Bildungsreformen ohne Grundlagen

G8, G9 - Gbildet? In der letzten Woche war die Rückkehr von Niedersachsen zum G9-System groß in den Medien. Doch ist die Länge der Schulzeit überhaupt das Problem unseres Bildungsplanes ?
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http://polpix.sueddeutsche.com/polopoly_fs/1.1882440.1391780207!/httpImage/image.jpg_gen/derivatives/860x860/image.jpgBegeistert werden so manche Schülerinnen und Schüler zu Protokoll genommen haben, dass das große Bundesland Niedersachsen wohl zum 9-jährigen Gymnasium zurückkehren werden und die Schüler oder zumindest zukünftige Schüler somit ein Jahr mehr Zeit haben um sich auf ihr Abitur vorzubereiten. Doch bei all den kritischen Stimmen, die die Verkürzung der Schulzeit seitca. 2004 als Ursprung allen Übels betrachten und diese Reform für Stress, Zeitmangel und schlechte Noten verantwortlich machen, stellt sich doch die berechtige Frage, ob wirklich dies das Hauptproblem unseres Bildungsplans ist.

Abitur auch in 12 Jahren machbar

Wenn man verschiedene Statistiken zur Hand nimmt zeigt sich, dass die früheren Abiturschnitte der Schüler die noch mit G9 zum Abitur gelangten, nicht signifikant besser waren als diese der G8 Abiturienten. Es ergaben sich geringe Unterschiede zwischen G8 und G9 Abiturschnitten in der Durchschnittsnote, jedoch lag die Abweichung der gemessenen Jahrgänge nie über 0,1 Noten Unterschied. Somit lässt sich die Umstellung der Reform schon mal nicht für schlechtere Abi Noten verantwortlich machen, die so manche Schüler und Eltern durch das „Turboabo“ zu beklagen hatten. Schaut man sich an, was aus dem Bildungsplan gestrichen wurde um das Abitur auch in 8 Jahren Gymnasialzeit zu bewältigen zeigt sich, dass die Schüler die Gymnasien immer noch mit derselben Allgemeinbildung verlassen. In den meisten Fächern wurde lediglich manche Methoden oder Vertiefungen zurückgestellt, so zum Beispiel als konkretes Beispiel in Mathe das Erlenen der Dividendenregel für Ableitung, denn diese Ableitungen können zum Beispiel auch durch die Produktregel, welche noch gelernt wird gelöst werden. Bei der Kritik an unserem Schulsystem sollte man deshalb nicht an der Länge ansetzen. Die gesteigerte Produktivität, fortschrittliche Wissenschaft und die Technisierung unseres Alltags setzen voraus, und machen es geradezu möglich, dass Schüler ihren Bildungsabschluss in schnellerer Zeit erreichen.

Vernachlässigung der sozialen Kompetenzen und des „Alltags-Knowhows“

Wenn man das Bildungssystem in Deutschland betrachte fällt meiner Meinung nach viel mehr die fehlende Übertragung des zu Lernenden auf den Alltag auf. In kaum einen Fach wenden die Schüler ihr Wissen konkret auf spätere Alltagssituation an und machen sich Gedanken über Lösungen womöglich später aufkommender Probleme. Schule sollte dazu dienen den jungen Menschen möglichst optimal auf sein späteres Leben vorzubereiten. Aber wie soll dieses Ziel erreicht werden, wenn der Großteil der Schüler im Mathebuch versinkt, sich fragend, wieso das Integral von5 wichtig für ihr späteres Leben sei und wie es ihnen helfen soll später mal ein Mietvertrag abzuschließen oder ein Streit mit dem Chef zu schlichten. In Zeiten in denen Unternehmen, getrieben von Produktivitätssteigerung, nach immer noch kompetenteren Mitarbeitern Ausschau halten, sollte wenigsten auch die staatliche Bildungsinstitution der kommenden Generation die Möglichkeit geben neben der Allgemeinbildung auch soziale und alltägliche Kompetenzen zu erlernen. Die Aufgabe von Schulen kann es nicht sein den Schülern Informationsmaterial zu Hand zu geben und sie dadurch allein versuchen zu lassen ihr Leben in die Hand zu bekommen. Der Staat sollte stattdessen versuchen die Schüler an die Hand zu nehmen und ihnen ein Weg in die Gesellschaft zuweisen, indem in der Schule neben wissenschaftlicher Bildung auch Platz für soziale Bildung und Alltagskompetenzen ist. Diese Ziele können in einem 8-jährigen Gymnasium genauso gut erreicht werden wie in einem 9 Jahre andauernden System, allerdings bedarf es dazu in jedem Fall Änderungen, wenn man nicht weiterhin möchte, dass Schüler jegliche Alltagssituation und den Umgang damit von ihren Eltern erlernen müssen. Wie schön wäre dies doch, denn dann würden Staat und Eltern endlich wieder beide auf den Zögling in dieser Situation einwirken und es wäre Platz für unterschiedliche Herangehensweisen an die Probleme. Allzu oft übernehmen heute Kinder Fehler und falsche Verhaltensweisen ihrer Eltern meist unbewusst, weil sie es nirgends anders gelernt haben. In jedem Fall würde sich der Platz im Bildungsplan für allgemeine Alltagssituation, wie zum Beispiel Mülltrennung, soziale Umgangsweisen, Bewerbungstraining und das Abschließen einer Versicherung oder eines Kredites, positiv auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Wirtschaft auswirken. Bei Bildungsreformen sollte es deshalb in Zukunft nicht darum gehen wie schnell gelernt wird, sondern was genau gelernt wird.

17:35 25.02.2014
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Geschrieben von

enfantteRRible

Zu frühe Urteile sind Vorurteile, aus denen der Irrtum emporsteigt wie der Nebel aus dem Meere.
enfantteRRible

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