Selbstständige

30 JAHRE VS Einwurf eines Altradikalen in die Jubelfeier des dreißigjährigen Schriftstellerverbandes

Als wir vor drei Jahrzehnten das Ende unserer Bescheidenheit ausgerufen haben, taten wir das in einer Zeit, in der die Worte Profit und Kapitalismus Ekelworte waren. Damals stand das freie Unternehmertum und mit ihm die Gewerkschaftsführungen, in konzertierter Aktion verbunden, mit dem Rücken zur Wand, weil es landesweit wilde Streiks und Lohnerhöhungen von 15 Prozent gab.

Wir waren damals schon ein Teil von ihnen, staatlich sanktionierte Freiberufler und Unternehmer, die zehn bis zwölf Stunden am Tag schufteten, wir ignorierten Sonn- und Feiertage und vernachlässigten unsre Familien wie jeder leistungsbewusste Manager in unsrer Marktwirtschaft. Im Zuge der Flexibilisierung und Globalisierung des Dichtens fuhren wir unsre Golfs steuerfrei, machten unsre Weltreisen aus unternehmerischer Veranlassung und verbuchten die Feten unter Pflaumenbäumen als Werbekosten.

Zur Tarnung unsrer wahren Identität mischten wir uns zwar unter die Organisation derer, die sich mit fünf mal sieben Arbeitsstunden die Woche immer noch überanstrengt fühlen, aber nie machten wir uns mit ihren Tarifstreitereien, ihren Demonstrationen oder gar Streiks gemein.

Unsre wegweisende und vorausschauende Forderung von 1969 führte schon in den achtziger Jahren bei den Leistungs- und Leitungseliten unsres Landes - zu denen wir immer gehört haben - zu einem neuen und entschiedenen Selbstbehauptungswillen und zu einer Regierung, die ihn mit vielen Gesetzen und flankierenden Verordnungen bediente. Aber erst im letzten Jahrzehnt des Jahrtausends setzte sich unser kühner Slogan in eine bis dato ungeahnte materielle Gewalt um und verhinderte so die weitere Verödung der Schaffenskraft der Menschen in sozialen Hängematten. Nun gilt es endlich als ehrenhaft und sozialverträglich, mit Aktien und Bonds zu jonglieren, Kapitale auf Antillen-Oasen zu bunkern, Nummernkonten in Lichtenstein zu beschicken und mit Währungen Pingpong zu spielen.

So gut und nachdrücklich ist unsre Aufforderung zur Unbescheidenheit von den Kollegen Börsianern, Bankern und Bossen umgesetzt worden, dass wir heute, nach dreißigjähriger Arbeit, auf Zahlen blicken können, von der Deutschen Bundesbank veröffentlicht, die uns die Stolzesröte ins Gesicht treiben müssen. So ist es uns gelungen, das Nettoeinkommen aus Gewinn und Vermögen zwischen 1992 und 1998 von 533 auf 809 Milliarden Mark im Jahr zu steigern, das heißt um fast 52 Prozent, und die Steuern darauf von 124 Milliarden auf 99 Milliarden, das heißt um 20 Prozent zu senken. Gleichzeitig ist die Verschuldung des Bundes von einer Billion 2 Milliarden im gleichen Zeitraum auf eine Billion 455 Milliarden gestiegen, was natürlich erheblich zur lukrativen Verzinsung unsrer Kapitale beigetragen hat. Unsre Gilde der Wörterdreher und Vexierbildner hat es geschafft, durch gräuliche Beleuchtung unsres Wirtschaftsstandortes, die abhängig Arbeitenden und ihre Gewerkschaften so zu motivieren, dass sie sich in den genannten sechs Jahren mit einem Einkommenszuwachs von 652 auf 998 Milliarden/Jahr, also schlappen 4,8 Prozent beschieden haben. Ist das nicht ein strahlender Erfolg?

Unser Land liegt inzwischen international an 12. Stelle, was die Höhe der Steuerbelastung angeht, ein recht ansprechender Stellenwert, der uns aber nicht befriedigen kann, so lange wir nicht die Position von Monaco erreicht haben. Bekannt ist, dass in beliebten, vorbildlichen Unternehmen unsrer Wirtschaft, trotz ständig steigenden Gewinns die Steuerabgaben an den deutschen Fiskus sich allmählich der Nullrate nähern. (Unsre Freunde arbeiten noch an den staatlichen Verlustzuweisungen, die sie dadurch erhöhen, dass sie marode, verlustbringende Betriebe aufkaufen und so zugleich als Konkurrenten vom Markt nehmen.) Genug der bei uns unpopulären Volkswirtschaft!

Angesichts dieses durchschlagenden Erfolgs unsres Leitspruchs stellt sich mir aber die Frage, ob der VS nicht die überfällige Würdigung seiner Verdienste durch einen Antrag auf Aufnahme in den Unternehmerverband einfordern sollte?

Oder aber, im Falle der Nichtanerkennung, in einer radikalen Kehrtwendung sich von der uns noch fremden jungen Schreibergeneration ein Motto fürs neue Jahrtausend auf die Fahnen schreiben lassen sollten, das, sagen wir, ein ENDE DER UNBESCHEIDENHEIT fordert?

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