Liebe Kinder, ihr stört!

Satire Zu Beginn der Biergartensaison 2012 las ich über den Rausschmiss einer jungen Familie aus einem Biergarten. Drunter die Leserkommentare. So etwa hörte sich das an
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Liebe Kinder, ihr stört!

Foto: Johannes Simon/Getty Images

Liebe Kinder,

ihr stört. Wenn ich mein Feierabendbier trinke, will ich meine Ruhe haben. Aber die lästigen Opfer der unsäglichen 68er - eure Eltern - haben sich in den Kopf gesetzt, dass das Stillsitzen beim Essen reaktionärer autoritärer Scheiß ist und leere Bierbänke als Spielplatz-Klettergerüste für den freien Missbrauch durch Bälger zur Verfügung stehen. Disziplin und Autorität als altmodisch zu verteufeln zeigt bereits recht eindrucksvoll, was in den Köpfen der Alice-Schwarzer-Gefolgschafts-Generationen alles falsch verbunden ist: Ungepflegte Menschen, die über hölzerne Gegenstände krabbeln und mit ungewaschenen Fingern fressen - das ist die Vergangenheit, das war die grobschlächtige Zeit der Wilden! Die Zivilisation ist unsere Errungenschaft. Und sie wird von euren verantwortungslosen Erzeugern mit Füßen getreten. Wenn sie mit euch schon unbedingt barbarischen Quatsch zelebrieren wollen, dann erstens mit dem klaren Hinweis auf dessen Vorgestrigkeit, und zweitens gefälligst bei McDonald's.

Dort ist das nämlich vorgesehen. Hier leistet das Traditionsunternehmen aus Amerika durchaus - wohl unbewusst - einen humanitären Dienst: Uns ungescholtenen Feierabendbier-Erwachsenen wird so ein wenig Post-Arbeits-Stress genommen. Diese Entwicklung von McDonald's hin zum Sammelbecken für disziplinfeindliche Jungfamilien ist zwar an sich begrüßenswert, geht aber für mein Dafürhalten einerseits noch eher schleppend voran, andererseits kann diese Ghettoisierung der personifizierten Ruhestörungen nur ein vorübergehendes Etappenziel sein. Es bedarf anscheinend weit drastischerer Maßnahmen um das Problem der am Ernst des Lebens vorbeiverzogenen Kinder in den Griff zu bekommen.

Eure Eltern sind das eigentliche Problem, wenngleich natürlich nicht alle jungen Eltern dermaßen abseits im Morast der Untugend wandeln. Hier bedarf es nicht einmal aussagekräftiger Statistiken, einen Überblick über die demografische Verteilung der zukunfts- und zivilisationsorientierten Nachwuchssteuerung zu erhalten. Die Hauptproblematik scheint in der Mittelschicht zu liegen, aus der auch die ebenfalls kaum hilfreichen Lehrerkollegien überwiegend gespeist werden. Die Unterschicht zeigt sich zumindest einsichtig gegenüber dem Angebot, das McDonald's und dergleichen bietet, wobei sie gleichzeitig in der Reproduktionsquantität die rote Linie des Erträglichen längst überschritten haben.

Die überdurchschnittlich wohlhabenden Familien sind somit die eigentlichen Gewinner der tugendhaften Erziehung. Wer seinen Kindern bereits in der Vorschule die chinesische Sprache näherbringt, zeigt zivilisatorischen Weitblick und ein beispielhaftes Investment in die Steuerzahler der Zukunft. Auch die größeren Anwesen und Grundstücke der finanziell besser gestellten Bürger bieten die Chance, dass die Kinder nicht in Biergärten geschleppt werden "müssen", in denen sie dann mit ihrem Geschrei und Gelächter den gesellschaftlichen Frieden auf eine Belastungsprobe nach der anderen stellen.

Ein sinnvoller und längst überfälliger Vorstoß der Politik wäre es also, jungen Menschen, die planen, eine Familie zu gründen, die Erlaubnis dazu nur unter gewissen Voraussetzungen zu erteilen. Voraussetzungen wie einem Grundbesitz von mindestens 500 m², genug Platz also dafür dass die Kinder ihre frühen unreifen Impulse nicht an unschuldigen Mitmenschen austragen, sondern in den eigenen vier Wänden (und Hecken) unter Respektierung des Rechts auf psychische Unversehrtheit des Mitbürgers. Voraussetzungen wie einem gewissen Grundfinanzrahmens, der es erlaubt, den potentiellen Störenfrieden ihr eigenes Spielzeug zur Verfügung zu stellen, so dass sie nicht auf öffentlichen Plätzen das harmonische Bild der Gesellschaft verzerren. Eine angedeutete Neigung der Politik, sich tendenziell auf die Seite der wohlhabenden und wohlerziehenden Teile der Gesellschaft zu schlagen, ist bereits zu erkennen, wenngleich diese Entwicklung sich noch sehr zaghaft den Weg in den Konsens bahnt. Doch es ist höchste Zeit! Eine rückläufige Geburtenrate ist ein erstes gutes Zeichen. Ich wünsche den Politikern von heute und morgen den Mut, endlich mehr positiv auf die demografische Entwicklung einzugreifen.

Liebe Kinder, denen von euch, die von alldem hier nichts verstanden haben, sage ich: Dies alles gilt gerade euch! Setzt euch mit euren Eltern zuhause zusammen und macht euch mit einem Lexikon und einem Fremdwörterbuch an die Entschlüsselung dieses Briefes, somit habt ihr erstens einen Lerneffekt in angemessener Sprache, zivilisatorischer Orientierung und wissenschaftlicher Arbeit, und zweitens bleibt ihr so zuhause und ich kann mein Feierabendbier in Ruhe genießen.

Der entsprechende Artikel inklusive der unfassbaren Leserkommentare ist leider mittlerweile nicht mehr auf nordbayern.de zu finden

15:23 15.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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