Von „high bis down, aufgeweckt bis komatös“: Prof. Schütz liest die Sachbücher des Monats

Sachbuch Einmal im Monat bespricht Prof. Erhard Schütz Sachbücher, die man unbedingt lesen sollte. Diesmal „probiert“ er psychoaktive Pflanzen und radelt begeistert durch ein Vorkriegsberlin
Ausgabe 50/2022
Sieht nicht nur schön aus: Roter Fingerhut enthält den pflanzlichen Stoff Digoxin – und ist giftig!
Sieht nicht nur schön aus: Roter Fingerhut enthält den pflanzlichen Stoff Digoxin – und ist giftig!

Foto: IMAGO/imagebroker

Mit dem Fahrrad ohne Klingel und Bremse durch die Stadt. Nicht heute, sondern genau vor 100 Jahren. Da war, glaubt man den Zeitgenossen, schon Zeit für Nostalgie: Ach, wie waren vordem Berliner Radpartien noch so bequem! Nämlich vor dem Krieg. Da war Berlin eine radfahrende Metropole. 1900 waren von zwei Millionen immerhin schon 110.000 mit dem Rad unterwegs. Im gesamten Reich hingegen erst 17.000 Automobile. Eckhard Gruber versammelt wunderbare bis wundersame Texte aus 150 Jahren radelndem Berlin. Fein zeitgenössisch illustriert und ebenso kommentiert. Highlights aus den Zwanzigern: Feuchtwanger, Kerr, Roth, Tergit.

Und natürlich Rad- und Rat-Asse von der Nachkriegszeit bis heute. Neben vielen anderen etwa Kästner, Johnson, Elke Erb oder Max Goldt, der wunderfein gegen selbsternannte Bürgersteigpolizisten wie „Rennradbestien“ austeilt. Das ist einerseits schlichtweg amüsant zu lesen, andererseits hinterrücks eine veritable Sozial- und Kulturgeschichte, durchaus über Berlin und übers Zweirad hinaus.

Was immer Kat Menschik auch illustriert, es ist stets illuster. Und diesmal besonders augenwirksam. Denn es geht um psychoaktive Pflanzen. Mindestens 500 soll es geben. Die passen natürlich nicht in ein schmales Büchlein. Aber was der als Arzt und Schriftsteller doppelbegabte Jakob Hein versammelt und erläutert hat, reicht für Zeugung bis Bahre, von high bis down, aufgeweckt bis komatös. Gekaut, geraucht, gebraut, gerieben – die üblichen Verdächtigen, wie Fingerhut, Goldlack, Absinth, Tabak, Koka oder Mohn. Dazu jede Menge vermeintlich Unverdächtige: Amaryllis, Alpenveilchen, Salbei oder Muskat. Unterhaltsam unterrichtend und berückend bebildert – garantiert wohltuend psychoaktiv!

Diese wenigen Zeilen erscheinen unverhältnismäßig angesichts der wahrlich epischen Breite, in der es hier um Aufstieg und Niedergang der Städte bis hin zum Römischen Reich geht. Doch so differenziert und detailliert der Althistoriker Greg Woolf die Entwicklung von Urbanität im Mittelmeerraum verfolgt, man kann durchaus ein paar Kernpunkte daraus destillieren. Zunächst einmal die Korrektur unseres Welt- und Stadtbildes, das anhand etwa vom ewigen Rom, von nicht minder andauernden Metropolen wie Neapel, Marseille oder Alexandria, zu einer Monumentalisierung der Urbanisierung neigt. Oder zur überzogenen Mythisierung wie im Falle des Falls von Babylon. Woolf hingegen legt Wert auf die kleineren, zugleich fragileren wie verschwundenen Städte, um zu demonstrieren, wie kleinteilig und stets bedroht, aber von hier aus zugleich auch erfolgreich die Urbanisierung war.

Dazu nimmt Metropolis einen langen, langen Anlauf durch die Städte der Vor- und Frühgeschichte. Sie waren meist klein, oft provisorisch, ähnelten wohl eher Outposts in den Gebieten, in denen – pauschal – die Barbaren hausten, denn funktionierenden Gemeinwesen. Aber gerade durch sozusagen „trial and error“ in den Gründungen mendelte sich das erfolgreiche Herrschaftskonzept von Stadtstaaten als Konzentrationen von Arbeit, Organisation und Herrschaft heraus. So wenig an Monumentalität interessiert, ist das Buch doch selbst monumental.

Als in Deutschland 1848 in Anlehnung an Frankreich, das darin inzwischen geübt war, erstmals eine Revolution gewagt wurde, gab es keine Blaupause dafür. Dafür gab es bald Bedenkenträger und Verhandler, Hitzköpfe und Fanatiker. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden sie literarisch nicht selten zu Witzfiguren, die mit langem Bart und Schlapphut, die mit wehendem Haar, mit nicht korrekten Röcken. Dass der demokratische Volksaufstand überall so elend zugrunde ging, ist kein Argument dagegen, ihm weit mehr Platz einzuräumen. Wahrlich hätten die Umbenennungswütigen zu Straßen und Plätzen hinreichend Namen, ob männlich oder weiblich, wenn sie die denn nur zur Kenntnis nähmen. Jörg Bong hat ihnen in Die Flamme der Freiheit – einstweilen zwar nur ihren hauptsächlichen Akteuren und -innen – mit Herzblut und hartnäckiger Recherche ein Denkmal gesetzt, das dank seiner vitalen Vehemenz und dramatischen Anschaulichkeit alles andere als kalter Marmor ist. Ich stecke, offen gestanden, noch immer mittendrin in den über 500 Seiten, aber ich werde es ganz gewiss zu Ende lesen. Allein schon, weil es die plastische Entfaltung dessen ist, womit ich mein Germanistikstudium begann, das Seminar bei Günter Oesterle, in dessen Zentrum das von Jost Hermand besorgte, epochemachende Reclam-Heft zum Jungen Deutschland stand.

Und nun noch ein Quickie. Gerne nimmt man ja Kinder und Enkel zum Vorwand, um sich mal janz domm zo schdelle. In Sonderheit in Fragen der Ökonomie, die immer noch, wie die Medizin, der Schulweisheit vorenthalten wird. Wirtschaft für Kids ist ein bestens geeignetes Mittel, sich seines Wissens zu vergewissern und seines Unwissens nicht schämen zu müssen. Für die ganze Familie!

Berliner Radpartien Eckhard Gruber (Hg.) B & S Siebenhaar 2022, 197 S., 25 €

Kat Menschiks und des Psychiaters Doctor medicinae Jakob Hein Illustrirtes Kompendium der psychoaktiven Pflanzen Galiani 2022, 112 S., 22 €

Metropolis. Aufstieg und Niedergang antiker Städte Greg Woolf S. Held (Übers.), Klett-Cotta 2022, 608 S., 35 €

Die Flamme der Freiheit. Die deutsche Revolution 1848/1849 Jörg Bong KiWi 2022, 560 S., 29 €

Wirtschaft für Kids Alexander Hagelüken C. H. Beck 2022, 192 S., 12,95€

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