Überlegungen zu einer Theorie der Gewalt

Theorie Theorien über Gewalt existieren in allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen sowie der philosophischen Anthropologie. Eine übergreifende Klammer indes fehlt.
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Eine Theo­rie der Ge­walt muss ihren An­fang bei den Grün­den und Mo­ti­va­tio­nen für die je­wei­li­ge ge­walt­vol­le Hand­lung neh­men. Es muss davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass Men­schen kei­nes­wegs in­halts­leer, „sinn­los“ wie es oft­mals heißt, dazu über­ge­hen, gegen an­de­re, Drit­te Ge­walt an­zu­wen­den. Ge­walt­an­wen­dung ver­steht sich in­so­fern als blo­ßes Mit­tel zur Durch­set­zung des ei­ge­nen In­ter­es­ses, wel­ches zu­nächst als un­be­frie­dig­tes auf­tritt. Wir fin­den somit ei­ner­seits das In­ter­es­se, ein Man­gel­emp­fin­den ver­bun­den mit einer Ziel­ge­rich­tet­heit, die in der Auf­lö­sung oder Auf­he­bung des Man­gels an­de­rer­seits seine Rea­li­sa­ti­on er­fährt. Dies be­steht ge­trennt von den je­wei­li­gen kon­kre­ten In­hal­ten bzw. Mo­ti­ven, je­doch auch nicht gegen diese ge­rich­tet. Nur wenn dies er­kannt wird, kann dazu über­ge­gan­gen wer­den, von einer rein re­pres­si­ven bzw. re­strin­gie­ren­den Form der Ge­walt­kri­tik hin zu einer Tran­szen­denz der Ge­walt zu zie­len. Be­ach­tet wer­den muss je­doch eines: Die tat­säch­li­che Kau­sa­li­tät exis­tiert un­ab­hän­gig von der ein­zel­nen Be­dürf­nis­la­ge. An­ders for­mu­liert heißt dies, dass es we­sent­li­che struk­tu­rel­le Prin­zi­pi­en, Sys­tem­grund­la­gen gibt, die fort­wäh­rend dazu an­zu­stif­ten – kei­nes­falls ein De­ter­mi­nis­mus, aber doch mo­ti­vie­rend! –, sich ge­sell­schaft­lich sank­tio­nier­ter For­men der An­eig­nung durch und ver­mit­tels Ge­walt zu be­die­nen.

Ge­walt wird zum einen zur Be­schaf­fung ma­te­ri­el­ler Güter an­ge­wandt. Dies in man­nig­fal­ti­ger Form wie Raub und Ei­gen­tums­de­lik­te, Er­pres­sung und Be­schaf­fungs­kri­mi­na­li­tät im wei­tes­ten Sinne etc. Zum an­de­ren auf­grund psy­cho-so­zia­ler Mo­ti­va­tio­nen ar­ti­ku­liert in Be­grif­fen wie Ehre, An­er­ken­nung, Recht­schaf­fen­heit, (Na­tio­nal)Stolz und dgl. mehr. Eine drit­te davon ab­ge­lei­te­te Form ist die se­xua­li­sier­te Ge­walt in Form von Nö­ti­gung, Ver­ge­wal­ti­gung und Miss­brauch zur Er­lan­gung se­xu­el­ler Be­frie­di­gung. Es ist au­gen­schein­lich, dass ver­schie­de­ne Ge­wal­ten einen mehr­di­men­sio­na­len As­pekt auf­wei­sen wie bspw. die sog. Hab­gier ver­deut­licht, bei der ma­te­ri­el­le und ide­el­le Be­weg­grün­de in eins fal­len. Gleich­falls tre­ten Raub und Er­pres­sung in Ver­bin­dung mit se­xua­li­sier­ter Ge­walt auf. Dies be­steht wohl­merk­lich ge­trennt von der höchst­amt­li­chen Form der Ge­walt: der Staats­ge­walt1, wel­che sich durch das Ge­walt­mo­no­pol in­ner­halb der Ge­sell­schaft de­fi­niert und als ein­zi­ge Par­tei auf sog. „le­gi­ti­me Ge­walt“ setzt, um die ei­ge­ne Herr­schafts­grund­la­ge, die „öf­fent­li­che Si­cher­heit und Ord­nung“ auf­recht­zu­er­hal­ten.

