Immer wieder Überraschungen mit Frauen

Sachlich Richtig Prof. Erhard Schütz „reist“ in die Tropen, kommt von Wien über Berlin nach Paris. Im Gepäck: tolle Biografien!
Ausgabe 36/2022
Die Schriftstellerin Vicki Baum
Die Schriftstellerin Vicki Baum

Foto: Imago/ United Archives International

Er hat dem Werk Alexander von Humboldts Jahre gewidmet. Die gründliche Vertrautheit damit belegt Oliver Lubrichs Buch, das eine Summa seiner Forschungen ist, zugleich eine intellektuelle Werkbiografie des „zweiten Entdeckers Amerikas“ und „Napoleon of Science“, wie auch eine grundlegende Arbeit über das Verhältnis von Reisen, Denken und Schreiben.

Wer in die Tropen reist, begibt sich auf gefährliches Terrain. Zumal 200 Jahre später, unter den Augen verdachtsgestählter Post-Nachgeborener. Kolonialisten- und Rassisten-Inkrimination per se. Es reicht da schon, dass Humboldt mit einem Schiff reist, das den Namen (des spanischen Eroberers) Pizarro trägt.

Nun ist es ein Vergnügen, mitzulesen, wie Lubrich all die nur denkbaren Vorhaltungen aufnimmt, sie mit subtiler Geduld entkräftet und dabei gänzlich unaufdringlich den Horizont ins Humane weitet. Ein Bildungsgang feinster Art, der mit der Besteigung des Chimborazo als einer Schlüsselgeschichte sowohl für Humboldts wissenschaftliche Neugier und Offenheit wie für die spätere glorifizierende Rezeption einsetzt. Ein einziges Manko: Es gibt kein Lesebändchen.

Immer wieder Überraschungen, wenn es um Biografien von Frauen vonfrüher geht. Rosie Goldschmidt ist nicht nur hübsch, sondern überaus intelligent und wagemutig. Allein schon in ihren Ehen, um von den Liebschaften zu schweigen: Zunächst der berühmte Gynäkologe Gräfenberg, dann Presse-Mogul Ullstein, dann Graf Waldeck, ein schillernder Ungar. Sie ist erfolgreiche Journalistin und Roman-Autorin, in Deutschland, in Frankreich, in den USA. Kennt Gott und die Welt. Neugierig, weltoffen, klug und unbefangen in allem, was sie tut und schreibt.

Nun kann man die – umfangreich ergänzte – Autobiografie ihrer ersten Lebenshälfte auf Deutsch lesen, darin vor allem um die Skandalisierung ihrer Ehe mit Franz Ullstein herum zugleich eine lebendige Schilderung der letzten Jahre der Weimarer Republik.

Walter Schübler ist Herausgeber der monumentalenWerkausgabe von Anton Kuh. Als solcher in Archivalischem höchst geübt, ist er dabei wohl auf Bibiana Amon gestoßen, die mit Kuh kurz liiert war. Eine Frau, die bislang eher durch Nebenbemerkungen und Hörensagen in der Herrenwelt der Wiener Avantgarde von damals geisterte.

Schübler ist geschworener Feind von Biografien, die sich fiktional mit vorgestellten Intimitäten an ihre Objekte anwanzen. So liest man hier eine meisterdetektivische Rekonstruktion ihrer Biografie, ein Lehrstück in Findigkeit, Geduld und Skrupulosität.

Im Zentrum steht ein 1939 in Frankreich erschienener, offenkundig autofiktionaler Roman. Aus ihm und dem Puzzle seiner Funde ergibt sich das Leben einer tapferen Frau, auch wenn die hochmögenden Herren sie eher benutzten denn liebevoll behandelten. Das ist keineswegs nebenher eine weitere Facette der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen Wien, Berlin und Paris.

Ebenfalls von Wien nach Berlin, dann weiter nach Hollywood. Vicki Baum kennt man meist von Menschen im Hotel, Romanbestseller und Filmklassiker. Dass sie mehr zu bieten hatte, zeigen die Beiträge aus der Reihe TEXT + KRITIK, sie zeigen Aspekte einer gewieften Medienexistenz. So konvertiert Baum als Lifestyle-Redakteurin bei Ullstein aus dem Stand ikonografisch von der braven Jungdame zur flotten „Neuen Frau“.

Sie beherrschte das melodramatische Fach bald virtuos, wie sonst nur die Hollywood-Filme, zu denen sie erfolgreich beitrug, bis sie Mitte der 1940er nicht mehr recht anschlussfähig war. Dass sie den „Betrieb“ durchschaute, hatte sie bereits 1932 mit dem Roman Leben ohne Geheimnis bewiesen. Der Band illustriert klug, dass Baum durchaus zur kritischen Beobachtung ihrer Zeit fähig war, sogar in Kolportage und Melodram eine „Poetik der globalen Synthese“ zu integrieren vermochte.

Noch weiter zurück. Japan 1911. Die gefeierte Dichterin Yosano Akiko schreibt sehr offen über ihre Zeit im Wochenbett – und gegen das Klischee der Frauen als schwaches Geschlecht: „Ich habe nun die sechste Niederkunft hinter mir (…). Würden Männer so viele Schmerzen wiederholt auf sich nehmen?“ Schließlich wird sie, 1878 geboren, von Kindheit an unbedingt auf Bildung und Selbstständigkeit aus, 13 Kinder zur Welt gebracht, zugleich ein ebenso umfangreiches wie bedeutendes literarisches und essayistisches Werk geschaffen haben.

Einige ihrer Aufsätze, Meilensteine in der Frage weiblicher Emanzipation, sind nun erstmals auf Deutsch zu lesen. Sie widerlegt all die Vorurteile über Frauen und zieht für die Demokratie ins Feld. Das ist keineswegs antiquarisch. Wie liest sich das? „Alle bestehenden Parteien sind von Altersschwäche befallen. (…) Das Problem der allgemeinen Wahlen, das Problem der Preisregulierung, die Probleme der Arbeit – all diese aktuellen Probleme der letzten Zeit müssen (…) auf demokratische Weise angegangen werden.“

Humboldt oder: Wie das Reisen das Denken verändert Oliver Lubrich Matthes & Seitz 2022, 525 S., 34 €

Vorspiel zur Vergangenheit. Autobiographie Rosie Gräfenberg Edition Memoria 2022, 320 S., 24 €

Bibiana Amon. Eine Spurensuche Walter Schübler Edition Atelier 2022, 184 S., 24 €

TEXT + KRITIK 235 – Vicki Baum Julia Bertschik, Gustav Frank, Veronika Hofeneder, Werner Jung (Hrsg.), edition text + kritik 2022, 96 S., 24 €

Männer und Frauen. Essays Yosano Akiko Manesse 2022, 160 S., 22 €

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