Ein armer adeliger Mann und warum wir Deutschen dennoch zu ihm halten.

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Dieser junge Leitwolf, der so einfache Wörter wie Ehre und Aufrichtigkeit aus seiner blaublütigen Vorzeit mit in den worthülsigen Politikbetrieb brachte, war unsere Lichtgestalt. Wir hofften, dass dieses junge Fossil einer alten Ära die Werte, die er sagte, auch meinte, weil er gar nicht anders konnte, weil sie ihm im Blute lagen. Daran wollten auch wir Übrigen uns gerne laben. Etwas Anstand hat schließlich noch keinem geschadet. Endlich ein Politiker, wie wir Umfragedeutschen ihn uns immer erträumt haben und ganz anders als wir: jung, schlank, rhetorisch gewandt - ein perfekter Politiker.

Seine Sprache stärkte einem das fernsehgekrümmte Rückgrat während der Tagesschau. Man zuckte und fühlte ein längst vergessenes „Stillgestanden“ in den Reihen jener lange Jahre verweichlichten Bundeswehr. Eines Militärs, das der Häme immer viel ertragen musste und das am Ende unter Franz Joseph Jung so charakterlos dahinsiechte, dass schon ein Oberst glaubte, die politische Befehlsgewalt selbst in die Hand nehmen zu müssen. Ja diese neue KT-Dynamik gefiel uns. Der lockere Laufschritt zum Hubschrauber, ein gutes Aussehen, die kleine Blonde an der Seite, Interviews mit klaren deutschen Worten wie Stolz und Freude. Endlich einmal brauchten wir uns nicht zu schämen für einen deutschen Politiker im Ausland. Und die starke Truppe war wieder wer. Wer nicht spurte oder wer sich durch Meinungen und Informationswäsche einbrachte, der flog raus. Die Liste ist ja bekannt. Die Messlatte angemessenen militär-politischen Verhaltens wurde hochgehängt. Und nun das. KT selbst ist unter die Ketten jenes Panzers geraten dessen Panzerung aus Ehrlichkeit bestand, der Ehre im Tank hatte, dessen Kanone mit Glaubwürdigkeit schoss und dessen Besatzung das Gewissen war. Und da liegt er nun, in den Händen die Reste einer zerfledderten Doktorarbeit, und kann in Konsequenz vor allem seiner eigenen Maßstäbe und in memoriam der Herren Hars, Schneiderhahn, Wichert und Schatz eigentlich nur eines tun: zurücktreten.

Zurückgetreten ist Franz Joseph Jung wegen weniger und so ganz genau weiß bis heute niemand weshalb und es ist auch egal. Doch Guttenberg bleibt. Warum er das kann, ist die falsche Frage. Sie muss lauten: Warum er das darf? Nun ja, von allen Politikern ist er genau jener, den sich die Deutschen entschlossen haben, kollektiv und parteiübergreifend zu lieben. Solange Gewissen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen aus seinem Munde über unsere Truppenübungsplätze und Wohnzimmerteppiche paradierten, mochten wir ihn, weil auch wir etwas von dem Kuchen des Anstands abhaben wollten. Doch dieser Anstandskuchen ist nichts anderes als überbewertete Moral-Illusionen eines überalterten Bürgertums. Es sind Moral-Illusionen, denen schon wir Umfragedeutschen nie gerecht wurden und die wir darum auf den armen Freiherrn projiziert haben. Fortan werden wir KT noch mehr verehren, weil er uns aus diesem Druck von Schein-Werten entlässt. Es war auch viel zu schwer, das Besteck so schön gerade zu halten, diese ganze Zeit. Frei sind wir wieder, Menschen mit Fehl und Tadel von Gnaden Guttenberg. Dabei war uns diese akademische Elite schon immer suspekt. Ohne den Doktor ist der KT erst recht einer von uns. Jedoch das wahre Wohlgefühl liegt erst in der Geste des Verzeihens, die wir ihm gewähren werden. Er ist ein Betrüger. Na und? Er hat sich doch entschuldigt. Betrüger sind wenigstens kreativ. Wer ist denn heute noch kreativ in der Regierung? Der trockene Schäuble, das Kauderwelsch der Kanzlerin, das ganze allgemeine Parteisprech und erst recht die Steinmeierbrille sind jedenfalls nicht sehr inspirierend.

Ein KT-Rücktritt kommt für die Deutschen nicht infrage. Und für KT zum Glück auch nicht. Stattdessen biedert er als Wettertanne. Fragen, die ihm sonst Fragen der Ehre wären, werden mit Faselei von „den Überblick verloren“ und „handwerklichen Fehlern“ beantwortet. Dabei krümmt er sich nur ein wenig, kneift die Augen zusammen und senkt den Kopf schuldbewusst, während er von unbewussten Fehlern spricht. Und man sieht Kleinheit, Menschlichkeit, Schwäche, einen von uns. Wann immer er in diesen Tagen spricht, vergebens versucht dieser Mensch an seine rhetorische Brillianz vergangener Tage anzuknüpfen. Seine Befreiungsschläge misslingen ihm vor allem stilistisch. Die ehemals schneidige Rede betont gereizt und übermäßig nicht Betonenswertes. Er senkt die Augen zu oft, um sie gekünstelt im falschen Augenblick zu heben. Und man sieht: Dort windet sich ein Opfer. Ein armer adeliger Mann. Und man dachte doch immer: den macht keiner fertig, der hat es nicht nötig sich im Politikbetrieb kaputtmachen zu lassen. Wenn der keine Lust mehr hat, dann geht er einfach. Und nun wird klar, warum er immer noch von Gewissen und Aufrichtigkeit spricht, warum er weitermachen will. Es ist kein Wollen es ist ein Müssen: Er muss weitermachen, denn er hat sonst nichts, als sein blaues fränkisches Blut. Adel, das sind doch die, die nichts machen. Und was ist das schon im Gegensatz dazu, Regierung zu sein, Vorbild zu sein, über Macht zu verfügen. Er kann es sich nicht leisten abzudanken und zurückzukehren auf die Burg zu den Millionen und zum Muff der Vorväter, die noch wer waren. Er muss weitermachen, denn sonst wird er auf ewig der sein, dessen Wikipediaseite mit dem Kapitel „Dr. STRG+C – Die Plagiatsaffäre zu Guttenberg“ endet. Er muss mit einer positiven Bilanz abtreten. Es bleibt eine Frage der Ehre.

08:08 24.02.2011
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Geschrieben von

Eric Wallis

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