Die For­men der Ge­walt und ihre spe­zi­fi­schen Be­weg­grün­de sind denn al­ler­dings auf das ihnen Ge­mein­sa­me, das Ge­nui­ne zu re­flek­tie­ren: Wel­cher Art sys­te­mi­schen Um­feld be­darf es, um Ge­walt als zwar zi­vil­recht­lich il­le­gi­tim, in­ter­sub­jek­tiv je­doch le­gi­tim er­schei­nen zu las­sen? Zu­nächst aus phy­sisch-psy­chi­scher Sicht als rei­nes Fak­tum der (Le­bens)Angst beim Mal­trä­tier­ten, Drang­sa­lier­ten, Vikti­mi­sier­ten (dem sog. „Opfer“); aus Sicht des Ge­walt­an­wen­de­nen („Täter“) auf­grund der Macht­aus­übung und also des Wil­lens­bruchs beim An­de­ren, wel­che not­wen­dig er­scheint, um das je ver­schie­de­ne Ziel zu er­rei­chen.

Man muss davon aus­ge­hen, dass be­stimm­te ge­sell­schaft­li­che Ge­ge­ben­hei­ten Aus­schluss von Mit­tel bzw. Tren­nung von der Ver­fü­gung über Dinge des Be­darfs pro­du­zie­ren. Hier bleibt als ers­tes zu kon­sta­tie­ren:

• Die ge­gen­wär­ti­ge bür­ger­lich-ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schafts­form pro­du­ziert Aus­schluss
• Dies ge­schieht auf­grund der in ihr wal­ten­den Prin­zi­pi­en, die sich grob in der Ei­gen­tums­ga­ran­tie sowie frei­en Kon­kur­renz (der for­mel­len Gleich­heit ge­gen­über­tre­ten­der Rechts­sub­jek­te) fest­hal­ten las­sen.
• Hier­aus er­wach­sen­de Kri­mi­na­li­tät ist struk­tu­rell ver­fasst und kei­nes­wegs eine Aus­nah­me der „hö­he­ren Prin­zi­pi­en“, wo­nach jedem das Beste wi­der­fah­re, so­fern die Grund­re­geln des Sys­tem (frei­er Han­del führt zur Wohl­stands­meh­rung; for­mel­les Wahl­recht führt zur ad­äqua­ten Ver­tei­lung po­li­ti­scher Ra­tio­na­li­tä­ten und Ent­schei­dun­gen) be­ach­tet wür­den (kurz­um: „in­vi­si­ble hand“ sowie Be­darfs­re­ge­lung gemäß An­ge­bot und Nach­fra­ge)

Wenn es fest­steht, dass Be­dürf­nis­se nur in Form zah­lungs­kräf­ti­ger Nach­fra­ge auf­tre­ten kön­nen, so wer­den all jene In­ter­es­sen des­avou­iert, wel­che kei­ner­lei Zah­lungs­kraft auf sich ver­ei­ni­gen kön­nen und so­zu­sa­gen „mit­tel­los“ um Be­frie­di­gung bit­ten.

Die bür­ger­lich-ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaft, wel­che in ihren Fun­da­men­ten auf der Frei­heit und Gleich­heit fußt, pro­du­ziert nicht nur fort­wäh­ren­den Man­gel durch Aus­schluss auf der einen, son­dern auch an­hal­ten­den Ver­schleiß wie Ver­schwen­dung von Res­sour­cen und Ka­pa­zi­tä­ten in­fol­ge un­ab­ge­ru­fe­ner bzw. nicht nach­ge­frag­ter Ge­brauchs­wer­te auf der an­de­ren Seite. In der End­kon­se­quenz kommt es ver­mit­tel durch tech­no­lo­gi­sche Pro­duk­tiv­kraft­stei­ge­run­gen zu einem na­he­zu un­ge­ahn­ten Reich­tum, der mit einer sich an­dau­ernd po­ten­zie­ren­den Armut ein­her­geht. Es ist diese Armut, wel­che ver­sucht ist, sich Gel­tung zu ver­schaf­fen.

