Erster! – Mediale Nachhaltigkeit, oder was?

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Das erste, was am Mittwoch über den Flugzeugabsturz in Amsterdam via Twitter bei mir ankam, war die Information, wer zuerst da war: Twitter natürlich! Dann Spon und CNN, schließlich die Tagesschau. So stand es da, in 140 Zeichen, und das war alles zum Thema. Donnerstag las ich dann in einem Blog, dass zwischen dem Unfall und dem ersten Bild bei Twitter nur wenige Minuten gelegen haben sollen. Genau wie in New York, wo es sich zum Glück ja gar nicht um einen Absturz gehandelt hat, letztendlich, sondern um eine grandiose Notwasserung. Gesehen habe ich aber beides nicht. Zumindest nicht bei Twitter.

Natürlich liegt das an meiner persönlichen Verfolgepolitik. Twitter ist keine Linie, Twitter ist eine Wolke, und ich halte mich da bewusst begrenzt. Dünne Nachrichtenschleier durchziehen meinen freundlich blauen Twitterhimmel. Das ist ja das schöne daran. Twitter ist, was man will, dass es ist. Nachrichten stehen bei mir nicht an erster Stelle, die sammle ich anderswo. Zum Glück bin ich nicht darauf angewiesen, immer sekundenschnell auf dem Laufenden zu sein. Weder privat, noch beruflich. Das Nachrichtengeschehen eines Tages tickert ja mitunter im Schrecksekundentakt und ist unendlich ermüdend. Da klinke ich mich gerne aus, immer wieder mal. Außer in Berlin vielleicht. Hier vor Ort, da kann es Spaß machen, dicht dran zu bleiben. Das wirkt und webt sich ein, irgendwie. Das bleibt lebendig. Fürs Hauptstadtblog zu bloggen zum Beispiel. Aber sonst?

Der Schwung der „alten“ Medien ist mir lieb und teuer. Ich lese Zeitung, jeden Tag, so richtig auf Papier. Ich mag ich es, die Seiten umzublättern, sie zu falten, zu knittern und zu kneten. Dazu die leicht geschwärzten Finger. Ich weiß, dass das Unsinn ist. Fast jede Tageszeitung kann man am Abend vorher schon im Netz lesen, so gut wie komplett. Das tue ich sogar, zum Teil zumindest. Kommt alles frei Haus über den Feedreader. Ich weiß. Trotzdem schaffe ich es nicht, endlich auf eine Wochenzeitung umzustellen. Seit über einem Jahr denke ich darüber nach. Ich bin hoffnungs- und gnadenlos Old School. So ist das.

In meiner Küche steht dieser Holzkasten mit ein paar Knöpfen und einer Teleskopantenne. Doch da dudelt nichts vor sich hin, einfach so, das wäre langweilig. Keine müde Mucke berieselt mich beim kochen aus dem Hintergrund. In meiner Küche ist BBC fix eingestellt. Und genau dort habe ich am Mittwoch von dem Unglück in Schiphol erfahren, beim Spülen. Keine Ahnung, wie lange nach den Geschehen, aber das ist mir auch egal.

Im Radio höre ich, was gerade dran ist. Das geht ins Ohr, das bleibt. Nachrichten, Storys, Reportagen, Diskussionen; die vielen Hinweise auf Blogs, Podcasts und neuerdings auch auf Twitter. BBC ist bei allem dabei, ganz unaufgeregt und selbstverständlich. Aber richtig ist nur das Hören, auch wenn ich mir kaum noch die Zeit dafür gebe.

Das Interview mit Lynndie England, neulich, davon habe ich nirgends sonst gelesen. Oder die kleine Geschichte über das Falten von Tageszeitungen als kulturelles Ritual.

19:54 27.02.2009
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Geschrieben von

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Susanne Englmayer - Autorin, Übersetzerin, Journalistin
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