Ist Objektivität möglich?

Medien etc. Eine kleine Gedankenwanderung durch ein Konzept, das uns schwerer fällt als alles andere.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

In den USA sind die politischen Lager konkret in verschiedenen TV-Sendern vertreten: Die republikanische GOP bei FoxNews und die Demokraten bei MSNBC. Letzterer mag deutlich faktenorientierter auftreten, er ist dennoch klar parteiisch. Parteilichkeit, ja Propaganda, das werfen wir hier auch unseren Medien beispielsweise im Themenkomplex Ukraine vor. In der Tat geriert sich die deutsche Medienlandschaft in großer Mehrheit als Promoter des "Westens", einem ja durchaus auch streitbaren Deckmantel. Und manche fordern nun wieder lauter die nüchterne Informationsvermittlung.

Es ist vermutlich zu kurz gedacht, Parteilichkeit mit Subjektivität gleichzusetzen, aber der Blick auf das Konzept Objektivität/Subjektivität an sich bietet sich durchaus an. Wikipedia schließt seine sehr knappe Zusammenfassung des philosophischen Begriffs der Objektivität mit dem für Wikipedia ungewöhnlich skeptischen Kommentar "Einen neutralen Standpunkt gibt es nicht, jede Sichtweise ist subjektiv" ab. Und es fällt schwer, zu protestieren. Was also kann das Abstraktum Objektivität der Realität bieten? Und inwieweit ist das Konzept der Wahrheit hier mit inbegriffen?

In Bereichen der Wissenschaft, die die Interessen von Wirtschaft und Politik direkt oder manchmal auch indirekt beeinflussen, kommt immer wieder das Phänomen zum Vorschein, dass es jede Menge Studien, Gutachten und statistische Erhebungen gibt, die sich in der auswertenden Aussage diametral unterscheiden, je nachdem wer den Auftrag erteilt hat. In den USA legendär ist das Gutachten von Philip Morris über die Folgen des Rauchens, in letzter Zeit sorgten mehrere Gutachten zum Klimawandel für noch mehr climate change denial, einem ohnehin unglücklich gewählten Begriff. Und (vermutlich) Winston Churchill sagte einst "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast."

Die Frage die sich aufdrängt ist: Das Interesse an objektiver Information, wie wird es gespeist? Wohl durch subjektive Interessen. Objektive Information, wie beispielsweise die Truppenstärke des Gegners in einer Schlacht, hilft um beispielsweise einzuschätzen ob man sich ergibt, flieht oder nicht. Dadurch ist diese objektive Information aber automatisch von subjektivem Wertvorzeichen. Für den Gegner ist es von Nachteil. Für den Gegner wäre es subjektiv besser wenn eine subjektive, quasi "selbst gefälschte" Information den anderen erreichte, und dieser dann eine dementsprechend "falsche" Entscheidung triefe.

Die objektive Wahrheit ... gibt es sie überhaupt? Klar, in Zahlen ist sie auszudrücken, es gibt messbares, aber selbst die ganz klar messbare Temperatur hat mittlerweile in der "gefühlten Temperatur" einen nicht mehr objektiven Beisitzer gefunden. Religionen brüsten sich mit der Wahrheit, begründen sie in althergebrachten Schriften, die Wissenschaft beansprucht die Wahrheit ebenfalls, allerdings empirisch zumindest voller Indizienbeweise.

Doch der objektive Blick auf "die Dinge", ist der überhaupt erreichbar? Ist nicht, wie es sogar das olle Wikipedia sagt, jegliche Wahrnehmung subjektiv? Macht das nicht die objektive Wahrheit zu einem reinen Abstraktum, das genauso ungreifbar ist wie die Frage was eigentlich vor dem Urknall war (was schon eine unzulässige Frage ist)?

Als Kind, als Nachzügler mit drei deutlich älteren Geschwistern, war ich oft der Beobachter von Streits, zwischen meinen Geschwistern und auch zwischen Geschwistern und meinen Eltern. Da ich durch den großen Altersunterschied eher keine eigenen Interessen in den Streits wiederfinden konnte, betrachtete ich diese Auseinandersetzungen von außen. Ich sah also zwei Ansichten, zwei Argumentationen, die sich gegenüberstanden. Und ich konnte meistens die eine Seite so ein bisschen verstehen und die andere auch. Wenn ich es hätte kommentieren sollen, hätte ich wohl gesagt "Naja, ihr habt beide Recht, aus eurer jeweiligen Sicht. Und die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen." Was nicht gerade eine sensationelle Weisheit ist. Und doch hat diese Familienkonstellation mich zu einem Menschen gemacht, der meistens eine Meinung, eine Argumentation nie für komplett richtig hält, nicht einmal meine eigene, weil ich gelernt habe dass man "das auch ganz anders sehen kann".

Eine Freundin warf mir das neulich vor, dass ich viel zu objektiv sei und zu wenig Position bezüge. Das hat mich ins Grübeln gebracht. Aber nur kurz. Denn ich mag es, dieses merkwürdige Gefühl von, naja, "gefühlter" Objektivität, einem an sich völlig unmöglichen Konzept. Denn jede zwischenmenschliche Geschichte hat zwei Seiten und keine davon ist die "falsche" Seite, es sind eben zwei unterschiedliche Sichtweisen. Und die unmögliche Disziplin der Objektivität ist vielleicht einfach nur die Fähigkeit, mehrere subjektive Ansichten, Werte, Gedankengänge, Handlungen zu betrachten und die subjektiven Berechtigungen für die jeweiligen Positionen wahrzunehmen und deren Legitimation zu verspüren.

Danach lässt sich dann Position beziehen. Viele jedoch, wahrscheinlich die allermeisten, beziehen Position aus der sehr monochromen Vermutung, bei einer Position handelt es sich um die "richtige" und bei der anderen um die "falsche", oft geprägt durch das ominöse "Hörensagen". Und doch gibt es eine "objektive" Rechtssprechung, es gibt Gesetze und Vorschriften, die "richtig" von "falsch" unterscheiden. Sie wurden von Menschen eingeführt, die logischerweise auch jeweils subjektiv waren/sind, und doch könnte man argumentieren, dass eine Mehrheitsmeinung auf eine sehr beschränkte Art und Weise eine Ersatzobjektivität darstellt. Ob jedoch Gesetze, Regeln und Verbote tatsächlich von einer Mehrheit auch nur gedacht werden, ist auch völlig offen, besonders wenn man bedenkt wie sehr sich immernoch die Gesetze in verschiedenen Ländern unterscheiden.

Die Behelfsobjektivität von Rechtssprechung und Gesetzgebung aus der Politik ist also potentiell stark subjektiv, die Objektivität als philosophisches Konstrukt ist durch den Menschen als Subjekt nicht zu erreichen. Schlechte Karten für die Objektivität. Die Frage ist nur: Ist sie erstrebenswert wie das ebenso künstliche und kaum erreichbare Konstrukt der Demokratie oder ist sie nur ein verbaler Platzhalter für eine subjektive Weltsicht der Mächtigen?

01:15 24.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
Schreiber 0 Leser 38
Ernstchen

Kommentare 23

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community