Ernst Glischka

"Die Diskurse herrschen nicht." (Habermas)
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Ernst Glischka
RE: Intersektionalität als Analyseraster | 27.06.2012 | 22:53

Danke für deinen Kommentar. So würde ich das auch zusammenfassen; mein Hauptanliegen im Studium (ich bin kein Wissenschaftler) ist es die fade Rede von "Komplexität" zurückzuweisen und darauf zu beharren, dass es grundlegende Konflikte gibt, die nicht durch "Kommunikation" (als Ideologie) oder durch bloß rechtliche Gleichstellungspraktiken bewältigt werden können. Wir leben in einer Klassengesellschaft, nichtsdestoweniger will das auch in den Sozialwissenschaften gegen eine bestimmte Hegemonie, die du richtig mit der Orientierung an der Ideologie aus Marktkapitalismus und formaler Demokratie ausmachst, durchgesetzt sein.

RE: Intersektionalität als Analyseraster | 24.06.2012 | 23:40

Ja, man kann gegen die Verwendung bestimmter Fremdworte oder allgemeiner auch über den Satzbau usw. streiten; für diesen Text habe ich mir nicht die Mühe gemacht, noch eine Zusammenfassung zu schreiben, die über den Schlussabsatz hinausgeht. Streng genommen ist das oben auch nur ein Abriss, weshalb ich mich auch in der Angabe weiterführender Literatur beschränkt habe.

Ich will aber deine implizite Frage gern aufgreifen: wozu heute überhaupt noch Gesellschaftstheorie? Ich denke nicht, dass man damit insgesamt seit Habermas Grundlagenschrift "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) besonders weit gekommen ist. Vielmehr ist der letzte Rest an Kritischer Theorie verschwunden und hat einer Vielzahl von "Ansätzen" Platz gemacht, die ich hier gar nicht erwähnt habe. Man müsste näher auch darüber streiten, ob die Diskurstheorie auf die gegenwärtige Fragen Antworten geben kann. Das würde ich mit Ja und Nein beantworten. Einerseits halte ich die Analysemaßstäbe nach wie vor für richtig: wie die Kolonialisierung der Lebenswelt begriffen werden kann. Andererseits würde ich weiterhin darauf beharren, dass über eine Kommunikations- und Verfahrenstheorie hinaus die zentralen Konflitklinien (Habermas spricht nur von Marxschem Produktionsparadigma) analysiert werden müssen. Das kann oben nur angedeutet werden.

RE: Wir kommen anders | 24.06.2012 | 20:41

Weger der Jugendlichen und der Frage nach realistischen "Realitätseinschätzungen" (sic!): Klar, wir müssen davon ausgehen, dass das Mediensystem eine Eigenlogik hat und wie eine Art Müllverbrennungsanlage für Alltäglichkeiten fungiert: Irgendein Input wird verarbeitet, bekommt ein anderes Label und stößt über drei Ecken neuerliche "Debatten" an, die dann dazu langen, den Feuilleton zu bepflanzen, ab und an mal eine "reale!" Dokumentation zu drehen und obendrein das Thema (als falsches und falschverstandenes) wieder ad acta zu legen.

Vielleicht geht's nur mir so, aber irgendwie empfinde ich beim Lesen von Zeitungen und dem punktuellen Beobachten im Internet ein Unbehagen, wonach zwar einerseits alles und jeder "modernisiert" wird, im Grunde aber immer weniger erklärt oder zumindest hinterfragt wird. Es wird vieles - auch subjektpolitisches - ins Rampenlicht geholt, aber vom blamablen Charakter des stage-diving entfernt es sich dann noch, Beiträge verharren im "Andenken", im "Anreißen" und im "Danke für diesen Beitrag..." und man gewöhnt sich langsam an diese Häppchennahrung. Das Thema ganz oben ist ja eigentlich banal, dazu gab es ja schon nach 1968 einen Berg an Literatur, der viel weiter ging, wenn er auch im Sumpf der K-Gruppen versandete oder sich akademisierte. Der Witz am "post-ideologischen" Zeitalter ist ja, dass es mit aller Macht versucht, Konflikte als Eitelkeiten auszugeben; nichts wird mehr gefürchtet als das Abweichen vom Grundsatz aber am Ende des Tages wird man allerorts wieder zurückgeworfen auf die guten alten "Strukturen", die ja "ein Einlenken" erforderlichten machten.

