Der Ring als Lustige Witwe

DER ZEITUNGSLESER Südlich von San Francisco, dort wo die Francisco Bay, ein Meeresarm, schon ganz schmal wird, beginnt »Silicon Valley«; ein kaum 100 km langes Tal, ...

Südlich von San Francisco, dort wo die Francisco Bay, ein Meeresarm, schon ganz schmal wird, beginnt »Silicon Valley«; ein kaum 100 km langes Tal, von einem kleinen Bach durchflossen. In diesem kleinen Tal gibt es nur noch Millionäre oder Milliardäre, und ganz Arme, die nicht einmal die Dollars aufbringen können wegzuziehen.

Nur zwei Kilometer liegen zwischen den Luxusläden, die niemand betritt, dem es auf tausend Dollar nicht ankommt, und Holzbarackensiedlungen, von Müttern bewohnt, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollen. 260.000 Millionäre bewohnen das Tal, alle 24 Stunden vermehren sie sich um 64 neue, und auch die Sekretärinnen kaufen ihre Kleider bei den teuersten Firmen. Eine Cessna, eine Hochsee-Yacht, eine 15-Zimmer-Villa bilden bei den unteren Schichten der Reichen die Grundausstattung.

Aber der Tankstellenwärter Gonzales verdient nur 1.600 Dollar; damit kann er seine Familie nicht durchbringen, von der Drei-Zimmer-Wohnung hat sie ein Zimmer für 450 Dollar vermietet.

Der Bericht im Spiegel über die Aufführungen der beiden ersten Teile des »Ring« in Bayreuth liest sich, als sei von der Neuinszenierung der »Lustigen Witwe« die Schreibe. Der Weltstar Placido Domingo war für eine Rolle eingeflogen worden, aber man hatte wohl vergessen, ihm zu sagen, dass er nicht nur als Sänger (mit einer Gage von 1.000 DM pro Minute Gesang?) engagiert worden war, sondern auch als Schauspieler, der eine Rolle zu verkörpern hatte. Also sang er zwar herrlich wie eh und je, stand aber auf der Bühne nur herum als »die einzige Immobilie, die singen kann«.

Auf diesen ironischen Ton ist der ganze Bayreuth-Bericht des Spiegel gestimmt. Der Herr von Walhall, Wotan nämlich, sei »die Projektion des modernen Politikers«, den wir aus den CDU-Machenschaften kennengelernt haben; aber er, Wotan, ist eben kein Partei- und Staatschef, sondern ein Gott im »kolossalsten Krimi des Musiktheaters«. Dieser Gott ist jedoch pleite, er kann die Kosten für Walhall nicht bezahlen und wird damit »ein Fall für den Staatsanwalt«. Nun, wir kennen das aus dem Niedergang der CDU, und so hat der »Ring« vom Sommer 2000 eine gewisse unkünstlerische Aktualität, der sich der Regisseur Jürgen Flimm bewusst gewesen ist. Dass dieses Wagner-Bayreuth noch eine andere künstlerische Aktualität bekommen hat, weil der »Patriarch« Wolfgang Wagner die Zügel nicht aus der Hand geben will, sei nur nebenbei erwähnt.

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