Legendär: Als Enzensberger den Stiernacken für „out“ erklärte

Medien „Urbaner, ironischer, zivilisierter denn je zuvor“: Kai Sina erinnert an Hans Magnus Enzensbergers und Gaston Salvatores Projekt „TransAtlantik", das einstmals der deutsche „New Yorker“ werden sollte
Ausgabe 42/2022
Der Schriftsteller Kai Sina
Der Schriftsteller Kai Sina

Foto: Nike Gais

Im Juni 1979 verkündeten die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore das Ende der Provinzialität: Der „Stiernacken“ sei „out“, man gebe sich „in Westdeutschland urbaner, ironischer, zivilisierter denn je zuvor“. Diese optimistische Zeitdiagnose wurde zum Argument für die Neugründung eines Mediums, das – obwohl es nachträglich in Enzensbergers Liste seiner größten Flops landete – nicht nur in journalistischer Hinsicht neue Maßstäbe setzte, sondern auch zum Sprungbrett zahlreicher Schriftstellerkarrieren wurde: Die Zeitschrift TransAtlantik, deren Redaktion Enzensberger und Salvatore zwischen 1980 und 1982 leiteten, machte Autoren wie Rainald Goetz, Martin Mosebach oder Irene Dische erstmals einem größeren Publikum bekannt.

Der Münsteraner Literaturwissenschaftler Kai Sina hat die Geschichte dieser Zeitschrift nun erstmals rekonstruiert. Seine Studie stützt sich neben der Analyse der Zeitschriftenhefte auf Gespräche mit ehemaligen Redaktionsmitgliedern wie Gundolf S. Freyermuth und Katharina Enzensberger, auf Selbstzeugnisse der Beteiligten sowie auf historische Dokumente. Besonders aufschlussreich ist ein im Anhang abgedrucktes Konzeptpapier Enzensbergers und Salvatores, aus dem hervorgeht, welche hohen Erwartungen mit dem Projekt verbunden waren. TransAtlantik sollte nicht weniger sein als der deutsche New Yorker. Die Chefredakteure und die Herausgeberin Marianne Schmidt setzten den bebilderten Illustrierten der BRD ein Magazin entgegen, das mit seinem schlichten Layout als Understatement daherkam, inhaltlich aber ein mündiges Publikum adressierte: „Unsere Lieblingslaster wären: eine Spur von Blasiertheit, ein Hauch von (unzeitgemäßem) Dandytum, eine Scheu, das Offensichtliche auszusprechen“.

Diese „transatlantische“ Grundhaltung der Zeitschriftenmacher, die unter anderem in einem Faible für Ironie und Literarizität zum Ausdruck kam, bedeutete den Bruch mit der Tradition des engagierten linken Journalismus. TransAtlantik wandte sich nicht mehr mit klaren Handlungsaufforderungen an die Leserschaft, sondern wollte die Wirklichkeitswahrnehmung „entautomatisieren“. Die Zeitschrift ist das Ergebnis des gescheiterten Glaubens an die „revolutionäre Aktion und die sozialistische Utopie“. Obwohl Enzensberger und Salvatore bei aller Sympathie für die „Reize des Kapitalismus“ eine kritische Grundhaltung beibehalten wollten, brachte ihnen das Bekenntnis zu einer „postideologischen“ Gesellschaft sowie ihre Kooperation mit dem als konservativ und unseriös geltenden Verleger Heinz van Nouhuys harte Kritik ein. Sie wurden von der linken Presse als Verräter an der „reinen Lehre“ geschmäht.

Sinas Studie besticht dadurch, dass sie solchen einseitigen Wertungen widersteht. Der Autor erzählt die Geschichte von TransAtlantik nicht allein auf der Grundlage ihrer Programmschriften oder ihrer Rezeption, sondern liest sie gleichsam im Ganzen. Insbesondere das erste und das letzte Heft unter der Leitung Enzensbergers und Salvatores werden einem Close Reading unterzogen. Sina reagiert damit auf das Problem, dass die kollaborative, teils kontrovers geführte Redaktionsarbeit nachträglich durch einseitige Darstellungen einzelner Zeitzeugen überdeckt wird. Sinas perspektivenreicher Blick auf die Zeitschrift macht dagegen ihre besondere Stellung in der zeitgenössischen Medienöffentlichkeit sichtbar. In Zeiten, in denen Deutschland vielfach als eine provinzielle, von den Nachwirkungen des Nationalsozialismus heimgesuchte „BRD noir“ wahrgenommen wurde, stand TransAtlantik für die Utopie einer modernen, international ausgerichteten „BRD blanche“.

TransAtlantik Kai Sina Wallstein-Verlag 2022, 219 S., 20 €

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