Eine Va­ri­an­te des Gel­tend­ma­chen von An­sprü­chen ist die Kri­mi­na­li­tät (in kri­mi­no­lo­gi­schen Dis­kur­sen als „De­vi­anz“ oder „De­lin­quenz“ vor­ge­stellt). Diese Va­ri­an­ten set­zen sich in der Folge auch in der be­reits oben be­schrie­be­nen Form durch: Wil­lens­bruch zur Er­lan­gung des er­heisch­ten Ge­brauchs­wert, der sich in man­nig­fa­cher Weise ma­te­ria­li­sie­ren kann: als Rechts­ti­tel, als Geld (die Zu­griffs­macht zum abs­trak­ten Reich­tum)2 oder aber Ver­fü­gung über einen Men­schen ar­ti­ku­lie­ren kann. Ohne näher auf die ein­zel­nen Ver­laufs­for­men der hier als Be­gleit­erschei­nung auf­tre­ten­den Ge­walt ein­zu­ge­hen, muss also fest­ge­hal­ten wer­den, dass die Ge­walt ein Stück weit struk­tu­rell ist und nur durch Über­win­dung bzw. Auf­he­bung die­ses Wi­der­spruchs be­sei­tigt wer­den kann. In der Um­keh­rung heißt dies: Wo kein Man­gel pro­du­ziert, son­dern be­frie­digt wird, da auch kei­ner­lei Not­wen­dig­keit des Wil­lens­bruch auf der an­de­ren Seite zwecks Er­lan­gung des Ge­gen­stands des In­ter­es­ses. Es muss also die ex­klu­si­ve Ver­fü­gungs­macht fal­len, so­dass die­ses Kon­flikt­po­ten­ti­al ver­schwin­det.

Wie be­geg­net man dem ide­el­len „Über­bau“ einer Ge­sell­schaft, in der Kri­mi­na­li­tät er­scheint? Muss zu­nächst nicht erst der Be­griff „Kri­mi­na­li­tät“ auf sei­nen Ent­ste­hungs­hin­ter­grund be­leuch­tet wer­den? Wenn „Kri­mi­na­li­tät“ als Be­griff­lich­keit ein­ge­führt wird, um „De­lin­quenz“ oder „De­vi­anz“ zu um­schrei­ben, so ist er mehr als Folie eines hin­ter­leg­ten Kon­trasts zu ver­ste­hen, der ver­schie­de­ne Phä­no­me­ne an­hand gel­ten­der Prin­zi­pi­en le­dig­lich po­si­ti­vis­tisch an­häuft und in der Folge durch das ihm ei­ge­ne Ka­te­go­ri­en­sys­tem sub­su­miert.

Zu­nächst be­darf es einer Dis­kurs­ana­ly­se der Be­griff­lich­keit(en), die an­sons­ten un­re­flek­tiert in die Ana­ly­se mit ein­flie­ßen wür­den. „Kri­mi­na­li­tät“ ist je­doch als Topoi un­trenn­bar mit der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ver­bun­den. Wir sto­ßen auf die­sel­ben Schnitt­men­gen, auf die wir be­reits in der Be­trach­tung des Aus­schlus­ses durch Ei­gen­tum ge­sto­ßen sind: das po­si­ti­ve Recht li­be­ra­ler Her­kunft.

