Wenn der Dackel jault

Sachlich richtig Prof. Dr. Schütz sucht Trost in der Lektüre und lernt viel über Adornos Verhältnis zu Eiscreme

Das ist nicht gerade ein Buch für besinnlich-entspannte Stunden zur Jahresendzeit. Grit Poppe, deren Jugendroman Weggesperrt (2009) preisgekrönt wurde, hat zusammen mit ihrem Sohn Niklas eine Dokumentation nachgereicht, die Grausen macht, ihr Titel: Die Weggesperrtenin der DDR.

Allein schon die Zahl der einschlägigen Einrichtungen verstört. Umso mehr, was in ihnen geschah, Zwangsarbeit und -sport, Einzelarrest, Essensentzug, Prügel, Erniedrigungen jedweder Art. Es ist erschütternd, was ehemalige Insassen, meist höchst reflektierte Menschen, zu erzählen haben und das ist – auch im Buch nicht – kein Grund zur nachgetragenen DDR-Häme, denn in kirchlichen Heimen ging es kaum besser als in staatlichen zu – und die angefügten Exempel aus der Bundesrepublik und der Schweiz belegen, dass es auch dort, wo man auf die Rechtsstaatlichkeit besonders stolz war, gnadenlos unrecht zugehen konnte. Kein Trostbuch.

„Mit Erfolg trösten erfordert viel Geschicklichkeit“ – so 1848 der Trostexperte Otto Rammler. Hanna Engelmeier, promovierte Anthropologin, will nun weniger trösten als dem Bedürfnis nach Trost nachgehen. Das tut sie vermeintlich irrlichternd. Engelmeier plaudert klug über Persönliches, über Schreiben, Beten, Lesen. Über Gesten, Sprüche. Sie versammelt Dinge, die als Trostfetische etwas zu sagen haben, etwa Rilkes Briefe an einen jungen Dichter, eine Datei von David Foster Wallaces großartiger Rede vor Studenten, This is Water, von 2005. Alte Fotos von Tante Hety als Generatoren der Erinnerung. Am ausgiebigsten sinniert die Autorin über eine Bemerkung Adornos zu eiscremeschleckenden amerikanischen Kindern, die so furios zu Adorno, der Adorno-Rezeption, der Geschichte der Eiscreme informiert, dass man darüber fast vergisst, dass zu Adornos zentralen Begriffen der Trost gehörte, dialektisch kippend zwischen existenzieller Trostbedürftigkeit und Verweigerung gegenüber jeglicher falschen Tröstung, die das Individuum und seinen momentanen Zustand meint.

Schließlich in Trost. Vier Übungen noch der jaulende Dackel vorm Spätkauf. Trost ist jener Moment, „in dem das Winseln und Fiepen und Heulen aufhört“. Wo das Nachdenken einsetzen kann, wenn Reflexe sich in Reflexionen verschieben.

Es mutet wundersam an, dass nicht nur die distinktionsbewusste akademische, sondern auch die sonst noch lesende Jugend erstaunliches Gefallen an Robert Walser findet. Es ist tröstlich, wenn alles also neue Zuneigung findet, was der Walser-Kenner Reto Sorg ihm attestiert: republikanisch geschulter Witz, Spiel mit der helvetischen Sprachscham, ironischer Umgang mit Sprachgesten, unprätentöse Pointen, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und Respekt vor dem Einfachen. Solcher Zugetanheit konnte er sich zu Lebzeiten nicht unbedingt erfreuen, und lange stand er meist abgestellt im Käuzewinkel.

Ein – erster – Supplementband zur Kritischen Ausgabe versammelt die irgend habbaren Rezeptionsdokumente zum Werk für die Jahre 1898 bis 1933. Natürlich zeigt der zuvörderst nicht das Unverständnis zu Lebzeiten, sondern wer, wann, wie intensiv für ihn warb. Walter Benjamin, Hesse, Tucholsky zum Beispiel, allen voran aber der unermüdliche Ludwig Hardt. Der Zahl seiner Texte kommt nur noch die anonymer Verfasser nahe. Welch letztere wiederum Indiz einer eher beiläufigen Wahrnehmung sind. Fazit: Zu stöbern macht in dem sorgfältigst gearbeiteten Band mehr Vergnügen als aus ihm eine strenge Rezeptionsgeschichte zu destillieren.