Plus: das Thema wird auch so entrückt dargestellt, als könne danach gleich irgendwas über Sneaker und dann über kulinarische Vorlieben gewählt werden. Es bleibt austauschbar, gerade weil die "Meinungen" von Leuten nur als austauschbare eingeführt werden: "der Juri siehts so, die Maike so....der Peter ist Student, die Tanja macht ein Semester in X, der Werner ist arbeitslos, aber sonst gut drauf..." usw.

RE: Wir kommen anders | 24.06.2012 | 18:55

Wegen der Kommentarfunktion: hier gibt's zwar angenehmerweise keine Kommentarschleife, umgekehrt führt das dann aber zu einer Flut von redundanten Postings, das nervt wirklich und bläht den Kommentarbaum ins Unübersichtlich auf...Admins?

Wegen dem Buch: ich habs mir zumindest bestellt, um überhaupt aussagefähig zu sein. Mein Interesse daran ist aber etwas allgemeiner. Mich interessiert, was daran an unreflektierten Inhalten mitschwingt (ich denke da an Foucaults Sexualitätsdispositiv, was ja manchem vielleicht bekannt sein wird) und was sich davon ggf. übertragen lässt auf andere Gebiete sozialen Handelns. Vielleicht kann ich nach dem Querlesen dazu etwas Input nachreichen.

RE: Wir kommen anders | 24.06.2012 | 17:48

Mir geht es nicht um einen angeblich fehlenden Migrationshintergrund beim FREITAG, sondern um die Aussage, dass Rassismen überall und latent wirken können, so auch bei der Produktion journalistischer Texte. Das Beispiel der Interviewten muss dafür kein Gradmesser sein (dazu müsste man ja wissen, wie die Auswahl der Teilnehmer wirklich konkret war). Man sollte das mit beachten, wenn man allgemeingültige Aussagen generieren will. Ansonsten ist "Migration" natürlich kein Kriterium, aber wie "Sexualität" ein aufgeladener Begriff. Der Rest meines Einwands hatte zum Ziel, die Debatte wieder etwas mehr zu öffnen, weil sich hier die letzten Kommentare aus meiner Sicht zu weit von der zentralen Fragestellung ("Aufklärung!?") entfernt haben.

RE: Wir kommen anders | 24.06.2012 | 17:29

Ich würde diesen Einwand nicht allzu schnell vom Tisch wischen. Es gibt keinen Hinderungsgrund oder eine Form von Filter, die eine Zeitung wie den FREITAG vor seichten Bias (nennen wir es ruhig auch kulturellen Rassismus) schützen würde. Ganz im Gegenteil, und hier kann man sehr gut an die soziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus anknüpfen -, bietet sich im Feld der kulturellen Produktion (Journalismus, Kunst, Kultur) nur die Verlängerung der gesamtgesellschaftlich eingeübten Verhaltensschemata und Wahnehmungsformen ab. Das muss man nicht einmal bewusst so produzieren, sondern ergibt sich als Nebenwirkung aus unbeachteten gesellschaftlichen Konfliktlinien, die entweder thematisiert oder ausgegrenzt werden.

Nun ist das Interview ja nicht als alleinige Erkenntnisquelle geeignet, wie bereits weiter oben festgestellt wurde, es gibt vielmehr einen ersten Einblick ins Denken von bestimmten Jugendlichen. Es wurden ja auch einige sozialstrukturelle Angaben beigegeben: neben dem Alter auch der Schulabschluss und die angestrebte Studienfachwahl; darüber hinaus einige moralische Vorannahmen. Wenn man also tatsächlich ein Interesse an der Frage hat, welchen Effekt ein Buch wie "Make Love" heute hat, dann müsste man das um weitere empirische Belege gruppieren. Im Kern, so denke ich, bildet das obige Interview aber zurzeit wohl sehr getreu die Mentalitätslage der Jugendlichen ab. Anders: in den gepflegten Vorstellungen, Idealen und Ideologien richtet sich eine Mehrheit der Alterskohorte aus (das gilt ja auch für Erwachsenen, die entweder beruflichen Erfolg und persönliches Wohlempfinden leben oder aber jene Masse, die danach auf unterschiedlichstem Wege immer nur suchen wird und sich meist anders - im Wege der Moral - zufrieden geben muss).

