Oktober erklärte auch Präsident Poroschenko, dass die Auswanderung zunehme. Zwar seien die Zahlen nicht ganz so hoch, wie einige Statistiken vermuten ließen, denn nur eine Minderheit der Arbeitsmigranten ginge auch dauerhaft. Trotzdem betrage die Nettoabwanderung allein 2017 etwas mehr als 200.000 und für das Jahr 2018 rechne die Regierung mit einem Anstieg von 10-15%. „Die Emigration als Problem zu benennen war überfällig. Die ukrainische Politik erkennt Probleme meist erst dann, wenn sie so groß geworden sind, dass sie sich nicht länger ignorieren lassen”, meint Gricyuk dazu.

Den 22-jährigen Ilya hat es unterdessen wieder in seine Heimat verschlagen. Nach sechs Monaten war sein chinesisches Studentenvisum abgelaufen. Eine Chance auf eine legale Arbeitserlaubnis hatte er nie. Heute ist er fast froh, zurück zu sein. „Es fühlt sich fürchterlich an, ein illegaler Arbeiter zu sein, selbst wenn man gut verdient. Man ist eine Person ohne Rechte.“ Teile seines Gehaltes habe er nie ausgezahlt bekommen.

„Mein Vater hat auch schon illegal in Deutschland gearbeitet. Hausbesitzer bei euch lieben es, schwarz Handwerker aus Osteuropa zu beschäftigen“, erzählt Ilya. „Einmal ist er schon aus Deutschland ausgewiesen worden, er ist aber natürlich wieder zurückgegangen. Selbst ein paar Euro Stundenlohn sind besser als ein ukrainisches Gehalt.“

Ilya hat mittlerweile einen neuen Weg gefunden, um vom Wohlstand des Auslands etwas abzubekommen. Er will ein Tourismusunternehmen in Kiew aufbauen. „Ich will ja eigentlich gar nicht weg. Ich liebe die Ukraine“, beichtet er. „Ich wollte im Ausland nur etwas verdienen, um mir hier was eigenes aufzubauen.” Aber wenn es sein müsse, werde auch er wieder ins Ausland gehen. „Die meisten reichen Länder wollen natürlich keine Ukrainer haben. Aber es gibt immer einen Weg.“

Info

Am 17. Januar ist der Film „Ukraine 2020 – Verlassenes Land“ mit deutschen Untertiteln um 19:30 Uhr in der Brotfabrik in Berlin zu sehen. Der Regisseur steht im Anschluss zum Gespräch zur Verfügung.

Weitere Informationen gibt es hier.

16:09 17.01.2019
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