Durch die moralische Sandwüste

Randgänge Von Berlin über den Amazonas nach China: In seiner Kurzrezensions-Kolumne "Dreirat" bespricht Erhard Schütz neue Sachbücher

Dem modischen Trend zur „Kleinen Geschichte“ folgend, eine solche der Landschaft schreiben zu wollen, scheint recht selbstbewußt. Denn Landschaft ist nicht nur ein weites Feld, sondern kommt auch von lang her. Zudem haben Geographie, Geologie, Ökologie, Soziologie, Ökonomik, Agrarwissenschaft, Raumplanung, Landschaftsarchitektur, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie etwas beizutragen. Der Pflanzenökologe Hansjörg Küster, seit langem Spezialist für große Würfe, ob zur Elbe oder zur Geschichte des Waldes, hat sich dennoch - und erfolgreich - an diese kleine Geschichte gemacht. Man kann sie vom Anfang her studieren, nach und nach alle wesentlichen Elemente und Fragestellungen, Phänomene, Prozesse und Metaphern - notgedrungen oft allgemein, aber doch immer wieder hinreichend exemplarisch - entfaltetet bekommen, oder vom Ende her, das naiv-sentimentalischen Naturschützern den Schwung nehmen könnte: Naturschutz ist naturwissenschaftlich nicht begründbar, weder zu Artenreichtum noch Gleichgewicht. Ganz nüchtern plädiert Küster daher für die Übernahme der europäischen Landschaftskonvention, nach der Landschaft ein vom Menschen wahrgenommenes Gebiet des Zusammenwirkens natürlicher und menschengemachter Faktoren ist. Das ist nicht spektakulär, aber, wenn man durch Küsters Landschaftsreflexionen hindurchgegangen ist, realistisch.

Schöne Aussichten. Kleine Geschichte der LandschaftHansjörg Küster C. H. Beck, München 2009, 127 S., 12 €

„Um über Menschen zu urteilen, die man liebt, muss man die Landschaft kennen, den Grund, auf dem man sie in Gedanken ansiedeln kann.“ So schrieb einst Alexander von Humboldt an seinen Bruder. Ihm, der viele Menschen, wahrscheinlich aber wesentlich mehr Landschaften kannte, ist im Jubiläumsjahr eine Unmenge gewichtiger Werkauflagen gewidmet. Da ist diätisch wohltuend, wenn man auch ein kleines Brevier erhält, das diese Ausnahmefigur kundig in Pointen präsentiert. Da zeigt sich, daß Alexander von Humboldt doch entschieden facettenreicher war als jene skurrile Figur der Vermessung der Welt. So leidenschaftlich er zur Napoleonzeit seine Heimat beklagte: „Warum blieb ich nicht in den Wäldern am Orinoco oder auf dem hohen Rücken der Andenkette?“, so bissig konnte er Berlin als „eine moralische Sandwüste, geziert durch Akaziensträucher und blühende Kartoffelfelder“ charakterisieren. Nun ist mißlich, zur Empfehlung einer Zitatensammlung selbst nur zu zitieren, drum nur dies: „Zum schriftstellerischen Handeln gehört Läuten, darum halte ich etwas auf Rezensionen.“

Es ist ein Treiben in mir. Entdeckungen und EinsichtenAlexander von Humboldt dtv, München 2009, 159 S., 8,90 €

Warum die Chinesen so viel spucken: „Der Staub der Jahrhunderte.“ China ist ein weites Feld und wird es, je näher man ihm zu kommen sucht, immer mehr. Man kann da gar nicht genug wissen, um nicht reinzufallen oder aus dem Rennen zu sein. Nützlich also, einen Guide oder Sherpa zu haben. Sherpas sind Angestellte. Um Angestellte geht es in diesem mal wieder ausnehmend schön und haltbar gestalteten Buch des Elfenbein Verlags. Nicht um die antiquarische Sorte allerdings, die Ärmelschoner, Büropflanzen, Mittagsschläfer und Krankfeierer, sondern um die heutige Avantgarde, die Auslandsexperten, vulgo gern als Manager hofiert. Deutsche Industrie- und Handelsvertreter in China erscheinen hier - in den Augen ihres Kollegen Kohn (am ehesten wohl der vorgeschobene Beobachter seines Autors) - in ganz seltsam andersartigen Kategorien: Der Gegenteiler, Landfahrer, Vorgänger, Jagdführer, Wohldiener oder Eigenmann sind nur ein paar darunter. Deren Verhalten wird beobachtet, wenn man ihnen betrunkene, aber noch lebende Krebse serviert oder den teuren Schnaps ungerührt als gefälscht zurückweist. Es ist eine Führung durch sich kreuzende und verstärkende Exotik, die Chinas und die der globalisierten Angestellten - in einer funktionalen Sprache, IM-Berichten ähnlicher denn ‚dichten Beschreibungen’. Der Erzähler selbst repräsentiert einen weiteren, wohl den deutschesten Typus von allen, den als Weltwisser getarnten Querulanten. Hält man ihn auf Distanz, erhält man wertvolle Informationen - über China und die Angestellten.

Angestellte. Roman. Rainer Kloubert Elfenbein, Berlin 2008, 335 S., 22,00 €

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