Nie wieder

ALTE TRICKS Jan Peter Bremers neuer Roman "Feuersalamander" wirkt, als hätte ein verkaterter E.T.A. Hoffmann einen lustlosen Robert Walser weitergeschrieben

Jetzt haben wir alle die wilden Metropolen-Romane, und überhaupt wird endlich drauflos phantasiert, gesponnen und schwadroniert, vulgo: erzählt, dass man hier und da sich schon mal wieder ein Portiönchen verkaterte Selbstbespiegelung wünschen mag.

Da wir alle unglückliche Affen sind, wie der Protagonist von Jan Uwe Bremers Feuersalamander, ein ambitionierter, aber bisher eher Zwei-Worte-Dichter, als Botschaft seines noch zu schreibenden Buches verkündet, hielte ohnehin, wer sich den Spiegel vorhält, sich uns darin hin. Zudem hat seit Jean Paul und E. T. A. Hoffmann die deutsche Literatur wunderbare Zeugnisse virtuoser Dichterspiegelungen zu bieten.

Was die aber nicht gemacht haben: Jedes noch so kleine Päckchen locker bedruckten Papiers einen Roman zu nennen. Das gehört sich nicht. Bei selbstbespiegelnden Texten ist Kürze ein Segen. Aber sie müssen dann nicht trotzdem Roman heißen wollen. Es sei denn, das wäre die Textstrategie der Enttäuschung noch auf dem Textblatt fortgesetzt. Jan Peter Bremer, der für seinen letzten Text, Der Fürst spricht, den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat, lässt es bei 112 Seiten "Roman" bewenden und am Ende seinen Helden gar versprechen: "Nie wieder!"

Bei Gottfried Keller gibt es einen Kellner, der, indem er Tinte in die Feder nahm, über diese Tinte schrieb. Bremers Held ist zwar kein Kellner, hat aber, offenbart er einem Kellner, schon als solcher gearbeitet. Er schreibt nicht mal über Tinte, sondern sitzt, vor Frau und Kind geflohen, als Gast im Café und rüstet sich zum großen Werk, indem er auf eine Postkarte "Lieber Freund" schreibt. Dabei tagträumt er wacker drauflos, unter anderem, wie er wieder nach Hause kommt, nach stattgehabter Dichterarbeit liebevoll empfangen von Frau und Kind. Aber er ist, wie Träumer seit Kafka und Robert Walser, ungeschickt. Das Schicksal schickt ihm einen "Pinkelbruder", der durch einen Feuersalamander, den er aus der - unbefahrenen - Fahrbahn nahm, später dann doch plattgefahren vorfand, aus der Bahn geworfen wurde. Der Gast wird zum Gastgeber und sieht im Säufer den Unschuldigen schlechthin. Man trinkt Schnaps. Der Säufer entwischt und wird zum Feuersalamander des Dichters, nämlich plattgefahren, sagt der Dichter, der sich jetzt zu seinem Verwandten macht, untröstlich ist und schließlich vom Kellner mit nach Hause genommen wird. Am anderen Morgen geht es dem Dichter schlecht. Er hat nicht nur das Sofa mit Körperausscheidungen kontaminiert, was die Frau des Kellners zur energischen Gastunfreundlichkeit bestimmt, sondern in der Nacht den Kellner offenbar so eindrucksvoll mit dem Inhalt seines zukünftigen Buches belabert, dass der seinen Geschichtslehrer geholt hat, der dem Dichter, der inzwischen alles vergessen hat, die Schönheit der Natur zeigt und ihn in den Zug nach Hause setzt. "Nie wieder!" Der Dichter ist der Feuersalamander des Autors ...

Das ist immerhin eine passable Geschichte, die offenbar jedem von uns widerfahren könnte, denn als Annäherung an das "Mysterium der Schöpfung" verkündet der Klappentext sein Büchlein. Schöpfung - wofür wäre sie nicht Gleichnis, zumal, wenn der Autor bekennt, Kafka und Robert Walser zum Vorbild zu haben? Wird da Schöpfung nicht gleich dem Wunsch nach dem großen Bingo, nach Glück in der Liebe oder Frühverrentung? Ist Schöpfung nicht dem Mysterium des BMW Z8 oder einem Kuss von Leonardo DiCaprio verwandt? So gesehen, steht der Text mitten im Leben! Denn niemand kriegt, was er sich wirklich wünscht! Michael Rutschkys Axiom gilt auch hier - für Autor und Leser gleichermaßen.

In ihren besten Partien von halluzinatorischer Sachlichkeit, artistisch in der Konstruktion (wozu allerdings grammatikalische Unsicherheiten weniger gut passen), Vexierbild von Tragik und Komik, wirkt es am Ende doch mehr, als hätte ein verkaterter E. T. A. Hoffmann einen lustlosen Robert Walser weitergeschrieben. (Das ist freilich immer noch besser, als Siegfried Lenz oder Peter Härtling zum Vorbild genommen.)

Gottfried Kellers eingangs erwähnter Kellner fand sich plötzlich zu gut für einen Schriftsteller und reif genug für einen Oberkellner. Da es den Beruf des Oberautors noch nicht gibt, wäre Jan Peter Bremer zu wünschen, dass er sich entschiedener zur Autorenschaft reif fände. Er könnte es - und müsste dann nicht mehr die alten Tricks nachmachen.

Jan Peter Bremer: Feuersalamander. Roman. Berlin-Verlag, Berlin 2000, 112 S., 28,- DM

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