Es ist die­ses Rechts­sys­tem, das sich – in al­ler­hand li­be­ra­ler Phi­lo­so­phi­en re­flek­tiert –, ge­trennt von der po­li­tisch und öko­no­mi­schen Aus­ge­stal­tung des All­tags in den Köp­fen und Ge­dan­ken der ihm un­ter­wor­fe­nen Men­schen wi­der­spie­gelt. Es be­darf dem­nach einer kri­ti­schen Re­fle­xi­on über die aus­ge­üb­te In­for­ma­ti­ons- und Wis­sens­pro­duk­ti­on, das „Er­zäh­len“ und „Er­fin­den“ von Wahr­hei­ten, der kul­tu­rel­len He­ge­mo­nie als auch der idea­len Sprech­si­tua­ti­on, die das ent­ge­gen­ge­setz­te Den­ken und Reden zu mar­gi­na­li­sie­ren sucht.

Um den Ge­dan­ken kurz zu­sam­men­zu­fas­sen: die ide­el­le Dar­stel­lung der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft be­darf der kri­ti­schen Über­prü­fung, da aus der Re­fle­xio­nen Vor­stel­lun­gen vom Zu­stand der Ge­sell­schaft ent­ste­hen, die das Han­deln je­wei­li­ger Men­schen struk­tu­rie­ren (Moral, eher­ne Grund­sät­ze und Prin­zi­pi­en, Idea­lis­mus, Soll-Zu­stand, Wün­schen, Hoff­nun­gen und Träu­me: all dies dient als neu­er­li­che Kon­trast­fo­lie, als Re­ak­ti­on auf vor­ge­fun­de­ne Ver­hält­nis­se und es bleibt zu klä­ren, ob und in­wie­fern die­ses Den­ken le­dig­lich „fal­sches Be­wusst­sein“ und also als Ab­lei­tung einer zu ver­wer­fen­den Rea­li­tät zu ver­ste­hen sind, oder ob den Ge­dan­ken be­reits Ten­den­zen einer Tran­szen­denz des Sta­tus quo in­ne­woh­nen).

Die se­xua­li­sier­te Ge­walt ist dicho­to­misch ver­fasst: Sie be­inhal­tet so­wohl Schnitt­men­gen mit der bür­ger­li­chen Vor­stel­lung vom Men­schen (In­di­vi­du­al­phi­lo­so­phie als Kon­ti­nu­um der gül­ti­gen li­be­ra­len Rechts­phi­lo­so­phie), der kon­stru­ier­ten Vor­stel­lun­gen der mensch­li­chen Se­xua­li­tät und der Re­prä­sen­ti­on in den bür­ger­li­chen Wis­sen­schaf­ten vom Men­schen (Hu­man­wis­sen­schaf­ten). Gleich­wohl hat es Ver­ge­wal­ti­gung oder Miss­brauch be­reits in der An­ti­ke ge­ge­ben. Es bleibt somit auch hier zu klä­ren, in­wie­fern der an­ge­leg­te Maß­stab einer vor­ge­fass­ter, eine Art Aprio­ri ist, der das kon­stan­te Bild der Ka­te­go­ri­en ad ab­sur­dum führt, weil er vor­an­ge­gan­ge­ne Ge­sell­schaf­ten in­ad­äquat be­schreibt (auf­grund des sei­ner­zeit an­ders ge­ar­te­ten Selbst­ver­ständ­nis­ses einer Ge­sell­schafts­form) oder ob ihm tat­säch­li­che über­zeit­li­che Gel­tung zu­kommt.

