Apocalypse blau

US-Wahl Die Demokraten und ihr Schlachtschiff Hillary Clinton müssen eine dramatische Niederlage verarbeiten. Werden sie aus 2016 die richtigen Lehren ziehen?
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Apocalypse blau
Clintons Wahlkampfmanager John Podesta fordert ihre Anhängerinnen und Anhänger vor Ende der Wahlnacht auf, nach Hause zu gehen
Foto: Elsa/AFP/Getty Images

Donald Trump hat die Wahl gewonnen. Für das Washingtoner Establishment sind diese Worte in etwa so schockierend und überraschend wie es 1980 der Satz „Nein, ich bin dein Vater“ für Luke Skywalker und das weltweite Kinopublikum war. Die Blase der „Politik wie eh und je“ ist tief erschüttert vom gestrigen Wahlausgang und man möchte es ihnen zunächst nicht übelnehmen. Doch niemand hat den Sieg von Donald Trump so zu verschulden wie die Demokratische Partei und ihre wohlgesinnte Presse. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Umfragen und Entwicklungen im politischen Bewusstsein der Bevölkerung haben sie die unbeliebteste Demokratin im Land, Hillary Clinton, gepusht, ihr den Weg freigeräumt, in jeder erdenklichen Weise. Dabei war sie eine stark beschädigte Kandidatin mit immenser Angriffsfläche, ihr völlig harmloser Emailskandal war hier nur ein Tropfen im Fass ihrer Unpopularität. Und, was ihr größtes Problem war, sie repräsentierte das Establishment und die „legal“ korrupte Washingtoner Politik wie keine andere.

Donald Trump erreichte all die Wähler, die genau von alldem die Schnauze voll hatten, nicht unbedingt weil diese genau gewusst hätten weswegen sie die Schnauze voll haben, aber dennoch. Trump präsentierte sich als Mann des Volkes (was er natürlich auch nicht war) mit seiner für viele Amerikaner erfrischenden „I don't give a fuck“-Attitüde gegenüber jeglicher Political Correctness, fischte am rechten Rand mit seinen unsäglichen Bemerkungen über Mexikaner, Frauen und Muslime, die sich kein nationaler Politiker zuvor hätte trauen wollen. Clinton dagegen wirkte stets wie ein Wahlkampfroboter, unauthentisch, eingeprobt, leidenschaftslos und eingekauft.

Allerspätestens nach dem knappen Vorwahlkampf gegen Bernie Sanders, der genau die gegenteilige Wirkung hatte und in Windeseile der beliebteste Politiker im Land wurde, hätte den Demokraten klar werden müssen dass Trump und Sanders so populär waren weil sie eben nicht für politics as usual standen und damit die Chancen eines reinen Weiter-so-Wahlkampfes sehr schlecht stehen würden. Hätte das Team Clinton (das, wie man den Wikileaks entnehmen kann, synonym mit der demokratischen Parteiführung ist) eine progressive Vizepräsidentschaftskandidatin wie Elizabeth Warren aufgestellt und nicht den harmlosen Standard-Kumpelpolitiker Tim Kaine, sie hätte wohl mehr erreichen können. Hätte sie offen und laut und überzeugend große Teile von Bernie Sanders' Wahlprogramm (das bei über 70% der Bevölkerung Zuspruch fand!!) übernommen und ehrlich für progressive Politik gekämpft, sie hätte die Wahl gewinnen können.

Doch das alles ist irrelevant, denn die Demokratische Partei wird die Schuld öffentlich an anderswo verorten. Sie wird sagen, dass das Volk wohl noch nicht bereit war für eine Frau im höchsten Amt. Sie wird sagen, dass die Wähler von Bernie Sanders mit ihrer Protestwelle gegen Clinton ihrer Wahl geschadet haben. (Jill Stein, die Anlaufstelle für enttäuschte Bernie-Wähler, die auf keinen Fall Clinton wählen wollten, landete landesweit bei gerade mal einem Prozentpunkt. Just saying.) Sie wird sagen dass Julien Assange (natürlich in Verschwörung mit Russland) persönlich mit seinen Wikileaks zu Hillarys Wahlkampfemails schuld an ihrer Niederlage ist. Und wenn der DNC dies nicht so ausspricht, so werden es die Medien, die sich auf einen Shitstorm vorbereiten können. Sie haben Trumps Grimassen und Clintons Emails zum alleinigen Inhalt ihrer Berichterstattung gemacht und so ihren Auftrag komplett vernachlässigt.

Die politische und mediale Elite des Landes hat versagt auf ganzer Linie. Und es steht zu bezweifeln ob sie daraus lernen oder schlichtweg untergehen werden. Klar ist, 2020, nach vier Jahren Trump, werden sie das flammendste Plädoyer ihrer Existenz für das Establishment halten. Ob ihnen dann noch zugehört wird ...

11:16 09.11.2016
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