Es gibt ja auch eine relativ breite soziologische und sozialpsychologische Literatur zum Sexualleben der Gesellschaft. Das Buch "Make Love", das zurzeit so debattiert wird, versteht sich in erster Hinsicht als Ratgeber - sowohl für Jugendliche wie auch Eltern. Es dürfte auch für Menschen dienlich sein, die in einer Umwelt sozialisiert wurden, in der eben kaum oder nur verbrämt über Sexualität (mehr aber wohl über die "pralle" und die "verruchte" Sexualität) gesprochen wurde. Meine Grundthese bleibt, dass die bestehende Gesellschaft natürlich nicht "aufgeklärt" im Sinne einer vollständigen Reflexion der Sexualität als Teil einer Identität heute ist. Sexualität wird darin zu einem Puzzle-Teil, das sich um andere kulturelle Symbole und Semantiken herum gruppiert; die natürlich auch in Dienst genommen wird oder als verlängerter Arm von Machtdemonstrationen (noch überwiegend männlicher Herrschaft) dient und die ihr Komplement in der Werbeindustrie, im Leistungssport, im Gesundheitswesen (immer mehr), aber auch seit mehr als einem Jahrzehnt verstärkt auch in der Arbeitswelt findet.

Ganz und gar nicht thematisiert wird darin ja, was "Sexualität" als Begriff überhaupt sei, ob es so etwas wie Sexualität überhaupt gibt, ob Geschlechterrollen oder biologische Geschlechter nur Konstrukte sind, wie mit sog. "abweichender" Sexualität, wie mit Vergewaltigung und Trauma usf. umzugehen, was es aber auch heißen mag, wenn man sich in einer eher sexualisierten Lebensumwelt als Mensch zurecht finden muss (nicht: kann). Kritisch finde ich persönlich die unbefangene Darstellung von "Trieben", die den Menschen nur zu einem regressiven Anhängsel seiner Hormone herunterbrechen. Allerdings kann ich das Buch zum jetzigen Zeitpung noch nicht sachgerecht kommentieren oder kritisieren, weil ich es noch gar nicht gelesen habe. Meine Vermutung geht aber schon jetzt dahin, dass es bestimmte Strukturmuster und Leitbilder nur weiter verdinglicht/reifiziert, wie die Geschlechterforschung sagt. Es würde sich im Anschluss lohnen, das mit anderen Themen der Zeitgenossenschaft (wie "Müdigkeit/Burn-out" oder aber Biopolitik als Einwirkung auf den Körper als Ressource usf.) zu diskutieren.

RE: Hanekes "Der siebente Kontinent" | 24.06.2012 | 00:17

Ja, diese Tendenz [sich explizit von Jelinek abzugrenzen und/oder die dominante Rolle des Walter falsch zu interpretieren] habe ich auch wahrgenommen. Dann wurde aber der gesamte Film nicht verstanden, was mich eigentlich wundert, denn ich denke nicht, dass man zu einem Haneke-Film aus Zufall kommt...aber manchmal passiert's doch. Der Film war in seiner Drastik eigentlich genauso abstoßend, auch wenn die Huppert-Filme bei Haneke den Schwerpunkt noch auf etwas anderes legen: der Versuch emotionale Distanz zu verkörpern. Jener Walter steht ja für das im wahrsten Sinne des Wortes sich unwiderstehlich findende omnipotente und abgeklärte Dasein, das aus dem post-ideologischen Zeitalter erwachsen ist. Immerhin offenbaren sich aber in kritischen Situationen darin auch verletzlich-menschliche Seiten. Die Schlusszene mit der Autoaggression verdeutlich gut die unartikulierte Scham. Ich denke mit Alain Ehrenberg, dass wir in einer Gesellschaft des Unbehagens angekommen sind.

RE: Hanekes "Der siebente Kontinent" | 23.06.2012 | 16:10

Danke.