Das Reden über Se­xua­li­tät im­pli­ziert zu­min­dest das Vor­han­den­sein der Ka­te­go­rie des „Sexes“. Se­xua­li­sier­te Ge­walt ist nicht von ihrem In­halt zu tren­nen. Wir den­ken in ihm eine Ver­schär­fung des An­griffs auf das „Opfer“ (hier in An­füh­rungs­zei­chen, da das Spre­chen über Miss­brauch­te kei­nes­wegs ein ana­ly­ti­sches ist), da die leib­li­che In­te­gri­tät in hohem Maß an­ge­tas­tet wurde. Der voll­zo­ge­nen Wil­lens­bruch im­pli­ziert neben kör­per­li­chen Wun­den, einen psy­chi­schen Schmerz, der sich von den Ge­walt­an­wen­dun­gen der Be­schaf­fungs- und Ei­gen­tums­de­lik­te in der Form un­ter­schei­det, dass er sich pri­mär auf den Men­schen selbst rich­tet. Der An­griff be­inhal­tet dabei zwei ein­an­der wi­der­strei­ten­de Prin­zi­pi­en: die Be­frie­di­gung der Lust (in der Psy­cho­pa­tho­lo­gie des 19. Jahr­hun­derts erst­ma­lig als sog. „Trieb“ iden­ti­fi­ziert; in der Psy­cho­ana­ly­se Freuds dann unter dem Eti­kett des „Un­be­wuss­ten“ sowie des „Es“ fort­ge­schrie­ben) in Form der se­xu­el­len Sti­mu­la­ti­on, glei­cher­ma­ßen wie das Wis­sen um seine Sank­ti­on, wel­ches all jene Pro­zes­se in Gang setzt, die ein­zig dazu die­nen, die Spu­ren der als „Tat“ ver­stan­de­nen Hand­lung zu ver­wi­schen, das Ge­gen­über als po­ten­ti­el­len „Zeu­gen“ zu eli­mi­nie­ren, wie­der­um not­falls ge­walt­tä­tig. Beide Prin­zi­pi­en („Lust­prin­zip“ und „Rea­li­täts­prin­zip“) wir­ken in glei­cher Form auf den Men­schen ein und struk­tu­rie­ren sein Han­deln und dies ist nicht als Wi­der­spruch zu ver­ste­hen, son­dern viel­mehr als Selbst­ent­lar­vung.

Die­sem Kom­plex schlie­ßen wie ge­sagt al­ler­hand von Fra­gen an, wel­che vorab auf­zu­wer­fen wären, ohne einer mo­ra­li­schen Be­trach­tung an­heim­zu­fal­len3. Neben dem „Sex“ gilt es, die „Lust“ und ihren ge­sell­schaft­li­chen Ge­brauch zu iden­ti­fi­zie­ren. Wel­che For­men ihrer An­wen­dung sind le­gi­tim, wel­che sank­tio­niert und wes­halb? Es ist klar, dass sich eine enge Ko­hä­renz zwi­schen herr­schen­der In­di­vi­du­al­phi­lo­so­phie und ihrer recht­li­chen Ko­di­fi­ka­ti­on auf­tut. Da se­xua­li­sier­te Ge­walt oft in Form der „he­te­ro­se­xu­el­len Ma­trix“ auf­tritt, ist auch diese Bi­na­ri­tät zu be­leuch­ten. Was kon­sti­tu­iert hier­in Iden­ti­tä­ten wie „Mann“ und „Frau“ in glei­cher Weise, und wie setzt sich das An­er­ken­nungs- bzw. Un­ter­wer­fungs­ver­hält­nis sys­te­ma­ti­siert („Dia­lek­tik von Herr und Knecht“) durch? Neben der Se­xua­li­tät ist somit die Iden­ti­tät von Ge­schlech­tern mit­samt ihren kul­tu­rel­len Pro­jek­tio­nen, den sog. Ge­schlechts­iden­ti­tä­ten (gen­der) als auch ihrer bio­lo­gi­schen „Er­fin­dung“ zu hin­ter­fra­gen. Dass sich die Se­man­ti­ken der Ge­schlech­ter im wech­sel­sei­ti­gen Aus­tausch ma­ni­fes­tie­ren und re­pro­du­zie­ren ist ein Ge­mein­platz, doch wenn dies so of­fen­sicht­lich ist, warum wird davon nicht ab­ge­las­sen und in­wie­weit trägt die­ses Res­sen­ti­ment dazu bei, Va­ri­an­ten der Se­xua­li­tät zu prä­for­mie­ren und damit auch Ge­walt als quasi not­wen­dig er­schei­nen zu las­sen? Ohne eine spe­zi­fi­schen Be­griff von Ge­sell­schaft, die den „Sex“ pro­du­ziert, lässt sich somit auch diese Form der Ge­walt nicht grund­sätz­lich kri­ti­sie­ren und auf­he­ben. Er­heischt ist ein so­zia­les Feld, das Iden­ti­tä­ten nicht nach so­zia­len Kon­struk­tio­nen quasi „be­rei­nigt“ in ein Wech­sel­ver­hält­nis tre­ten lässt, son­dern zur Eman­zi­pa­ti­on des Selbst bei­trägt, worin die­ses auch immer be­ste­hen mag (pro­gres­si­ve Ge­sell­schafts­theo­ri­en ste­hen von jeher unter dem Ver­dacht der nur fort­ge­schrie­be­nen Es­sen­tia­li­sie­rung vom „Wesen des Men­schen“).

