Das Gott-Regime, ein himmlisches Nordkorea

Atheismus/Religion Richard Dawkins und der zu früh verstorbene Christopher Hitchens bevölkern eine eindrucksvolle Sammlung an "Religion vs. Atheismus"-Debattenvideos im Internet.
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Wir leben in einer Zeit, in der Religion wieder eine große Rolle im gesellschaftlichen Diskurs spielt. Der aufkeimende radikale, in großen Teilen islamistisch geprägte Hass auf „den Westen“ und die damit verbundenen Terroranschläge spielen dabei eine Rolle, ebenso jedoch das Erstarken der Kreationisten, besonders in den USA, wo derzeit 42% der Bevölkerung glaubt, dass Gott den Menschen in seiner derzeitigen Form(en) geschaffen hat und dass die gesamten Erkenntnisse der Wissenschaft über die Entstehung von Universum, Leben und Arten Irrtümer, Fehlglauben oder säkulare Propaganda darstellen.

Ein Symptom dieser Entwicklungen bei gleichzeitiger Verbreitung von Atheismus und Agnostik stellt die Häufung von vielbeachteten öffentlichen Debatten im Schema „Religion vs. Atheismus/Spiritualität vs. Wissenschaft“ dar. In den allermeisten dieser großen Debatten sieht man auf der atheistischen Seite entweder Prof. Richard Dawkins, Lawrence Krauss, Sam Harris oder den mittlerweile verstorbenen Christopher Hitchens sitzen, allesamt Sprachrohre für Rationalismus, Empirie, Wissenschaft und Säkularismus. Auf der anderen Seite sitzen meist Vertreter der monotheistischen Weltreligionen, Bischöfe, Rabbis, muslimische Glaubensvertreter.

Es sind Schaukämpfe zweier unvereinbarer Positionen. Das ist sicherlich allen Beteiligten auch klar. Sie dienen eher den Zuschauern sich ein Bild davon zu machen, welche Argumentation für sie persönlich mehr Sinn ergibt. Insofern haben sie doch ihre Berechtigung und unterhaltsam sind sie obendrein.

Wobei man sich in den allermeisten Fällen schon vor Beginn der Diskussion die Argumente auf beiden Seiten ausmalen kann. Dawkins oder Hitchens werden auf die vielen abscheulichen Gräueltaten im Namen der jeweiligen Religionen und Gottheiten hinweisen, die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, der islamistische Terror, Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen etc. Worauf die Kirchenseite zugeben wird, dass das zwar passiert ist und immernoch passiert, dass aber doch die Kirchen sehr stark präsent in der Wohlfahrt sind und überall auf der Welt Menschen im Elend zur Seite stehen. Weil das auch die jeweilige Botschaft der jeweiligen Religion sei. Worauf die andere Seite Zitate und Geschichten aus der Bibel (oder dem Koran etc.) hervorziehen wird: die Sintflut, den zornigen, ja cholerisch-gewalttätige Gott des alten Testaments, die Ankündigung der Apokalypse, die Hölle und und und. Darauf hingegen kommen die Religionsvertreter mit der merkwürdigen Verteidigungsstrategie, dass diese Aspekte der Bibel o.ä. ja nicht der Kern ihrer Religion sei, sondern eher diese Sache mit der Nächstenliebe.

Man kann seine Uhr danach stellen. Des weiteren wird die atheistische Seite die Präsenz eines omnipotenten Gottes in den Raum stellen, der Richter und Henker zugleich ist, der stets anwesend ist, in den Träumen und Gedanken der Menschen genauso zusieht und urteilt wie in deren Taten, und selbst nach dem Tod keine Ruhe gibt. Ein totalitärer Autoritätsterror sei das, ein „himmlisches Nordkorea“ (Christopher Hitchens). Und, am Ende des Tages, sei die Bibel nichts weiter als ein altes Buch mit Märchen, anhand dessen sich die Menschen die Welt erklären lassen, während eine Armada an Wissenschaftlern seit Jahrhunderten emsig daran arbeitet, die Geheimnisse des Lebens und des Universums zu entschlüsseln.

