My first Berlinale

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Na gut, meine wirklich erste Berlinale, das war die im letzten Jahr. Da saß ich im International und vorne, vor der Leinwand, stand – ganz klein – Patti Smith. Ein paar Tage später war es dann sogar der Berlinale-Palast, die Premiere von Hanami. Meine Freundin, eine langjährige Berlinerin aus Oberfranken mit ebenso langjähriger Berlinaleerfahrung, hatte nach geduldigem Anstehen zwei der allerletzten Karten erwischt. So saßen wir dann direkt hinter Herrn Wowereit und seinem Freund, unweit von Doris Dörrie, Hannelore Elsner, Elmar Wepper und etlichen anderen Darstellern.

Es muss wohl an diesem Abend gewesen sein, als ich begriff, dass man zur Berlinale nicht nur zum Filmegucken geht, sondern vor allem zum Menschensehen. Womit ich jetzt nicht meine, dass ich mich aus irgendeinem Grund Kate Winslet, Leonardo DiCaprio oder Michelle Pfeiffer huldigend vor die Füße werfen würde. Na gut, vielleicht würde ich für Tilda Swinton da eine Ausnahme machen, wenn sich die Gelegenheit ergäbe. Auch wenn sie mir derzeit ein wenig allzu erblondet erscheint, aber bei Schauspielern weiß man ja nie.

Ansonsten ist es die Transparenz, die die Filme plötzlich bekommen. Die Gewissheit, dass hinter jedem einzelnen echte Menschen stecken, unendlich viele Menschen. Und damit immer mehr und noch mehr Geschichten. Mir als ausgesprochenem Bücher- oder auch Textmensch ist das sonst eher wenig präsent. Dass Filme eigentlich so etwas wie ein Organismus sind, bei dem alles ineinandergreift und zusammenspielt, es hier und da leise klickt und klackt, um letztendlich punktgenau zu funktionieren. In dem Moment dann, dem einen, im Kino. Wenn alles gut geht.

In diesem Jahr bleibt leider wenig Zeit für die Berlinale, zu viele fixe Termine tummeln sich in meinem Kalender. Also stoße ich erst spät hinzu, zwischen zwei Verabredungen folge ich interessiert der Suche nach dem Unmistaken Child. Anschließend wundere ich mich über Tenzin Zopa, der erzählt, dass er gerade zum ersten Mal in seinem Leben in einem so großen Kino saß. Und da dann auch noch sein eigenes hässliches Gesicht sehen musste.

Bei meinem nächsten Besuch stelle ich fest, wie klein (und jung, 69) John Hurt eigentlich ist. Nachdem er kurz zuvor so großartig einen exzellenten, steinalten Quentin Crisp in An Englishman in New York gegeben hat. Neben ihm steht ein unauffälliger Mann in Jeans und Hemd, den ich nicht auf den ersten Blick nicht erkenne. Auch auf den zweiten nicht. Kein Schauspieler, denke ich. Die geben sich anders. Und der Regisseur quatscht gerade angeregt ins Mikro. Etwas später begreife ich, dass es Brian Fillis sein muss, der Drehbuchautor. Stimmt ja, die gibt es auch noch. Wie konnte ich das vergessen.

Inzwischen ist es um mich geschehen. Meine eigene kleine Berlinale 2009 hat in dem Moment ein Thema bekommen, in dem John Hurt erzählte, dass er die Ehre hatte, ein und dieselbe Figur über eine Lebenszeitspanne von mehr als 70 Jahren darzustellen. Und wie das ist, von 18 bis über 90 in 36 Jahren. Sonntag folgt also Resident Alien und The Naked Civil Servant, ebenfalls mit John Hurt. Das muss man doch gesehen haben.

17:51 13.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

engl

Susanne Englmayer - Autorin, Übersetzerin, Journalistin
Schreiber 0 Leser 0
engl

Kommentare 4