Die Colognisierung der Welt schreitet voran

Sachlich richtig Erhard Schütz kommt von Notre-Dame nach Lourdes und zweifelt an der Frische von Blenheim Bouquet
Schon immer anders: Der verheerende Brand vergangenes Jahr hat neuerliche Aufmerksamkeit auf Notre-Dame gerichtet, dabei ist die Kathedrale seit Jahrhunderten ein Musterstück an Umbauten und Uminterpretationen
Schon immer anders: Der verheerende Brand vergangenes Jahr hat neuerliche Aufmerksamkeit auf Notre-Dame gerichtet, dabei ist die Kathedrale seit Jahrhunderten ein Musterstück an Umbauten und Uminterpretationen

Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Der verheerende Brand vergangenes Jahr hat neuerliche Aufmerksamkeit auf Notre-Dame gerichtet, dabei ist die Kathedrale seit Jahrhunderten ein Musterstück an Umbauten und Uminterpretationen. Am spektakulärsten sind die Zerstörungen im Zuge der Französischen Revolution, ihre Umwidmung zum „Tempel der Vernunft“ und die baldige Kehrtwende mit dem Höhepunkt der Krönung Napoleons 1804 ebendort. Victor Hugo hat dann 1831 mit seinem Roman Der Glöckner von Notre-Dame nicht nur die spektakuläre Geschichte von Quasimodo und Esmeralda dort angesiedelt, sondern durch seine lebhaften Schilderungen der Architektur ein Gotikfieber ausgelöst, das zur Wieder-, ja fast Neuherstellung führte. Exemplarisch der 1860 fertiggestellte Dachreiter, der dann beim Brand so dramatisch einstürzte.

Auf 128 Seiten gelingt es dem renommierten Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens, die Bau- wie Rezeptionsgeschichte ebenso kompakt wie detailgestützt darzustellen. Einzig die Abbildungen sind nicht sehr attraktiv.

Notre-Dame hat, wenn ich mich nicht fehlerinnere, beim Kathedralen-Enthusiasten Marcel Proust keine Rolle gespielt. Er schwärmte eher für Amiens oder das „Urbild“ Chartres. Solche Zuwendung (wie die zum Adel) war nicht selbstverständlich für einen, der zwischen Stolz auf seine Zugehörigkeit zum auserwählten Volk und der Camouflage angesichts der antisemitischen Diskriminierungen changierte, wie er auch im Umgang mit seiner Homosexualität zwischen für die damalige Zeit verblüffender Offenheit und sezierender Kälte (anhand anderer) abwechselte.

Das alles kann man in großgestischen Deutungswerken nachlesen.Da ist es nicht ungefährlich, aber, wenn gelungen, auch höchst willkommen, wenn jemand es versteht, die Perspektive des neugierigen „Laienlesers“ einzunehmen, um neuerlich für Proust zu werben, dessen Lektüre so viele Missverständnisse und Gerüchte, zumal das seiner Langweiligkeit, entgegenstehen.

Das Buch des Historikers Saul Friedländer, das mit dem Odium der Langeweile aufräumt, ist selbst angenehm frei von Langweilerei. Entlang von Prousts Umgang mit dem Jüdisch- und Schwulsein, der komplexen Beziehung von Autor, erzählendem Ich und Erinnerungsmodus, dem Status von Literatur zwischen den Memoiren des Saint-Simon und den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, schließlich der Spur von Prousts erzählerischen und geschmacklichen „Entgleisungen“, reflektiert er seine – keineswegs ungebrochene – Leserfaszination so, dass sie sich überträgt. Was will man mehr?

Marcel Prousts Vater, der bedeutende Epidemiologe, hat damals nachdrücklich vor Massenpilgereien als Infektionsschleudern gewarnt. Joris-Karl Huysmans, bekannt und berüchtigt durch À rebours, den Roman um den exzentrischen Hyperdekadenten Des Esseintes, 1884 erschienen, hat kurz vor seinem Tod 1906 ein Buch über die Pilgerstätte Lourdes veröffentlicht, worin er nach drastischen Schilderungen des unter anderem mit Eiter, Menstruationsblut und Fäkalien durchsetzten angeblichen Heilwassers schlüssig schließt, dass das Ausbleiben von Massenerkrankungen hier „ohne ein göttliches Eingreifen“ kaum möglich wäre.

Huysmans berichtet nicht als Zyniker, sondern als selbst Wundergläubiger und durchaus nüchtern. Lourdes ist für ihn französische Hauptstadt der Hässlichkeit; er riecht „den üblen Mief des Gewerbefleißes“, erkennt in den grellen Ritualen einen „Satanismus der Hässlichkeit“, ist aber fasziniert von ebendieser Gemengelage aus menschlichem Elend, Wundermarketing, Massenwahn – und altruistischer Hingabe. Er schildert die absurde Folklore mit Nachsicht, ja Sympathie. Selbst die klerikale Geschäftemacherei bekommt bei ihm einen Ablass. Dass der Ästhet das Kerzenmeer „prachtvoll“ findet, verwundert nicht, doch selbst faszinierend ist seine Faszination für das Moribunde, Hässliche, Kitschige, für die Ambiguität der Massen, in der er gar eine „Erneuerung des Evangeliums“ sieht: „Lazarett der Seelen“, desinfiziert „mit dem Antiseptikum der Nächstenliebe“.

Des Esseintes, der „Künstlichkeit für das Wahrzeichen des menschlichen Genies“ hielt, stellte Landschaften aus Parfüm zusammen. Mag die Kolonisierung der Welt passé sein, die Colognisierung schreitet weiter voran – meint jedenfalls Paul Divjak und widmet sich dem bedufteten Mann. Eine Geschichte des Herren- oder Männerparfüms, ob dermatofeminin oder machomuskulär. Düfte, rhapsodiert er, „sind wie Tagebücher, wie olfaktorische Briefe an die Liebsten, an Freunde, Mitmenschen, Zeitgenossen“. (Oder auch wahllos Strafzettel an die Mitmenschheit, wie Fahrenheit, die Antwort auf das seinerzeit weibliche Poison.) Indes tatsächlich ein unterhaltsam belehrendes Buch über Trends und Umstände, Zusammensetzung und Aufmachung, Mut und Marketing. Eine chronologische Liste der wichtigsten Düfte, in der mir nur das Hâttric meiner Jugend fehlte, belehrte mich unter anderem, wie meine Immer-noch-Vorliebe, Blenheim Bouquet, wie ich in die Jahre gekommen ist. Das Buch jedoch ist frisch von jetzt und fein gemacht.

Info

Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale Thomas W. Gaehtgens C. H. Beck 2020, 128 S., 9,95 €

Proust lesen. Ein Essay Saul Friedländer C. H. Beck 2020, 208 S., 22 €

Lourdes. Mystik und Massen Joris-Karl Huysmans Hartmut Sommer (Übers.), Lilienfeld 2020, 320 S., 22 €

Der parfümierte Mann Paul Divjak Edition Atelier 2020, 152 S., 20 €

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