Entenheinrichs Vogel-WG

Literatur Professor Schütz weiß jetzt endlich, wo Konrad Lorenz seine Gänslein hernahm. Und das waren viele!

Als ihr Gemahl Siegfried in den Krieg zog, rückte sein Statthalter Golo der guten Genoveva von Brabant auf den Leib. Sie blieb standhaft. Golo verurteilte sie zum Tode. Sie entkam und lebte sechs Jahre mit ihrem Neugeborenen verborgen in einer Höhle, von Jungfrau Maria qua Hirschkuh versorgt. Dann fand Siegfried die beiden und ließ den bösen Golo vierteilen. Genoveva und Golo hat’s nicht gegeben. Wohl aber Brabant und Burgund – und das als ein vielteiliges, durchaus mächtiges und kulturell blühendes Reich, das sich im 14. und 15. Jahrhundert, in Huizingas Herbst des Mittelalters, zwischen Deutschland und Frankreich ausbreitete, ehe es verschwand. Zuvor zeigte es Pracht und Prunk. Auf der Hochzeit von Philipp dem Guten mit Isabella von Portugal zu Beginn des Jahres 1430 bewirtete keine Hirschkuh, sondern lief aus einem hölzernen Löwen Wein, und einer riesigen Pastete entstiegen allerlei Wesen. Die musste man nicht verspeisen, weil es alles in Hülle und Fülle gab. Etwas sehr oligarchisch im luxuriösen Geschmack, doch wirkungsvoll als Botschaft des Selbstbewusstseins. Den Herrschern gelang lange die Balance zwischen Bewirtschaftung der Handelsströme, Einbindung des Feudaladels und der zahlreichen Kirchengüter sowie Interessen des Stadtbürgertums. Davon kann man in opulentem Detailreichtum, prall und prächtig von Anekdoten und kulturellen Ikonen, lesen. Auch hier endet es wie im wirklichen Leben: Der expansionssüchtige Kriegsbold Karl der Kühne verlor eine Schlacht nach der anderen, bis ihm die bravourösen Schweizerbürger 1476 gar den Staatsschatz abnahmen. Die Franzosen bedienten sich, und Karl V. integrierte den stattlichen Rest ins Habsburgerreich. Und was noch heute Holland, Flandern und Wallonien trennt, soll von damals herrühren.

Als ich mich vor Zeiten mit Konrad Lorenz beschäftigte, verwunderte mich sein ungemein hoher Vogelverbrauch. Ständig benötigte er neue Exemplare aus Berlin. Dank eines lehrreichen und unterhaltsamen Buchs weiß ich nun, woher die kamen. Was macht nämlich der kurzsichtige Vogelliebhaber und -kundler? Nun, er zieht sie einfach zu Hause auf. Heute ist es streng verboten, Wildvögel derart zu halten. Damals, das war zwischen 1904 und 1932 und danach, ging das noch. Oskar Heinroth, unter anderem Gründer des Berliner Aquariums, erster wissenschaftlicher Erklärer der Mauser, mit der Eigenbezeichnung „Tiergärtner“ und dem Spitznamen „Entenheinrich“, hatte den Ehrgeiz, die Vögel Mitteleuropas im Aufwuchs zu beobachten. Tätigst unterstützt von seiner Frau Magdalena, die zur Verlobung eine Mönchsgrasmücke bekam. Die Eier sammelte das Paar oder bekam sie von überallher zugeschickt. Circa 1.000 Exemplare von circa 250 Arten besiedelten so nach und nach ihre Etagenwohnung. Herausgekommen ist ein vierbändiges Monumentalwerk mit circa 4.000 Abbildungen. Ein Projekt, über dem sich der Verleger verzweifelt umbrachte. Heinroth hielt tapfer durch, trotz schwerer Vogelallergie. Als Magdalena 1932 starb, folgte ihr 1933 Katharina, nach dem Krieg Berliner Zoodirektorin. Das alles kann man fein illustriert im Buch über die Vogel-WG nachlesen, ergänzt um eine exemplarische Auswahl aus der Heinroth’schen Vogelkunde.

Eine mehrfach bemerkenswerte Wiederentdeckung: Susanne Kerckhoff, damals 30 und Feuilletonleiterin der Berliner Zeitung, wählt die „belletristische Form“ eines Briefromans, in dem eine ihr biografisch nahe Helene an einen ins Exil gegangenen Hans schreibt. Und zwar über die jüngsten Entwicklungen, speziell in Berlin. Helene steht der SED nahe. Kritisch. Ihr Antrieb ist Antifaschismus. Sie notiert beängstigende Dickfelligkeit, Verstocktheit, Zynismus oder auch nur Opportunismus. Beispiele, die in ihrer Struktur nur allzu sehr dem ähneln, was wir heute von „bürgerlich“ rechts erleben. „Sie nehmen Gerechtigkeit in Anspruch, um desto schneller wieder zu ihrer Art von Gerechtigkeit zu gelangen!“ Sie hingegen quält sich mit Skrupeln: „Welcher Sozialist, der mit sich allein und ehrlich ist, hat sich nicht schon die bängliche Frage gestellt, ob die Erfassung durch materielle und geistige Planwirtschaft nicht noch grausiger ist als der Machthaber-Kapitalismus?“ Sie stellt die Frage, um sie – schweren, aber vollsten Herzens – positiv zu beantworten. Die Deutschen sollten nicht der jeweiligen Seite ihrer Wahl applaudieren, wenn die Alliierten uneins sind, sondern „nur dann, wenn sie sich einigen!“. Das nun ist feinste Ost-Rabulistik. Von einer, die immer neu mit sich und dem Sozialismus ringt. Doktrinäre Bewegungen haben „Ringende“ als Unterstützer gern. Freilich nur begrenzt. Susanne Kerckhoff, eine kluge und gebildete Frau, wie die Briefe ihrer Helene immer wieder zeigen, wurde, als sie eine für die Partei inopportune Kritik verfasste, von einer Koalition aus Stephan Hermlin, ihrem Halbbruder Wolfgang Harich, Ulbricht, Grotewohl und Wandel 1950 in den Suizid getrieben.

Als Reiseziel fällt Paris einstweilen ebenso aus wie Mallorca oder Marokko. Könnte man wieder hin, wäre Notre-Dame wegen des katastrophalen Brandes nicht zu besichtigen. Und das wohl länger als die von Macron versprochenen fünf Jahre. Zwar kein Ersatz für das Erlebnis, mit seinesgleichen aus aller Welt sich heranzuschlängeln und massenhaft hindurchzuschieben und von den Erklärungen nichts zu verstehen, aber so ganz ohne time slot kann man hier an Gemälden des 18. über Fotografien des 19. Jahrhunderts bis hin zu spektakulären Bildern des Brandes jene Andacht einüben, die man am Ort dann vermissen wird.

Info

Burgund. Das verschwundene Reich Bart Van Loo C. H. Beck 2020, 656 S., 32 €

Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser Knesebeck 2020, 272 S., 22 €

Berliner Briefe Susanne Kerckhoff Das kulturelle Gedächtnis 2020, 112 S., 20 €

Notre-Dame de Paris. Bilder einer Kathedrale 1763 – 2019 Lothar Schirmer (Hg.) Schirmer/Mosel 2020, 176 S., 99 Bildtafeln, 39,80 €

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