Und in meinen Augen hat Richard Dawkins auch recht, wenn er sagt, dass das Beobachten der Vorgänge im Universum und die Rückschlüsse daraus größere Ehrfurcht und größeres Staunen hervorruft als ein paar hundert Seiten Text, in denen alles „erklärt“ wird mit gleichzeitiger strenger Gesetzesvorlage. Die Wissenschaft ist zwar nicht im geringsten frei von „Sünde“, hat sie uns doch neben allen anderen Waffen die Atombombe gebracht, alle Werkzeuge der industrialisierten Zivilisation, die langsam aber sicher den Planeten vergiften und auffressen, sowie schlimmste Experimente im Namen medizinischen Fortschritts. Und doch ist mir die Neugier der Wissenschaft, die Dinge zu ergründen und herauszufinden, Zusammenhänge zu entdecken und Schlussfolgerungen zu ziehen, weitaus sympathischer als sich eine blutrünstige alte Geschichte durchzulesen und aus den wenigen Stellen, die wirkliche Moralvorschläge bieten, seine Prinzipien, seine Ethik und seinen Tagesablauf abzulesen, bis hinein in das eigene Schlafzimmer. Aus Angst vor dem ewigen Feuer. Aus angezogener Gewohnheit. Aus der Frustration, dass die Wissenschaft das warum des Universums derzeit nicht erklären kann und möglicherweise nie können wird.

Von all den Dingen, die mir in diesen Debatten aufgefallen sind, habe ich zwei exemplarisch besonders verinnerlicht:

Auf der Seite der Religionen wird dem Mensch ein Sonderstatus im Ökosystem zugesprochen: Das Wesen, das mit dem Schöpfer kommunizieren darf. Das Wesen, das Bewusstsein bzw. Seele hat. Das Wesen, das in der Lage ist, sich selbst und Gott zu erkennen. Das Abbild seines Schöpfers. Im Gegensatz zu allen anderen Lebensformen auf Erden. Es ist eine arrogante Sichtweise der Welt und des Menschen, durch sie erst ist es möglich geworden, dass der Mensch wahrlich sich die Erde Untertan gemacht hat, jedoch nicht Untertan eines gütigen Königs, sondern eines grausamen. Eines Ausbeuters allererster Güte, wenn man das Wort Güte doch noch unterbringen will.

Gleichzeitig werden kritisierte Aspekte oder Abschnitte der Bibel gerne als allegorisch entschuldigt und dafür willkürlich andere als exakt das Wort Gottes in Stein gemeißelt. Aber das ist eine ganz andere Angelegenheit, auf die ich hier zunächst nicht eingehen will. Genauso wie die Tatsache, dass auf der anderen Seite, der Seite von Wissenschaft und Empirie, hingegen auch gerne einmal Gott gespielt wird.

Was mir auf der Seite der Wissenschaft in diesen Debatten jedoch hängengeblieben ist, ist die Ausschließlichkeit von Wahrheit. Alles was nicht bewiesen ist, ist entweder eine Theorie, der nachzugehen ist, oder aber einfach „Unsinn“. Richard Dawkins sagt immer wieder „I don't care if it helps, the only thing I want to know is if it's true!“ Und er wartet nur noch darauf dass endlich ein Wissenschaftler herausfindet, warum manch ein Mensch zu einem Schubert-Quartett oder einem Shakespeare-Sonett oder einem Sonnenuntergang in Tränen der Ergriffenheit und/oder Freude ausbricht. Ich habe eine gewisse Sympathie für das Mysteriöse. Und ich hoffe tatsächlich dass ich den Tag nicht erleben werde, an dem Ergriffenheit oder Liebe mir als simple chemische Reaktion beschrieben wird. Denn wenn alles erklärbar wird, läuft das Leben, die Existenzspanne, die uns zur Verfügung steht, Gefahr, fad und trivial zu werden – was allerdings ein veritabler Beweis gegen die Existenz von Gott wäre. Zumindest gegen die Notwendigkeit des Menschen in einem Gott-Mensch-Verhältnis. Dann verzichte ich ehrlich gesagt lieber auf diesen Beweis und behalte mir meinen sense of wonder, unabhängig davon ob ich mich als Atheist oder Agnostiker sehe. Doch mein Eindruck sagt mir, Richard Dawkins hat sich diesen sense of wonder auch erhalten.

Es würde ausufern, hier alle Debattenvideos aufzulisten die ich gesehen habe, das angenehmste, weil konstruktivste und aufrichtigste scheint mir jedoch Professor Dawkins' Diskussion mit Erzbischof Rowan Williams zu sein, daher hier der Link zu diesem Video:

https://www.youtube.com/watch?v=bow4nnh1Wv0

16:20 07.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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Ernstchen

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