Syrisches Roulette von Lutz Herden

Assad als kleineres Übel? Bei der Frage: "Assad oder IS" bleibt die syrische Demokratiebewegung auf der Strecke.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist ermüdend zu sehen, wie Journalisten zu Simplifizierungen greifen, nur um sich in der deutschen Medienlandschaft gegen die „NATO-freundlichen“ Mainstreammedien zu positionieren (was an sich lobenswert ist). Meiner Meinung nach hat sich Lutz Herden, ob bewusst oder nicht, in seinem Artikel Syrisches Roulette einer solchen Vereinfachung schuldig gemacht, weil er die westliche Anti-Assad Haltung kritisiert und einer großen Anti-IS Koalition mit Russland (inklusive Assad) das Wort redet. Als wäre die Situation in Syrien mit - Assad oder IS - hinreichend beschrieben.

Wer wirklich etwas von den syrischen Flüchtlingen lernen möchte, sollte sich einmal mit ihnen unterhalten. Ganz im Ernst. Dann könnte man hören, dass nicht selten der IS Dörfer und Städte eingenommen hat, nachdem das Assad-Regime mit dem abwerfen seiner Fassbomben fertig war. Wie oft haben wir gehört, dass die syrische Armee sich vor einer Offensive des IS zurückgezogen und die Bevölkerung sich selbst überlassen hat? Und wie viele Berichte gibt es, in denen sich die syrische Armee heldenhaft dem IS in den Weg gestellt hat, um die Bevölkerung zu schützen? Die Assad-Armee und der IS kämpfen doch nicht ernsthaft gegeneinander, wie es Lutz Herden in seinem Artikel suggeriert. Abgesehen davon, dass es für beide Seiten wohl mit empfindlichen Verlusten verbunden wäre, brauchen sie sich gegenseitig. Solange der IS in Syrien agiert, kann Assad seinen Krieg gegen die eigene Bevölkerung als Anti-Terrorkampf darstellen. Solange Assad an der Macht ist, bleibt die internationale Gemeinschaft gespalten und es wird kein konsequentes militärisches Vorgehen inklusive Bodentruppen gegen den IS geben. Man stelle sich vor wie schnell ein solches Eingreifen beschlossen wäre, sollte der IS tatsächlich das Assad Regime stürzen und ganz Syrien in sein Kalifat einverleiben. Ebenso skeptisch bin ich gegenüber der Aussage, eine Schwächung des IS ist eine Stärkung von Assad und umgedreht. Zum jetzigen Zeitpunkt stellt sich die Situation doch eher so dar, dass die syrische Armee damit beschäftigt ist gegen die syrischen Rebellengruppen vorzugehen und das von ihr noch kontrollierte Gebiet zu verteidigen. Eine Schwächung des IS würde wohl eher zu einer Stärkung einer der zahlreichen anderen Milizen führen.

Was verspricht man sich denn eigentlich von der großen Koalition mit Moskau, Iran, Assad, China und was weiß ich mit wem noch? Der IS wird militärisch geschlagen, alle Kämpfer kehren wieder nach Hause (wo die Situation genauso aussichtslos ist wie zuvor), Assad bleibt an der Macht und in 20 oder 30 Jahren begrüßen wir seinen Sohn dann wieder als Super-Reformer? Das wäre der finale Schlag für die syrische Demokratiebewegung, welche mal der Auslöser für den Bürgerkrieg war. Kann es vielleicht sein, dass wir hier wieder einmal alles aus der eurozentrischen Brille sehen? Ganz nach dem Motto: „Wenn Assad seine Bevölkerung massakriert, ist das ein syrisches vielleicht ein arabisches Problem. Die Grenze ist erst überschritten, wenn der IS auch noch in Syrien wütet und wir uns deshalb mit syrischen Flüchtlingen rumschlagen müssen.“

Die Situation ist eben komplexer als in Syrisches Roulette dargestellt. Zu der Frage, was wäre ohne Assad, gesellt sich auch die Frage, was wäre ohne den Islamischen Staat?

15:23 17.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

erdbeereis

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 1