Schatzsucher einmal anders

Literatur Felicitas Hoppes „Nibelungen" erzählt die berühmte europäische Sage völlig neu mit dem ihr eigenen Stil. Einflüsse gibt es viele. Wer jedoch kaum vorkommt ist Richard Wagner
Wird von Felicitas Hoppe in ihrem Roman aufgegriffen: Fritz Langs Verfilmung der Nibelungen-Sage
Wird von Felicitas Hoppe in ihrem Roman aufgegriffen: Fritz Langs Verfilmung der Nibelungen-Sage

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Vor Jahren hat Felicitas Hoppe eine wunderbare Nacherzählung veröffentlicht, Iwein Löwenritter, die noch heute Kinder wie Eltern begeistert. Wer nun von ihren Nibelungen Ähnliches erwartete, täuschte sich arg. Dazu hat sie viel zu lange an dem Stoff laboriert. In ihrem phantastischen USA-Reisebuch Prawda von 2018 finden sich entsprechende Einsprengsel. Beispielsweise ein Besuch bei Quentin Tarantino: „Drehbuchschreiber sind Träumer. Sie träumen von Schätzen, Rache und Blutrausch, von Mord und Totschlag, von Friedhöfen, auf denen sich die Geister der rheinischen Nibelungen jede Nacht gegen die Geister der russischen Hunnen erheben.“ Irgendwann die Bemerkung, die Nibelungen „trinken ihr eigenes Blut, um das Feuer der Selbstvernichtung von innen zu löschen.“ Wahrlich kein Stoff für Kinder. Nicht, nachdem er durch so viel mythomanischen Missbrauch, zumal in der Nazizeit, hindurchgegangen ist.

Doch selbst Richard Wagner wird hier weitgehend ignoriert. Dafür knüpft sie zum einen an Fritz Langs Stummfilm an, der Adolf Hitler so begeisterte, zum anderen an die Wormser Nibelungen-Festspiele, denen sie jedoch ein Kuckucksei im Straußenformat auf die Bühne legt. Da ist zum einen ein Verfahren, das ihr seit langem eigen ist und das sie in Hoppe und Prawda perfektioniert, hier aber noch eine Umdrehung weiter geführt hat, nämlich das der spielerischen Mystifikationen, der wechselweisen Überblendung von Erfindungen und Phantastereien mit den sogenannten Tatsachen. Produkte einer quecksilbrigen Einbildungs- und irrlichternden Einfallskraft, die doch einer scharfen Logik gehorchen. Wenn Jean Paul heute schriebe, würde er wohl ähnlich schreiben. Zum anderen ist darin, scheint’s, ein Impuls, sich die Kindlichkeit mit ihrer Fähigkeit zur Verzauberung der Welt zu erhalten, in diesem Falle freilich: sie wiederzugewinnen. Denn die Nibelungen passen zwar mit ihrer Schatzversessenheit bestens in die Träume des Kinderzimmers, aber ihre todernste Racheverbohrtheit sind ein Alb, von dem sie allererst selbst zu befreien wären, um sie im Spiel der Phantasien und Träume wieder mitspielen zu lassen.

