Das war es Grass wohl wert

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Günter Grass hat es geschafft. Er hat eine in Deutschland eigentlich unmögliche Diskussion angestoßen. Das will nur keiner anerkennen. Und das ist – leider – typisch deutsch. Stattdessen mühen sich anonyme Bürgerblogger, Politiker und Zeitungsmacher auf herrlich plumpe Art darin Günter Grass zur Unperson zu machen. Josef Joffe - Herausgeber der Zeit – bezeichnet Grass als Dichter mit "fieser Sprache", als verfehlten Retter mit "Kalkül" und als "Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel". Skurril wird es, als Joffe Grass irgendwie in die NPD-Ecke schiebt, da jemand aus der NPD sich auch zu Grass' Gedicht geäußert hat. Das leuchtet ein: Weil einer Grass' Gedicht für sich interpretiert, spricht Grass für eben diesen? Am Ende lobt Joffe sich selbst und alle anderen, die diese Grass'sche "Dämonisierung Israels" erkannt haben und nicht gelten lassen wollen. Diese Erkenntnis sei die wirkliche "Frohbotschaft von Ostern 2012".

Josef Joffe und viele andere Grass-Schimpfer haben anscheinend eines kaum erkannt: Es gibt nun eine Debatte über ein schwieriges Thema. Stattdessen diskreditieren diese selbsternannten Literaten die Grass'sche Dichterqualität und interpretieren stolz zwischen den Zeilen Antisemitismus heraus, den sie psychoanalytisch aus seiner SS-Zeit rekrutieren. Dieser Empörungsjournalismus, der sich an der Person Grass festkrallt, beschämt irgendwie. Aber andererseits: Vielleicht muss das so sein, vielleicht geht es gar nicht anders. Vielleicht braucht eine Gesellschaft eine Person, an der sie sich aufreiben, an der sie ihren eigenen Standpunkt erkennen kann. Ein Opfer für die Erkenntnis. (Überspitzt: Einen Heiland.)

Leider sieht niemand, dass Grass sich hier in einer Art und Weise geopfert hat, wie es wohl nur einem alten Mann möglich ist: Jemandem, der nicht mehr zurücktreten muss. Jemandem, der ausharren kann. Jemandem, der noch Dinge aussitzen darf. Jemandem, der so gefestigt ist, dass er an aufgeregten Beschimpfungen und automatisierten Kritteleien nicht mehr zerbrechen wird. Grass hat sich einer Debatte geopfert. Er hat sie initiiert, weil sie seines Erachtens nach nötig war. Dass sie nötig war, beweisen die vielfachen Reaktionen.

Dass Grass sich der Gefahr der Initiierung bewusst gewesen sein muss, beweist auch die Textform: Das Gedicht ist verortet im Bereich der Literatur. Wahrheit oder Nicht-Wahrheit ist hier Sache des Interpreten. Leider erkennen manche Interpreten ihre eigene Rolle dabei nicht immer und suchen dann die Wahrheit in der Geschichte des Autors zu finden.

Wenn Joffe Grass einen "Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel" nennt, geht er diesem Verführer vollends auf den Leim. Die relevante Frage indes stellt Josef Joffe nicht: Wozu verführt Grass? Grass verführt nicht zur Dämonisierung Israels, sondern zu einer Debatte über Krieg und Frieden, Vergangenheit und Zukunft und Freundschaft und wahre Freundschaft. Und diese Debatte gibt es jetzt sogar in den großen Meinungsmedien Deutschlands, in denen dieses Thema sonst kaum mehrseitig diskutiert wird. Das war es Grass wohl wert.

11:59 13.04.2012
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Geschrieben von

Eric Wallis

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