Integrationsverweigerer

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Oder: Warum sich noch integrieren?

Tatort: Karstadt am Hermannplatz, Ecke Hasenheide in Kreuzberg, Grenze Neukölln, Berlin. Also echt hartes Pflaster!

Es ist Freitagmittag, die Schlange an der Schreibwarenkasse ist wie immer recht lang. Ich stelle mich an. Vor mir wartet eine junge Mutter – sie ist Türkin, türkischstämmig oder wie das jetzt heißt, möglicherweise auch Deutsche, wer weiß? – mit ihren zwei Jungs. Schulzeug kaufen, die Herbstferien sind ja fast um.

Die beiden Jungs sind mit diesen unsäglichen Yu-Gi!-Oh!-Sammelkarten beschäftigt. Es geht um Lebens- und Angriffspunkte, es sind also große Werte im Spiel. Beide haben zentimeterdicke Stapel in der Hand. Die ganze Zeit versucht der größere der beiden seinem kleinen Bruder eine einzige Karte abzuluchsen. Die Einsätze werden immer höher, schließlich bietet der Große seinen kompletten Stapel. Nur zwei Karten schließt er aus, die mag er nicht hergeben. Der Kleine hält tapfer dagegen. Er weiß wohl sehr genau um den Wert dieser einen, so unglaublich begehrten Karte in seinem Besitz. Und er will sie behalten.

Zwischendurch werden die beiden von ihrer Mutter auf Türkisch ermahnt. Vermutlich hält sie sie dazu an, auf die Kassenschlange zu achten und den Leuten nicht im Weg zu stehen. Jedes Mal gucken die beiden sich kurz um, rücken vielleicht ein Stück vor oder zur Seite und wenden sich dann wieder ihren Verhandlungen zu. „Ich geb dir alle“, sagt der Große immer und immer wieder und hält dem Kleinen seinen ganzen Stapel direkt vor die Nase. „Guck! Die alle hier, nur für deine eine. Das ist doch viel. So viel!“ Er zeigt die Dicke mit den Fingern an, ich schätze auf zirka vier Zentimeter. Doch der Kleine hält stand, minutenlang.

Als die Mutter an der Kasse beschäftigt ist, versucht der Große es ein letztes Mal. Diesmal mit voller Wucht. „Du verstehen“, ruft er. „Isch dir geben alle. Für eins. Du dann haben viele. Für Tauschen. Ja?” Da dreht die Mutter sich um und sagt genervt: „Der versteht dich auch, wenn du vernünftig sprichst.“

11:28 25.10.2010
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Geschrieben von

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Susanne Englmayer - Autorin, Übersetzerin, Journalistin
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