Apokalypse now, please?

Krieg und Gewalt Serien wie "The Walking Dead" sind besonders populär wenn dort besonders viele Menschen (oder Zombies) sterben. Was sagt unser Blutdurst über uns?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Killerspiele! Ein Totschlag(s)argument, das noch vor einigen Jahren zwar kontrovers diskutiert wurde aber dennoch seltsam salonfähig war, wenn wieder einmal ein junger Mann um sich schoss und Menschen tötete. Dass darüber heute kaum noch gesprochen wird, ist einigen Studien zu verdanken, die kaum bis keinen Zusammenhang zwischen Computerspielen und abnehmender Gewalthemmung feststellen konnten. Es mag auch daran liegen, dass fotorealistische Ballerspiele, die sogenannten First-Person-Shooter, mittlerweile in beinahe jedem Haushalt zu finden sind und Teil des kulturellen Spielzeugfundus des neuen Jahrtausends geworden sind. Mit Wolfenstein, Doom, Quake und Half-Life begann der Trend, der sich bis heute in Spieleserien wie Far Cry, Call Of Duty und Battlefield fortsetzt.

Gewalt, Töten, um sein Leben rennen – das sind Situationen die die allermeisten Bewohner des wohlhabenderen Teils der Welt nur aus solchen Spielen, Filmen und Serien, sowie gelegentlicher Kriegsberichterstattung aus dem Nahen Osten oder Afrika im Fernsehen kennen. Der letzte große Weltkrieg ist 71 Jahre her, der letzte bewaffnete Konflikt innerhalb Europas auf dem Balkan fand in den 1990er Jahren statt. Dass Gewalt Teil der menschlichen Natur sei, wird häufig bestritten mit dem Hinweis darauf, dass der Mensch sich erst zum Barbaren entwickelte, als er begann, die Zivilisation zu erfinden. Zuvor wird ein goldenes Zeitalter des Einklangs mit der Natur und des friedlichen Zusammenlebens unterstellt. Selbst wenn dies der Fall wäre, so hat sich der Mensch doch in den letzten Jahrtausenden mit derart Wollust auf Gewalt, Mord und Krieg gestürzt, dass doch zumindest zu argwöhnen wäre dass dies sich mittlerweile mindestens kulturell wenn nicht gar biologisch vererbt hat.

Wenn man eine der dominantesten westlichen Kulturen – die USA – ansieht, so ist ihr Kulturexportschlager Hollywood, den der Rest des „Westens“ beinahe ebenso hungrig verschlingt wie die Amerikaner selbst, voll von permanentem Mord und Totschlag. Ob Western, Superheldenfilme, Science Fiction oder gute alte Actionthriller – die gebotene Problemlösung ist stets der Tod der Bösewichte. Klar gibt es auch die Animationsfilme von Pixar oder Dreamworks, die Romantic Comedys und viele sehr gute Arthouse-Filme, in denen Krieg und Tod eine weniger vordergründige Rolle spielen. Und doch sind, neben dem althergebrachten Sitcom-Format, im amerikanischen Fernsehen die populärsten Serien diejenigen in denen permanent getötet und gestorben wird. Das geht bei den meist recht phantasielosen Krimiserien wie CSI, Navy CIS oder Bones los, über recht subversive, kluge Serien wie Dexter, Fargo und True Detective und ambivalente Actionreißern wie 24 oder Homeland, bis hin zu den großen Blockbustern des amerikanischen Fernsehens: The Walking Dead und Game Of Thrones.

Beide Serien sind exzellente Beispiele für narrative Ensembleserien mit Fantasy-/Horrorsetting, beide Serien regen zum Nachdenken an, fordern moralische Diskurse heraus und behandeln ihre oft grausamen Themen mit großer kreativer Verantwortung. Gerade The Walking Dead, da es nicht in einer mittelalterlichen Fantasywelt stattfindet, sondern quasi im zeitgemäßen, postapokalyptischen Amerika nach dem Ausbruch einer Zombieseuche, bringt immer wieder fürchterliche moralische Dilemmata die oft so gelöst werden, dass der Zuschauer sich fragen muss, ob er der vorgeblichen Heldenfigur Rick Grimes oder der Terminator-Hausfrau Carol Peletier noch folgen würde.

Würden Sie im Kriegsfall zur Waffe greifen und töten wenn ein feindlicher Soldat drohen würde, Ihre Familie zu erschießen? So oder so ähnlich lautete die relevante Frage beim Kreiswehrersatzamt, wenn man den Kriegsdienst verweigern wollte. In The Walking Dead sind die Charaktere pausenlos solchen Situationen ausgesetzt. Und meistens entscheiden sie sich fürs Töten um zu leben.

Doch sind es die großen moralischen Fragen und die großen menschlichen Dramen, die bei diesen Serien die meisten Menschen begeistern. Offenbar nicht. Verfolgt man das Bewertungssystem auf IMDB.com für diese Serien, so sind es stets die Folgen in denen am meisten Gemetzel passiert, in denen die meisten Menschen (oder Zombies) sterben, die die besten Bewertungen bekommen. Kommentare zu diesen Episoden beginnen oft mit dem Satz „Endlich wieder Walking Dead so wie es sein muss“. Folgen, in denen niemand stirbt, werden verächtlich als Filler-Episoden bezeichnet. Woher kommt unser Blutdurst? Warum spielen wir hauptsächlich Ballerspiele? Warum schauen wir hauptsächlich Filme in denen die Probleme Erzbösewichte sind, die nur durch einen Kopfschuss zu „lösen“ sind? Warum ging zu Beginn der neuen Krimkrise eine Art Kriegsgeheul durch die Medien, als könnten wir es nicht erwarten, endlich wieder Krieg gegen Russland zu führen? Warum gibt es in den USA täglich ein sogenanntes mass shooting (mindestens 4 Verletzte durch Schusswaffengebrauch)? Vermisst der Wohlstandsmensch das tägliche Kämpfen um Leben und Tod? Sind wir auf Entzug und suchen uns daher Ersatzdrogen?

Ich selbst habe mir nach einigen Folgen von The Walking Dead die Frage gestellt, ob jenes harsche, brutale, postapokalyptische (Über-)Leben nicht wertvoller wäre als das Leben das wir tatsächlich führen: Steuererklärung, Jobsuche, Amazonlieferung und Selfies. Ist das undankbar? Oder ist das nur ein Zeichen dafür, dass die Zivilisation, die wir derzeit bewohnen, mit Leben oft wenig zu tun hat? Ist der Mensch vielleicht doch nicht für Wohlstand und Frieden gemacht? Oder ist der Wohlstand und der Frieden den wir momentan haben, ein falscher Wohlstand und ein falscher Frieden? Ich habe persönlich keine Probleme mit Ballerspielen und Filmen und Serien voller Mord und Totschlag. Doch wenn man die Kriegstreiberei der USA und vielen anderen Ländern, die Waffenlobbies, das Erstarken der Rechten überall und die permanenten Angriffe auf Flüchtlingsheime ansieht, bekommt man das Gefühl, all das sind nur Anzeichen dafür dass wir auf einem riesigen Pulverfass sitzen. Are we the walking dead?

15:24 10.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 4