Tittenspruch? Lächeln, Kichern, Schweigen.

Gleichberechtigung Wenn Frauen nicht gegen Sexismus und für ihre Gleichberechtigung und Gleichbehandlung kämpfen - und zwar die Masse der Frauen - wer soll es dann tun?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Beim Thema Sexismus fällt mir eine Szene aus der Berliner S-Bahn ein: Ich fahre am frühen Abend Richtung Mitte, die S-Bahn ist mäßig voll, mir gegenber sitzen zwei junge Frauen. Es steigt eine Gruppe aus drei jungen, angetrunkenen Männern (optisch würde ich sagen: BWL-Studenten) ein, die sich relativ laut, lachend unterhalten. Sie werden auf die beiden jungen Frauen aufmerksam, einer beginnt, deren "Titten" zu kommentieren: "Das sind aber doch geile Titten, oder? Schaut mal. Sind doch echt geile Titten" Dann zu der jungen Frau direkt "Ey du hast echt schöne Titten."

Ich hole Luft, mach mich bereit zum Aufstehen und der jungen Frau im Sinne von "Lass die Frau in Ruhe! Zeig mal ein bisschen Respekt, geht's noch!" zur Seite zu springen.

Noch bevor ich aufstehen kann, beginnt die jung Frau mit: Kichern und Lächeln, Blick abwenden, sich durch die Haare fahren, nochmal Kichern.

Ich, perplex, bleibe sitzen. Erinnere mich, dass das nicht das erste Mal ist, dass ich eingreifen will (oder eingreife), um bei der Verteidigung gegen sexistische, verbale oder sogar körperliche Übergriffe zu unterstützen, und die Betroffene reagiert mit: Kichern, Lächeln, oder sagt zu mir (!) "Halt dich da raus, der meint das doch süß!" / "Lass mal, das war doch nicht so gemeint."

In den letzten Tagen habe ich dabei an die schöne Textzeile aus dem Einheitsfrontlied denken müssen: "Es kann die Befreiung der Arbeiter nur / das Werk der Arbeiter sein."

Wenn Frauen glauben, dass es bei sexistischen Übergriffen jeder Art "besser" sei, sich mit Lächeln und Kichern aus der Situation zu winden anstatt direkt, klar und beim ersten Anzeichen eine Grenze aufzuzeigen, tun sie uns, der Gesamtheit der Frauen, damit keinen Gefallen.

So entstehen Missverständnisse (zwischen Einzelpersonen), so entsteht der Eindruck, dass Alltagssexismus doch "nicht so schlimm" sei, und dass Frauen (und Männer), die sich dagegen positionieren, sich einfach nur ein bisschen arg anstellen.

Liebe Frauen (hier natürlch vermutlich die falsche Zielgruppe, weil die Frauen, die auf freitag.de unterwegs sind, sowieso engagiert, sensibilisiert und politisiert sind), dennoch: liebe Frauen, wir müssen wieder klarer werden im "Zähne zeigen" gegen Alltagssexismus. Nehmt nicht hin, dass ein Mann wie selbstverständlich seinen Arm auf den U-Bahn-Sitz hinter euren Kopf legt oder sein Bein an eurem reibt. Das ist kein Missverständnis und kein "das meint er nicht so", sondern das ist der Punkt direkt zu sagen "Nehmen Sie bitte den Arm/das Bein weg." - und wenn es nicht passiert, laut und noch deutlicher zu werden. Liebe Frauen, wenn ihr so etwas als unbeteiligte Dritte beobachtet, oder einen Spruch hört wie "Was ist denn mit der los, hat die ihre Tage / ist die schlecht gefickt worden?" - springt euren Schwestern bei und widersprecht. Macht den Mund auf.

Niemand kann (und soll) Sexismus für uns "aus der Welt schaffen". Viele Frauen (und Männer!) unterstützen euch gerne, aber Unterstützung ist schwierig, wenn ihr nickt und lächelt und kichert.

Wenn Frauen schlecht oder sexistisch behandelt werden, ist die Änderung von Strukturen und Gesetzen sicher das eine. Aber das andere ist das eigene Verhalten. Weil man keine "feministische Zicke" sein will an sich rumgrabbeln zu lassen oder sich sexistische Sprüche anzuhören und dazu zu kichern, hilft niemandem. Vor allem nicht anderen Frauen. Und leider ist das kein Verhalten aus den 50ern, sondern es passiert heute, hier in Deutschland, jeden Tag.

17:57 07.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

erato

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