Anna vs. Berta – kreative Arbeitswut

Heiter bis wolkig - Wie Designstudenten den kreativen Arbeitsprozess erleben
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Wieder startet ein neues Semester. Anna und Berta studieren Design an einer Kunsthochschule und sind hochmotiviert. Einmal mehr steht alles auf Anfang. Und das kommende Semester wird einfach gut. Es ist etwa so wie an Neujahr: Das Alte lässt man hinter sich, das Neue kann man mit guten Vorsätzen beginnen. Dieses Mal mit noch mehr Power, Kreativität, Entschlossenheit, Organisation, Neugier, Fleiß und Ehrgeiz. Dieses Mal wird eben alles besser.

Es kommt zur Bekanntgabe des Semesterthemas. Anna ist begeistert. Das Kopfkino geht los, sie hat tausend Pläne und Ideen, und will am liebsten sofort loslegen. Bertas Kopf hingegen ist leer. Keinen Plan, keine Idee, keine Ahnung. Das Thema ist so offen, da könnte man alles und nichts machen. So viele Möglichkeiten, und jede einzelne davon könnte falsch sein, zum scheitern führen, langweilig oder offensichtlich sein. Der Druck, sich etwas ganz besonderes und kreatives einfallen zu lassen, macht jede Idee gleich zum potentiellen Reinfall.

Die Zeit bis zur ersten Konsultation gilt es nun zu nutzen: für die Recherche, die ersten eigenen Ideen, grobe Skizzen. Für Anna ist das alles ganz leicht. Sie kritzelt ganze Seiten ihres Notizbuches voll. Aus den anfänglichen Gedankenblitzen wird nun ein schon sehr reales Bild in ihrem Kopf, eine konkrete Vorstellung davon, wie ihr Projektergebnis am Ende aussehen wird. Für Berta gestaltet sich diese Phase nicht ganz so leicht. Sie beginnt aus Ratlosigkeit ihre umfangreiche Recherche. Jeder Stein, den man auch nur halbwegs mit dem Semesterthema in Verbindung bringen kann, wird umgedreht. Langsam aber sicher bekommt auch sie ein Gefühl davon, in welche Richtung es gehen soll. Eine konkrete Entscheidung will sie lieber noch nicht treffen, erstmal abwarten und mehrgleisig fahren.

Bei den anfänglichen Konsultationen läuft es vor allem für Anna super, sie weiß ja eh schon genau was sie wie machen will. Viel kann man dann auch nicht mehr dazu sagen. Der Plan steht. Doch plötzlich gibt es Ärger im Paradies. Bei der Umsetzung wird es schwieriger als gedacht. Das funktioniert alles überhaupt nicht so, wie geplant! Jedenfalls dauert es viel länger und ist viel komplizierter. So ein Mist. Denn der Paradeplan ist gleichzeitig auch der einzige Plan von Anna. Kein Plan B. Plan A war doch eigentlich perfekt. Und nun dieser Rückschlag.
Bei Berta hingegen fängt es jetzt erst richtig an. Durch die ersten Konsultationen hat sie an Sicherheit gewonnen, sich für ein Thema zu entscheiden, um dieses nun besser spät als nie umzusetzen. Nach dem anfänglichen Zögern schafft sie sich nun ihre eigenen Tatsachen, und die Ergebnisse können sich schon sehen lassen. Während bei Kommilitonin Anna am Anfang alle begeistert waren, und jetzt ihr Tief gekommen scheint, läuft es für Berta super. Auch ihre Mitstudenten staunen und loben für die Idee, die langsam Form annimmt.

In den Wochen unmittelbar vor Semesterende sind dann alle im gleichen Stress. Wenig Schlaf, viel Kaffee.Man lässt die Finger von letzten Verbesserungen, weil die Zeit nicht mehr ausreicht und freundet sich mit dem Geschaffenen an. Mit dem letzten Motivationsschub wird noch einmal herausgeholt und optimiert was geht und vorerst zum Ende gebracht.

Zur Endpräsentation sind dann alle geschafft, aber doch glücklich. Einige, so wie Anna, mussten ihre Entwürfe noch einmal komplett über den Haufen werfen, weil es nicht so klappen wollte, wie es sollte. Am Ende ist vor allem sie komplett erledigt,und den Ärger der letzten Wochen kann man in ihrem erschöpften Gesicht sehen. Berta hat zwar auch kaum geschlafen, aber gerade die zweite Hälfte ihres Arbeitsprozesses war wegen guter Planung und durchdachter Herangehensweise etwas entspannter.

Letztendlich ist es nur eine Typsache. Ist man eher euphorisch und kommt am Anfang gut voran, oder ist man eher zögerlich und denkt erstmal in Ruhe über alles nach. Anna und Berta sind hier nur zwei Stellvertreter für unterschiedliche Herangehensweisen, und meist vermischt sich das ganze im Prozess sowieso. Man muss nur seinen eigenen Weg finden und aufhören, sich ständig mit den anderen zu vergleichen. Unterschiedliche Menschen gehen unterschiedlich an Problemstellungen und Aufgaben heran. Das sagt aber noch lange nichts über die Qualität der jeweiligen Ergebnisse aus. Und trotzdem kennt ja jeder Student diese Phasen der kreativen Arbeit, in denen man mal von der kreativen Arbeitswut gepackt ist, und mal vor Wut und Ratlosigkeit nicht weiter weiß. Anna und Berta jedenfalls können ein Lied davon singen.

17:07 08.10.2012
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Geschrieben von

ensocama

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