Westerwelles "spätrömische Dekadenz"

Eine Richtigstellung Für seine Behauptungen mit der spätrömischen Dekadenz wurde Westerwelle stark gescholten, dabei hatte er völlig recht mit seiner Behauptung. Nur eben in anderer Hinsicht.
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„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“

So wird der ehemaligen Außenminister und Vorsitzenden der FDP 2010 zitiert, auf die Frage nach mehr oder weniger Sozialstaat. Die Antwort der Medien war verheerend, ein wahres „FDP-Bashing“ brach aus, wie die Partei heute gern behauptet, dabei habe Westerwelle doch nur die soziale Markwirtschaft verteidigen wollen und die Deutschen vor zu viel Glaube an den Staat warnen wollen. Schlicht und einfach gesagt ist dieses Zitat und weitere Aussagen von Parteigenossen Westerwelles ekelhaft. Es ist ekelhaft den Menschen einem System unterzuordnen, in dem manche Menschen aufgrund der Laune des Marktes an ihrem Existenzminimum schrammen und Leid und Elend erleiden. Es ist ekelhaft im Volk die Stimmung zu erzeugen, dass diese Leute Sozialschmarotzer seien und ausschließlich vom Staat profitieren würden, das Ganze ohne Gegenleistung. Es ist ekelhaft einen liberalen Grundsatzgedanken einzig und allein auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten anzuwenden und dabei die Freiheit des Menschen und des Einzelnen außer Acht zu lassen.

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Und doch hat der ehemalige Minister teilweise Recht mit seiner Aussage, denn in Deutschland herrscht in Teilen der Bevölkerung eine spätrömische Dekadenz. Allerdings nicht bei den Menschen die auf Sozialleistungen angefordert sind und diese als selbstverständliche Gabe des Staates erachten. Nein! Es ist viel mehr das krasse Gegenteil der Fall, denn die spätrömische Dekadenz hat große Teile der Oberschicht und der gehobenen Mittelschicht befallen und auch der deutsche Durchschnittsmensch, möglicherweise Inhaber eines sicher scheinenden, gut bezahlten Berufes, situiert in einer gemütlichen Wohnung hat dieses historische Phänomen getroffen, allerdings nicht in Bezug auf die Allmacht des Staates, sondern in dem Glaube das richtige Lebensmodell fürs Jenseits gefunden zu haben.

Ausblendung des Elends

Die wenigsten gut situierten Menschen in Deutschland denken wohl darüber nach woher ihr relativer Wohlstand kommt. Was soll das auch? Sie arbeiten meist hart, ‚Tag für Tag, da scheint es wohl plausible zu sein, dass der Wohlstand den sie haben allein auf ihre Leistung zurückzuführen ist. Dies ist allerdings eben nicht der Fall, denn täglich werden Menschen in aller Herren Länder ausgebeutet durch Arbeit zu einem Hungerlohn und noch mehr Ressourcen werden der Erde Tag für Tag entrissen ohne dabei daran zu denken, dass unser ganzes Hab und Gut doch endlich ist. Somit ist die spätrömische Dekadenz vollkommen in unserer Gesellschaft eingeschlagen, denn niemand kann wohl bestreiten die meiste Zeit seines Lebens, mit der Situation, komfortabel wie sie ist, relativ zufrieden zu sein. Dabei könnte man eigentlich bei rationaler Betrachtung kaum noch ohne Schuldgefühle leben, denn vieles auf der Welt ist überhaupt nicht in Ordnung und die Mittelschicht, der Ottonormaldeutsche, hat als stärkster Konsument einen großen Anteil daran. Doch sollte sich die Kritik nicht zu stark an den Normalbürger richten, zwar könnte auch er, jeder Einzelnen für sich, öfters über Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit unseres Welthandelns nachdenken, doch eine andere Gruppe wäre dazu noch viel privilegierter.

Wer hat die spätrömische Dekadenz zuerst gerochen, dem ist sie aus dem …

Um dieses triviale Sprichwort etwas formeller Auszudrücken: Am meisten hat wohl Westerwelle und seines Gleichen die spätrömische Dekadenz selbst am meisten befallen. Wieso sonst prangert kaum noch ein Teilnehmer dieser Gesellschaft, der Einfluss und Aufmerksamkeit hat, die wirklichen Probleme unserer Welt an? Diese sind eben nicht die Überförderung unseres zwar fehl gesteuerten, doch auf keinen Fall, überbelasteten Sozialstaates, sondern die Selbstzufriedenheit mit der wir den offensichtlichen Ungerechtigkeiten in unserem Alltag begegnen. Vermutlich kann man durch das Aussprechen der Probleme zu wenig Geld machen, zu wenig Zuschauer oder Wähler gewinnen. Die wirkliche Elite unseres Landes sind nicht die Würden- und Geldträger die ganz oben im Sozialprestige der Gesellschaft stehen, denn sie sind meist wie Westerwelle selbst von der römischen Dekadenz befangen. Die wirklichen Helden sind die Menschen die über Selbstzufriedenheit und unser Weltbild objektiv und offen nachdenken, egal aus welcher Gesellschaftsschicht. Ein Arbeitsloser, der dem Sozialstaat etwas abverlangt ist dazu meist viel fähiger, als ein gut situierter Parteivorsitzender.

Was für eine Genugtuung muss es für manche Menschen sein, die Partei der Anschlussverwender (Rösler) und Dekadenzmahner nach der vergangenen Bundestagswahl ohne Mandat im Reichstag dastehen gesehen zu haben. Auch wenn diese Freude begründet ist bedeutet es nichts Gutes, denn bürgerrechtsliberale Aspekte, die mit der Selbstzufriedenheit aufräumen würden, waren am ehesten noch in der FDP vorhanden, auch wenn dieses Thema durch die Ausrichtung der Partei in den letzten 10 Jahren unterging. Ein Schandmahl für den wahrhaften Liberalismus.

17:16 08.04.2014
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Geschrieben von

enfantteRRible

Zu frühe Urteile sind Vorurteile, aus denen der Irrtum emporsteigt wie der Nebel aus dem Meere.
enfantteRRible

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