Tanzen nach der Pandemie

Musik Trotz erheblicher Bedenken habe ich einen Song mit Coronabezug geschrieben. Klingt heikel. Ist aber so.
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Der Gedanke, einen Song mit Bezug zu unserer allgegenwärtigen Pandemielage zu schreiben, ohne dabei komplett in alle lyrischen Fettnäpfchen zu treten, ist furchteinflößend. Wenn man seine Texte in einer Fremdsprache verfasst, mag das durch die sprachliche Distanz irgendwie machbar sein, doch auf deutsch ist jede Wortwahl eine Gratwanderung zwischen Befindlichkeits-Kitsch, pseudopolitischem Geschwafel und reinem Zynismus. So hatte ich es jedenfalls bisher gesehen. Doch irgendwann, um genauer zu sein, am Samstag, den 24. April 2021, war es mir nach zermürbenden 14 Monaten coronabedingter Arbeitslosigkeit dann plötzlich egal.

Und so hatte ich den Titel „Tanzen nach der Pandemie“ im Kopf. Ein Titel bei dem ich mich schütteln müsste, käme er von AnnenMayKantereit oder Annett Louisan. Also musste ich ihn in eher sarkastischen Strophen karikieren und in einen ironischen Zusammenhang setzen, wie ich so viele ernste Themen in Songs sprachlich angehe. Aber der Refrain „Wir werden tanzen, tanzen nach der Pandemie“ klang in meinem verwirrten Kopf schon sehr hymnisch. So, als könne man die tatsächliche Sehnsucht so vieler Menschen nach gemeinsamer Extase nach so vielen Monaten der Vereinsamung nicht nur auf die Schippe nehmen. Man müsste sie auch ein bisschen ERNST nehmen. Nicht zuletzt zumal ich sie ja selbst teile.

Abends setzte ich mich an meine Instrumente und meinen Studiorechner und legte los. Vom Songtitel aus und durch ein paar zufällig aufs Keyboard geklimperte Akkorde in eine musikalische Bahn geschoben, dauerte es nicht lang und ich hatte den fertigen Song. Und ich hörte ihn und wusste überhaupt nicht: Gut oder schlimm?!

Ich schickte den Song direkt an ein paar durch Corona-Videochats neugewonnene Freunde, die mein bisheriges musikalisches Treiben noch kaum verfolgt hatten, und wartete ab. Dann kam das Feedback. „Ohrwurm“, „hart an der Grenze“, „Schlager aber irgendwie gut“ … so richtig schlimm oder so richtig „naja ganz nett“ fand es offenbar niemand. Ein gutes Zeichen. Dann steckte mir jemand ohne Zusammenhang dass am folgenden Donnerstag „Welttag des Tanzes“ sei und so musste ich handeln. Geschwind aus Stock Footage von (meist allein) tanzenden Menschen ein Musikvideo zusammengekloppt, den Song auf Bandcamp hochgeladen, sowie auf alle anderen Portale (dort dauert es aber immer etwas länger) und einfach, ohne irgendwelche Promotion oder Presse veröffentlicht. Von der Initialidee zum Musikvideo und weltweiter Veröffentlichung in 5 Tagen. Ein Rekord für mich. Und auch wenn ich immernoch nicht genau weiß, ob gut oder schlimm, so bin ich einfach nur ein bisschen stolz, dass ich das gemacht habe. Und wenn es den Leuten gefällt und sogar ein größeres Publikum findet, umso besser.

Danke für's zuhören!

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15:07 03.05.2021
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Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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Ernstchen

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