Ja, ich kenne keinen Haneke-Film, bei dem ich mich im Nachhinein besonders entspannt oder gut gelaunt gefühlt habe. Je nachdem, was man sucht, kann das für manche ja auch Erholungs- und Unterhaltungseffekt haben, aber ich denke, dass das überhaupt nicht Hanekes Intention ist. Gerade "Der siebente Kontinent", aber auch "Bennys Video" (1992) und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994) wirken aber m.E. ebsonders schwer, sind schwer verdaulich. Das kenne ich sonst nur von mancher Literatur; das Medium Film ist zwar für Explizites bekannt, erzeugt aber auch Gewöhnungseffekte (das merkt man ja immer wieder bei den begierig aufgenommen Action- und Gewaltfilmen aus Hollywood); bei Haneke ist das subtiler und direkt aufs eigene Leben bezogen. Daher wohl auch die Abstoßung. Es gibt ein ganz gutes und aufschlussreiches Interview mit ihm (der auch Soziologie studiert hat, was man den Filmen anmerkt), in dem er seine Intentionen erläutert: http://www.cine-fils.com/interviews/michael-haneke.html

Es wäre interessant, wie andere die Filme wahrnehmen. Manches mal schaut man ja Filme auch nur vorbewusst.

RE: Wir kommen anders | 23.06.2012 | 10:55

[Off-topic]

Danke...und der Nick ist nur eine Schablone; aber ja, Namen sind meistens Projektionsflächen.

RE: Aus Angst vor dem Absturz | 22.06.2012 | 18:55

Muss man sich angesichts dieses desaströsen Vorgangs für die parlamentarische Demokratie auch noch zum Fürsprecher von "Deregulierungen" und "Privatisierungen" machen? Es ist wohl offenkundig geworden, dass in Griechenland solang gewählt werden und die Wahl als solche solange irrtümlich auf ein einfaches Ja/Nein zugespitzt werden sollte, nur um ein für Brüssel akzeptables Ergebnis zu erhalten. Die neue griechische Regierung genießt nur formale Legitimation und ist ja nichts anderes als verlängerter Arm von EU, EZB und IWF, auch wenn sie natürlich innenpolitische weiterhin auf Grundlage der Verfassung agiert und daher beschließen kann, den Repressionsapparat zu stärken. Wie erwartbar waren diese Handlungen? Ob darüber Syriza sich tatsächlich zu einer dauerhaften Größe im Parteiensystem etablieren kann, bleibt doch sehr die Frage, gerade weil die Wahl immer weniger an konkreten Sachthemen ausgerichtet worden war und affektive Elemente von allen Seiten zu mobilisieren suchte. Angesichts der großen Enttäuschung ob der Restauration der tatsächlich überkommenen Elitenherrschaft in Griechenland, wird auch dort mit weiterem Parteien- und Demokratieverdruss zu rechnen sein. Deregulierungen und Privatisierungen - die erst einmal ökonomisch beleuchtet werden müssten (was nützen den einmalige Privatisierungen von Leistungen wenn parallel die Nachfragekraft der Massen beständig desavouiert wird? Neoliberale Antworten sind nun wirklich out und schädlich und sollten hier nicht unreflektiert wiedergegeben werden). Insoweit ist die Politik der Nichtumsetzung diesbezüglich ja geradezu gerechtfertigt, um einen gewissen Status quo zu erhalten. Auch deswegen soll mit dem Instrument des EU-Fiskalpalkt haushalterische Souvernänität der nationalen Parlamente an ein technokratisches Gremium innerhalb der EU übergehen, deren Interessen sich letztlich aus den bestimmenden ökononomischen und politischen Zielgrößen der Nettozahler in der EU und allen voran Deutschland ergeben - das ist doch kein demokratischer Diskurs, sondern Austeritätspolitik und Postdemokratie sui generis.

Das Land als tief gespalten zu bezeichnen - es aber an dieser Stelle als Kritik an der geübten Defektion zu meinen - ist gelinde gesagt eine krude Anmaßung, die ohnehin niemandem zusteht. Ob Steuergeld Banken hintergeschmissen wird oder in irgendwelchen Infrastrukturprojekten versenkt - was der Staatshaushalt abbildet ist schwer mit den Interessen der Menschen übereinzubringen. Von daher hilft hier nicht die Wiederholung von Ratschlägen, die man schon immer vom Bund der Steuerzahler hören kann, wer das vorträgt, hat aus der Krise der letzten Jahre (keine Staatsschuldenkrise!) nichts gelernt. "Wendehälse" als Vorhaltung ist kühn, wenn auch in der Beschreibung der Oberfläche sicher zutreffend, als Diagnose aber vollkommen falsch. Es wird vergessen, dass das Land noch vor vierzig Jahren eine Militärdiktatur war und seinerzeit aus demokratiepolitischen Gründen in die EU aufgenommen worden war, aber natürlich auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges Einflusszonen des Westens gegenüber der Sowjetunion sicherstellen sollte.