Schluss­end­lich ist dann auf die herr­schen­de Ge­walt­ord­nung, wel­che staat­lich durch­ge­setzt ist, zu re­kur­rie­ren. Da sich diese Ge­walt­ord­nung durch den Be­griff der „Na­ti­on“ (Ima­gi­na­ti­on einer na­tur­wüch­sig ent­stan­de­nen Ein­heit) de­fi­niert, ist ein letz­tes Ka­pi­tel der Ge­walt an­zu­rei­ßen: das der zwi­schen­staat­li­chen Ge­walt. So­wohl auf der Ma­kro­ebe­ne (Staa­ten tre­ten ge­gen­ein­an­der als Sou­ve­rä­ne mit je­wei­li­gem Ho­heits­an­spruch auf), als auch auf der Mi­kro­ebe­ne (die der Herr­schaft un­ter­wor­fe­nen „Bür­ger“ in­ter­na­li­sie­ren das Sub­ord­i­na­ti­ons­ver­hält­nis und ideo­lo­gi­sie­ren die Kon­kur­renz der Na­tio­nen in ras­sis­ti­scher und ho­mo­pho­ber, letzt­lich ge­walt­tä­ti­ger Form). Hier sind die Grün­de für die­sen fal­schen Bezug auf die po­li­ti­sche Macht und deren Grund­la­gen trans­pa­rent zu ma­chen, um einer Kri­tik ge­recht wer­den zu kön­nen:

Es gibt kei­nen Kör­per der Re­pu­blik. Der Kör­per der Ge­sell­schaft wird da­ge­gen im Ver­lauf des 19. Jahr­hun­derts das neue Prin­zip. Die­sen Kör­per wird man auf quasi me­di­zi­ni­sche Weise schüt­zen müs­sen: an­stel­le der Ri­tua­le, durch die man die In­te­gri­tät des Kör­pers des Mon­ar­chen wie­der­her­stell­te, wird man Re­zep­te und The­ra­pi­en an­wen­den wie Eli­mi­ne­rung der Kran­ken, Kon­trol­le der von an­ste­cken­den Krank­hei­ten Be­fal­le­nen, Aus­schluß der De­lin­quen­ten. Die Eli­mi­nie­rung durch Mar­ter wird so durch Me­tho­den einer Asep­tik er­setzt: Kri­mi­no­lo­gie, Eu­ge­nik, Aus­son­dern der „Ent­ar­te­ten“… [Mi­chel Fou­cault, Mi­kro­phy­sik der Macht, Merve: Ber­lin, 1976, S. 105]

1 Die Staats­ge­walt ist gemäß ihrer po­li­ti­schen Ra­tio­na­li­tät ge­son­dert zu kri­ti­sie­ren. Fest steht, dass es einer über­ge­ord­ne­ten Ge­walt nur dann be­darf, wenn es wi­der­strei­ten­de In­ter­es­sen zu re­gu­lie­ren und unter ein ge­mein­sa­mes Sturk­tur- bzw. Ord­nungs­prin­zip zu sub­su­mie­ren gilt. Der Be­griff der „Herr­schaft“ er­weist sich somit in dop­pel­ter Hin­sicht als kri­tik­wür­dig: Herr­schaft wor­über und wofür?