Marmaduke Pickthall – welch Name! –, 1875 in einen anglikanischen Pfarrershaushalt geboren, fasziniert vom Islam, zu dem er später konvertierte (seine Übersetzung des Korans ins Englische ist bis heute maßgeblich), bereiste als Jüngling Mitte der 1890er-Jahre den Nahen Osten, worüber er 1917/18 im Rückblick seine Reiseberichte veröffentlichte, die nun ins Deutsche übersetzt vorliegen. Am Ende des Kriegs, der auch das Osmanische Reich zerstörte, zeigte er sich sehr kritisch gegen die britische Kolonialpolitik und deren fatale Folgen, beschwor einen schon damals weitgehend untergegangenen Orient, wie er ihn erlebt hatte. Man kriegt kurze Episoden, meist um Personen zentriert – bigotte Pfarrer, bizarre Ritter, Schlitzohren, Diebe, Mörder, Weise und Korrupte, dazu zerstückelte Kühe, hechelnde Hunde und diabolische Pferde. Zusammengehalten wird das alles durch den unentbehrlichen Reisebegleiter Rashîd, ein freigekaufter Soldat und eine Figur wie aus 1001 Nacht. Wie überhaupt einige Episoden eher aus orientalischen Märchen denn aus der Welt zu stammen scheinen, in der europäische Missionare gern das Zusammenleben der unterschiedlichsten Religionen durch Überheblichkeit oder Ahnungslosigkeit störten. Es sind oft parabolische Geschichten, die amüsant Riten und Rituale, Rechtsempfinden und Ehrenregeln vorstellen.

Wenigstens eine Probe der Weisheit eines seiner Gegenüber: Da er aus dessen Sicht hartnäckig an einer falschen Meinung festhalte, beweise eben dies, „dass Ihr dazu geboren seid, einen hohen Rang in der Welt einzunehmen“.

Das Tagebuch, das John F. Kennedy auf seiner Grand Tour als Jüngling durch Europa 1937 schrieb, ist vor Jahren schon einmal veröffentlicht worden. Nun ist es, ergänzt um das seines mitgereisten Freundes Lem Billing und um weitere seiner Reisen, speziell nach Deutschland, 1939 und 1945, mit einem ausführlichen Nachwort und zahlreichen privaten Fotos (jetzt mit Billings!), neu erschienen. Die Lektüre lohnt, auch wenn an dem Tagebuch, anders als der Titel suggeriert, nichts „geheim“ war. Die Reise führte die beiden quer über den Kontinent. Überall trafen sie auf Gewährsleute in gehobenen Positionen, vom Botschafter bis zum Kardinal, kauften reichlich ein, besonders gerne Dackel, trafen freundliche Mägdelein, benahmen sich in den Herbergen offenbar öfters so, dass man sie rauswarf, sahen sich gerne Kathedralen an. Die beiden hatten ziemlich klare Vorstellungen von der jeweiligen Landesmentalität, die Franzosen waren – abgesehen von Paris – eine „recht primitive Nation“. Die Italiener fröhlich, dafür ihre Orte schmutzig, die deutschen Städte adrett, aber die Menschen zu selbstgefällig – und meist ziemliche Nazis. Kennedy befand, dass die Demokratie gut zu England und den USA passte, der Faschismus zu Italien und Deutschland, der Kommunismus zu Russland, dass es wohl keinen Krieg geben werde, und wenn, von Russland aus. Auf den Reisen danach sah er etwas differenzierter …

Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR – Schicksale von Kindern und Jugendlichen. Grit und Niklas Poppe Propyläen 2021, 414 S., 22 €

Trost. Vier Übungen Hanna Engelmeier Matthes & Seitz 2021, 198 S., 20 €

Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898 – 1933. Hans-Joachim Heerde (Hrsg.) Stroemfeld Schwabe 2021, 880 S., 128 €

Die Taube auf der Moschee. Unterwegs im Orient Marmaduke Pickthall, Alexander Pechmann (Übers. und Hrsg.) Steidl 2021, 239 S., 22 €

John F. Kennedy: Das geheime Tagebuch. Europa 1937 Oliver Lubrich (Hrsg.), DvB 2021, 224 S., 22 €

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

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