„Der indifferente Bürger nützt der Demokratie“

Sachbücher Die neuen Sachbücher im Januar: Einmal monatlich empfiehlt unser Kolumnist Prof. Dr. Erhard Schütz neue Sachbücher. Dieses Mal geht es um die Frage: Was bedeutet eigentlich gesellschaftliche Normalität?
Ausgabe 03/2023
Gesellschaftliche Normalität: Was das bedeutet, versuchen die Sachbücher des Januars zu erklären
Gesellschaftliche Normalität: Was das bedeutet, versuchen die Sachbücher des Januars zu erklären

Foto: Imago/Panthermedia

Eines der trivialen Mantras unserer Zeit ist das von der „Spaltung der Gesellschaft“. Wem nützt sie? Zunächst den so aufgewerteten Abspaltern, dann den Medien, die vor ihr warnen, vor allem der Politik, die ihr entscheidungsflüchtiges Zagen mit Spaltungsvermeidung rechtfertigt. Jürgen Kaube und André Kieserling entwickeln, ehe sie zu solchen Aspekten kommen, erst einmal anhand nationaler Spezifika der Niederlande, Nordirlands und der USA prototypische Intensitätsgrade. Ihr Buch Die gespaltene Gesellschaft liest sich wie eine anregende Einführung in Fragen und Verfahren der Soziologie, das ist nichts für Krawallsüchtige, vielmehr intellektuelle Wohltat. Zwar sehen sie für die USA am ehesten eine tiefergehende Spaltung, bei Weitem nicht jedoch für unsere Gesellschaft. Unter den merkenswerten Aspekten nur zwei hervorgehoben. Der eine für die Politik relevant: Im Gegensatz zu Stammesgesellschaften ist sozialer Zusammenhalt kein genuines Merkmal für Demokratien. Im Gegenteil – die sind gekennzeichnet durch Verfahren und Institutionen des Konflikt- und Konkurrenzaustrags. Der andere, eher provokativ aufmunternd, an unsereins gerichtet: „Der indifferente Bürger, der seine Existenz nicht stark an eine politische Gruppenzugehörigkeit knüpft und sich nicht in jedem Aspekt seiner Lebensführung in Opposition zu einer anderen Gruppe sieht, nützt der Demokratie.“

Um die Illusion einer früher austarierten Normalität und was aus der Wahrnehmung einer aus ihr geratenen Gesellschaft, gar aus dem Versuch einer aggressiven Rückkehr zu ihr folgt, geht es dem Soziologen Stephan Lessenich. Selbst etwas aufgeregt, argumentiert er in Nicht mehr normal gegen die Erregung über Migration, Pandemie, Krieg bis Klimawandel und illustriert dabei den Auseinanderfall von Normbehauptung und realer Normalität. Wir leben, so Lessenich, längst im Zustand einer neuen Normalität. Einzig die Akzeptanz des radikal Neuen könnte zu dessen Bewältigung und Normalisierung führen (Einen Text von Stephan Lessenich hierzu lesen Sie auf Seite 3, Anm.d.Red.).

Wie schnell eine vermeintlich gewisse Normalität dahin sein kann, zeigt der putinistische Krieg. Wie wohlfeil aber, ob hämisch oder wendehalsig, die verlorene Illusion vom „Wandel durch Annäherung“ verächtlich zu machen! Beliebter Sündenbock für triumphale Rechthaber ist Egon Bahr. Als Antidot kann man zu Bahrs 100. Geburtstag jetzt lesen, was eine Vielzahl von Weggefährten und -kreuzenden zu seiner Person und Politik zu sagen haben.

Ein ganz eigener Kursus in Normalität: Die Deutschen und ihre Justiz 1943 – 1948. Nach Paragraf 245 der Zivilprozessordnung wird ein anhängiges Verfahren unterbrochen, wenn zum Beispiel im Kriegsfall die Gerichtstätigkeit „aufhört“. Nur, zeigt Benjamin Lahusen in einem spannend und elegant geschriebenen Buch, dass der Dienstbetrieb nicht gestört wurde, weder durch Bombeneinwirkung noch durch fehlende Rechtsgrundlagen. Zuvor „Sondergerichte“, dann Gerichte, die das „Notrecht“ des Krieges ohne rechtliche Grundlage in „Normalvorschriften“ zu überführen hatten. Überführt wurden jedenfalls im Westen über 80 Prozent der NSDAP-Mitglieder in der Justiz. Und so wird zwar lange nichts von den NS-Unrechtsgesetzen abgeschafft werden, kann jedoch ein Mann, der im April 1945 hätte geschieden werden sollen, im September energisch Vollzug fordern, während ein Vermieter, der seit 1938 gegen Unsauberkeit und ungezogene Kinder einer Mieterin klagte, den Prozess 1950 verlor, weil das Gericht die Parteien als heillos verstritten ansah. Normalität allenthalben.

Aus einer grundsätzlicheren Perspektive der Nachhaltigkeit argumentiert Fritz Reheis für entschiedene Abkehr vom „Nomalbetrieb“. Ausgehend vom Verschludern des Begriffs Nachhaltigkeit im Marketing geht es dem Entschleunigungsexperten um die wirklich nachhaltigen Kreisläufe, um Erhalten und Erneuern. Das ist argumentativ klar aufgebaut und endet mit dem Appell, die vom technischen Fortschritt freigesetzte Zeit „mehr für die Entfaltung der menschlichen als der sachlich-technischen Potenziale zu nutzen“.

Wenn ein so kluger Historiker wie Wolfgang Hardtwig auf Kindheit und Jugend nach 1945 zurückblickt, ist gewiss, dass er sich nicht in Anekdoten verliert. Es macht den besonderen Reiz des Büchleins aus, dass darin klug reflektiert wird, wie die besondere Konstellation einer nazifernen, bildungsbürgerlichen, weltläufigen Familie mit einem Hof in den Bergen die Koordinaten für eine Sozialisation zwischen Zurückgezogenheit und Weltoffenheit, Tradition und Neugier abgab. Für Altersgenossen ist das Buch zudem eine Erinnerungsreise in prägende Lektüren, soziale Konstellationen und politische Verhältnisse.

Die gespaltene Gesellschaft J. Kaube, A. Kieserling Rowohlt 2022, 286 S., 24 €

Nicht mehr normal Stephan Lessenich Hanser 2022, 160 S., 23 €

„Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“ Die Deutschen und ihre Justiz 1943 – 1948 Benjamin Lahusen C. H. Beck 2022, 384 S., 34 €

„… aber eine Chance haben wir“ Zum 100. Geburtstag von Egon Bahr Peter Brandt u.a. (Hrsg.) Dietz 2022, 568 S., 36 €

Erhalten und Erneuern Fritz Reheis Hamburg VSA 2022, 144 S., 12,80 €

Der Hof in den Bergen. Eine Kindheit und Jugend nach 1945 Wolfgang Hardtwig Vergangenheitsverlag 2022, 300 S., 20 €

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