Nicht alles wurde im Original so vorgesehen

Schätze gehören zur Grundausstattung der Literatur seit unvordenklichen Zeiten. Und mit Stevensons schaurig schöner Schatzinsel spätestens sind sie in die Kindheit eingezogen. Doch wie zaubert man aus der eisernen Ration ein bezauberndes Gericht? „Die wertlosesten Dinge sind die wertvollsten. Das sind die sogenannten Schätze.“ - so Yulia Marfutova Anfang des Jahres in ihrem fulminanten Debüt Der Himmel vor hundert Jahren. Das gibt der Literatur ihre Freiheit, selbst zum Schatz zu werden. Pilon in John Steinbecks Tortilla Flat wusste: „Ich darf diesen Schatz nicht für mich selbst begehren. Wenn …, dann gräbt der Schatz sich tiefer und tiefer in die Erde wie eine Meermuschel, und ich werde ihn dann niemals finden.“ Der wahre Schatz ist für die anderen. Das freilich war in den alten Nibelungen nicht so. Und folglich entzog sich der Schatz. So jedenfalls die Lesart bei Hoppe. Der Schatz der Kindheit „hat uns gefoppt, er hat seinen Plan und seine Richtung geändert.“ Der gewaltige Schatz, mit seinem Kernstück der goldenen Rute als Mittel zur Herrschaft über die Welt, ist hier so quecksilbrig fluide, wie seine Entkörperung in der ‚goldenen Dreizehn‘, die „im Original nicht vorgesehen“, aber als „freiberufliche“ Schätzin ebenso ungreifbar und wandelbar ist wie das Erzähl-Ich (oder eher: Erzählich). Letzteres wiederum interviewt in den Pausen die Mitspieler – ein Kabinettstück für sich -, beobachtet die geradezu verzweifelt feldherrlich Ordnung in das sich ebenso quicklebendig wandelnde Bühnenspiel bringende, von Fritz Langs Filmarchitekten abstammende Regisseurin Frau Kettelhut, ebenso wie das blutdürstige Publikum, auf dessen Konto wiederum, scheint’s, nicht zum wenigsten die Blutrünstigkeit auf der Bühne geht. Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Macht und die andere Leidenschaft: Rache. „Denn mit nichts auf der Welt lebt die Königin besser als mit ihrer ewigen Trauer: ein verschleiertes Bankgeheimnis, eine Bombe auf Zeit.“ Weder mit Liebe noch mit dem Versprechen schönerer Tage lässt sich Krimhild, „Deutschlands beweglichste Superwitwe, die schönste verkaufte Braut von allen“, sondern nur durch einen noch größeren Schatz als ihr eigener, einer der „ihre Hoffnung auf ewige Rache nährt“. Die Racheverbohrtheit, an deren Ende der Untergang aller steht, die Nibelungentreue Stalingrads, im „Kessel ihrer Treue schmorend“, aufzulösen – und hier ist es einmal wirklich an Platze – zu dekonstruieren, ist die virtuose Leistung Hoppes in ihrem fulminanten Roman, der die vermeintlich unausweichliche Schicksalsschwere konterkariert mit ausweichenden Finten, mit ironischer Heiterkeit und kindlichen Albernheiten.

„Sicher ist nur, dass es früher, so jedenfalls hört man, jede Menge Dichter und Sänger gab, die das Elend und den Tod, seinen nächsten Freund, weit besser beschreiben konnten als ich“. Da wird nicht nur der Showdown zur Tortenschlacht unter Gangstern, sondern der vermeintlich schwerdeutsche Stoff zu einem gesamteuropäischen Gewand – der Schatz aus Norwegen, die Burgunder heute Franzosen, Dietrich von Bern aus Verona, Etzel = Attila und so fort vom Rhein zur Donau, von der Nordsee zum Schwarzen Meer. Das alles geschmückt mit ihren Arabesken und den feinsten Spitzen gegen Machtwahn und Liebesrausch, Blutdurst und Kapitalgier. Am Schluß bringt sie die mittelalterlich dem Lied angehängte Klage ins Spiel zurück, in der unternommen wird, das Schicksal aller Beteiligten zu betrauern, einen christlich versöhnlichen Ausweg zu finden. Hier Frau Kettelhuts „Triumph der Geduld und des langen Atems, der sich über sämtliche Nibelungen erhebt.“ Nicht zuletzt ist der Roman, der solche Lehren bereithält:„Nicht die Fahrt ist gefährlich, sondern die Ankunft, nicht das Meer, sondern die Küste.“, eine Hommage ans Erzählen. „Raten ist eins, Handeln ein Zweites, die Erzählung ein Drittes. Und wie die Geschichte uns lehrt, gewinnt die Erzählung fast immer.“ Gefolgt freilich vom Nachsatz: „Weshalb sich die Könige selbstverständlich nicht aufhalten ließen“…

Felicitas Hoppes Buch ist ein Schatz, ein Hausschatz, so vielgestaltig, dass er die Gestalt nicht mehr wechseln muss, doch beim Wiederlesen sich erneuern und mehren wird.

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