Tod dem Lokführer!

Religiöse Wut? In Indien fährt ein Schnellzug in eine Gruppe Pilger, die ein Warnsignal missachtet haben. Daraufhin prügelt "der Mob" den Lokführer halb tot und zündet einen Bahnhof an.
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Wir kennen alle die Bilder von zornigen Arabern, meist Muslimen, die laut skandierend Maschinengewehre in die Luft halten. Wir kennen die Videos von Islamistischen Gruppierungen, in denen "dem Westen" Tod und Hass an den Hals gewünscht wird. Im Matthäusevangelium plärrt ein aggressiver und unsympathischer Jesus abschätzige Verwünschungen wie "Ihr Kleingläubigen!" und "Sodom und Gomorrha waren noch zu gut für Euch!" (sinngemäß). In Nordirland bekämpf(t)en sich Seite an Seite lebende Protestanten und Katholiken Jahrzehntelang (im "zivilisierten Rahmen") bis aufs Blut. An die Kreuzzüge des Mittelalters braucht man gar nicht erst zu erinnern. Neulich las man von einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Buddhisten mit vielen Toten, in Ägypten sind die koptischen Christen auf der Abschussliste der Islamisten. Und nun heute morgen ein Bericht auf Spiegel Online über ein Zugunglück in Indien.

Ein Schnellzug raste demnach in eine Gruppe von Pilgern, die auf dem Weg zu einem Tempel ein Stoppsignal ignorierten. Dabei kamen mehrere Pilger zu Tode. Woraufhin ein wütender Mob den Lokführer aus der Lok zerrte und beinahe zu Tode prügelte. Nun ist dem mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Menschen durchaus zuzutrauen dass er versteht dass in so einer Situation der Lokführer unmöglich Schuld haben kann an dem Unglück. Selbst wenn es eine gerade Strecke ohne Sichtbehinderung gewesen wäre, wäre so der Zug für die Überquerenden lange vor dem Eintreffen sichtbar gewesen, genau wie auch das Stoppsignal.

Bin ich nun völlig neben der Spur wenn ich diesen Fall mit "religiöse Wut?" überschreibe? Maße ich mir hier ein Urteil über den prügelnden, brandschatzenden Mob an (Langsames Pilgern zum Tempel - Natur, gottnah. Schneller Zug quer durchs Land - Zivilisation, säkular.) mit dem ich völlig falsch liege? Ich weiß es nicht, die Berichte geben das nicht her. Aber irgendwie hat mich schon länger der Eindruck befallen, gerade seit Einführung der Begrifflichkeit "Verletzung religiöser Gefühle", dass die Religionen immer mehr Abwehrreflexe gegen andersdenkende und -glaubende oder nichtglaubende entwickeln. In den USA formiert sich mit den Kreationisten wieder eine christliche Gruppierung gegen die Wissenschaft, der radikalisierte Islam ist tagtäglich in aller Munde, wenn man ein bisschen weiter geht könnte man auch die neuesten Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland und die Protestmärsche in Frankreich dazuzählen.

Wahrscheinlich ist das geo- und demographische wie technologische Zusammenrücken von Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen ein Grund einerseits für mehr Verständnis und Toleranz, andererseits aber auch für Angst um die eigene kulturelle Identität, die dann aus Schutzmaßnahme verschärft, verhärtet wird bis zum Radikalismus. Ob das nun radikale Hindus waren, ob es soetwas überhaupt gibt, sei dahingestellt. Mein eigener Denkreflex, dass es sich bei dem wütenden Mob in Indien um religiöse Wut, religiöse Überheblichkeit ("wenn Pilger einen Weg gehen hat der Zug zu halten, egal ob das möglich ist oder nicht") gehandelt haben könnte, sagt entweder etwas nur über mich aus oder aber auch über unsere multikulturelle Welt und ihre Schattenseiten. Man darf eben nie vergessen dass wenn etwas zusammenrückt, immer mindestens eine kleine Zahl dabei vergessen wird oder sich nicht mitnehmen lässt. Und diese Minderheit verhärtet sich dann womöglich zum Radikalismus.

Uns so sehr ich dann auch verstehen kann wie "Zurückgelassene" zur Radikalität zurückgreifen als letztes Mittel ihre kulturelle Identität zu behaupten, so sehr verachte ich dennoch die, die ihre Radikalität durch Gewalt gegenüber andersdenkenden ausdrücken. Dafür schaffe ich es nicht, Verständnis aufzubringen. Was "andersdenkend" mit Zugführer und Pilgern zu tun hat. Vielleicht nichts. Vielleicht aber auch doch.

13:59 19.08.2013
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