Der Vorbote der Idiokratie

US-Wahl Donald Trump findet, dass Belgien "eine schöne Stadt" ist. Und Elizabeth Warren unterstützt Hillary. Alles kann passieren bei dieser Wahl
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Der Vorbote der Idiokratie
Donald "Elizondo Mountain Dew Herbert" Trump

Bild: Tom Pennington/Getty Images

In der Filmkomödie "Idiocracy" (2006) von "Beavis and Butthead"-Schöpfer Mike Judge wacht ein amerikanischer Normalo 500 Jahre in der Zukunft auf und muss feststellen, dass in der vergangenen Zeit das intellektuelle Niveau in den USA drastisch gesunken ist und er mit Abstand der intelligenteste Mensch Amerikas ist. Der aktuelle Präsident hört auf den Namen Dwayne Elizondo Mountain Dew Herbert Camacho und ist ein halbwegs degenerierter Simpel.

2016 kandidiert Donald Trump für das Präsidentenamt, ein Mann der jüngst Belgien als "eine schöne Stadt" bezeichnete, die Environmental Protection Agency (EPA) in einer Rede "Department of Environmental" nannte und laut Sprachwissenschaftlern in seinen öffentlichen Auftritten den "Wortschatz eines Drittklässlers" verwende.

Ist Donald Trump ein dummer Mensch? War George W. Bush ein dummer Mensch? Ist eine solche Wertung überhaupt zulässig? Bush jr., da sind sich die meisten einig, war wohl ein eher naiver Normalo, kein Bösewicht, eher die Marionette von Vize Dick Cheney und dem Verteidigungsminister-Vize Paul Wolfowitz. Donald Trump scheint im Großen und Ganzen beratungsresistent zu sein, zu enorm ist sein Ego, um sich zu sehr von Interessengruppen instrumentalisieren zu lassen. Doch ist dieser Eindruck nicht doch nur das Ergebnis jahrzehntelanger cleverer Selbstdarstellung? Wenn Trump etwas kann, dann ist es Selfmarketing. Der fiktive Präsident Camacho hat mit "Montain Dew" einen Limonadenhersteller als Werbeträger im Namen, Trumps Name ist selbst der Werbeträger. Schon wird gewitzelt, dass im Falle Trumps Wahlsieges dessen Name in riesigen leuchtenden Lettern über dem Weißen Haus prangen werde.

Dass "The Donald" mit eher begrenztem Wissen über die Welt und die Politik aufwarten kann, hat er bewiesen. Ist das Desinteresse, fehlende Bildung? Im Gegensatz zu George W. Bush wirkt Trumps Unwissen weit gefährlicher, eben weil man ihm zutraut, sich nicht als Marionette durchs Amt leiten zu lassen. Seit seinen Kommentaren über einen Richter mit mexikanischen Wurzeln und seinem Vorschlag, Muslimen grundsätzlich die Einreise in die USA zu verwehren, was er nach dem Massaker in Orlando noch einmal unterstrich, bläst ihm aus der eigenen Partei wieder harter Gegenwind entgegen. Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses, sprach ungewöhnlich klare Worte gegen Trumps Muslimepauschalurteil aus, und auch die Presse konfrontiert Trump unaufhörlich mit seinen eigenen Aussagen. Zuletzt verbannte Trump gar die Washington Post von seinen Wahlkampfauftritten und boykottiert das Blatt. Und seine Anhänger jubeln. Man kann sie förmlich "Lügenpresse!" rufen hören. Wie in Deutschland mit der AfD könnte es den Establishmentmedien gelingen, so jede Kritik an der Pressearbeit als Trump-Anhängerschaft umzudeuten und damit völlig zutreffende Pressekritik zu delegitimisieren.

Wie die Politik unter einem Präsident Trump wäre, ist ein Ratespiel. Just kündigte der leidenschaftliche Spätnachts-Twitternutzer an, mit der NRA über ein Verbot semiautomatischer Waffen, wie der Schütze von Orlando sie verwendete, zu reden. Undenkbar unter jedem anderen Republikaner. Er hatte jedoch vor einigen Monaten noch gepoltert, dass jegliche Regulierung beim Thema Waffenbesitz diktatorischer Verfassungsbruch sei und bei einem Wahlkampfauftritt nach dem Orlando-Massaker kristallgekugelt, dass weit weniger Menschen gestorben wären, wenn die Menschen im Club Pulse selbst bewaffnet gewesen wären. Ist Donald Trump ein politischer Flip-Flopper? Oder ist das gar zu weit gedacht und er sagt einfach grundsätzlich nur das, wovon er glaubt, dass seine Fans und die wütende Rechte es gerade in diesem Moment hören wollen?

Vielerorts, besonders unter Bernie Sanders nahestehenden Quellen, hört man, dass Hillary Clintons Politik potentiell gefährlicher (u.a. für den Weltfrieden) wäre als die von Donald Trump. Da Trump kaum etwas vorweisen kann, was den Namen "Wahlprogramm" verdienen würde, und Hillary Clinton ebenso mehr inhaltslose Allgemeinplätze von sich gibt denn konkrete Pläne (was daran liegen mag, dass sie an Obamas Politik kaum etwas ändern will), ist eine Abwägung darüber, wessen Politik gefährlicher wäre, ein Fischen im Trüben. Klar ist für viele nur: #NeverTrump

Ganz besonders rigoros arbeitet sich die progressive Senatorin Elizabeth Warren per Twitter an Trump ab. Bisweilen derart konzentriert, dass es den Eindruck macht, sie hielte sich für die einzige, die die Gefahr namens Trump in Worte fasse. Nun hat sie vor einigen Tagen auf MSNBC bei Rachel Maddow, einer der halbwegs integeren Journalistinnen der Mainstreampresse, Hillary Clinton ihre Unterstützung zugesagt und im gleichen Atemzug auch einigermaßen deutlich gemacht, dass sie starkes Interesse am Vizepräsidentinnenamt hat, was zunächst überrascht und auch etwas enttäuscht. Zumal Warren politisch Bernie Sanders weit näher steht als Hillary Clinton und sie auch eine eigene Präsidentschaftskandidatur letztes Jahr rigoros ablehnte. Laut eigener Aussage weil sie sich als Senatorin berufen fühle und nicht als Präsidentin. Nun also Vize?

Das müsste erstmal Hillary Clinton selbst wollen. Doch der schneidende Wind, der ihr von Seiten des progressiven Sanders-Lagers (wo #NeverHillary momentan eine Mehrheit hat) entgegenbläst, legt eine andere Strategie nahe: Clinton könnte es wagen, einen moderaten Republikaner vom Schlage eines Jeb Bush oder John Kasich als "Running Mate" zu nominieren. Auf der Seite der von Trump angewiderten Republikaner wird es womöglich einfacher sein, Stimmen zu fischen als im progressiven Lager, nicht zuletzt weil Hillary gemeinhin als moderate Republikanerin in der Demokratischen Partei gilt. Sie könnte somit eine breite Mitte für sich gewinnen, gegen die extreme rechte Ecke von Trump und das linke Lager, das sich schwer tut, sich damit anzufreunden, Clinton zu wählen und derzeit eher zur Grünen Jill Stein, Protest-Trump oder gar Wahlenthaltung neigt.

So unglaublich es scheinen mag, diese Wahl ist offen. Alles kann passieren. Auch Präsident "Mountain Dew" Trump, der Vorbote der Idiokratie.

12:34 16.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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