2 Dass das Geld die Zu­griffs­macht schlecht­hin ist, ist keine Be­son­der­heit, die den ewig­wäh­ren­den Prin­zi­pi­en des Han­dels ge­schul­det ist, so­dern Re­sul­tat staat­li­cher Po­li­tik. Staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät der Mo­der­ne äu­ßert sich nicht nur in der Ho­heit über Ter­ri­to­ri­um und Be­völ­ke­rung, son­dern auch über Reich­tums­quel­len der ei­ge­nen Na­ti­on (An­fän­ge be­bil­dert der Ab­so­lu­tis­mus mit sei­ner mer­kan­ti­len Aus­ge­stal­tung des Pro­duk­ti­ons­we­sens, wel­cher durch bür­ger­li­che Re­vo­lu­tio­nen po­li­tisch und durch li­be­ral-in­di­vi­dua­lis­ti­sche In­itia­ti­ven öko­no­misch ab­ge­löst wurde.). Die staat­li­che Ho­heit setzt per recht­li­cher Ver­fü­gung fest, dass der Tausch sich in einer all­ge­mei­nen Äqui­va­len­ten­form ma­te­ra­li­sie­ren soll. Die­ses Äqui­val­ten ist in der Tat aus dem Han­del und der Pra­xis er­wach­sen, durch Ge­wohn­heit ver­fes­tigt wor­den. Die Ent­de­ckung von Sil­ber- und Gold­vor­kom­men im Zuge au­ßer­eur­poäi­scher Ex­pan­sio­nen sowie der in den Edel­me­tal­len re­prä­sen­tier­te Ar­beits­wert sor­gen für eine er­här­te­tes Be­stre­ben, diese Form des Reich­tums zu meh­ren und als all­ge­mei­ne Ver­fü­gungs­macht durch­zu­set­zen. Die Zei­ten des Gol­des sind heute vor­bei, was ge­blie­ben ist, sind bunte Zet­tel mit No­ta­ti­on, die zu­gleich einen Ge­gen­wert dar­stellt. Des­sen Gül­tig­keit ver­dankt sich ein­zig des staat­li­chen Ge­walt­mo­no­pols, das da­hin­ter steht und alle Schei­ne mit Kre­dit­funk­ti­on be­glau­bigt.

3Hier­zu sei ex­em­pla­risch Fou­cault zi­tiert: „Die Dis­kur­se über den Sex – spe­zi­fi­sche, gleich­zei­tig nach Form und Ge­gen­stand un­ter­schie­de­ne Dis­kur­se – haben un­auf­hör­lich zu­ge­nom­men: eine dis­kur­si­ve Gä­rung, die sich seit dem 18. Jahr­hun­dert be­schleu­nigt hat. Ich denke hier nicht so sehr an die Ver­viel­fa­chung »un­ziem­li­cher«, frev­le­ri­scher Dis­kur­se, die rück­sichts­los, vol­ler Spott für die neuen Scham­haf­tig­kei­ten, den Sex beim Namen nen­nen; wahr­schein­lich hat die Ver­schär­fung der An­stands­re­geln im Ge­gen­zug eine Auf­wer­tung und In­ten­si­vie­rung der un­an­stän­di­ge­nen Rede her­vor­ge­ru­fen. Das We­sent­li­che aber ist die Ver­meh­rung der Dis­kur­se über den Sex, die im Wir­kungs­be­reich der Macht selbst statt­fin­det: in­sti­tu­tio­nel­ler An­reiz, über den Sex zu spre­chen, und zwar immer mehr dar­über zu spre­chen; von ihm zu spre­chen zu hören und ihn zum Spre­chen zu brin­gen in aus­führ­li­cher Er­ör­te­rung und end­lo­ser De­tail­an­häu­fung.“ (Mi­chel Fou­cault: Der Wille zum Wis­sen. Se­xua­li­tät und Wahr­heit I, Suhr­kamp: Frank­furt/Main, 1983, S. 24)

23:09 27.06.2012
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Geschrieben von

Ernst Glischka

"Die Diskurse herrschen nicht." (Habermas)
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