Unter die Haut: Kleines Budget, großes Kino

Filmtipps #1 Solange es kalt und grau bleibt, kann man sich wunderbar auf der Couch entführen lassen. Hier sind vier kleine Filme mit großer Wirkung, empfohlen von Ernstchen, M.A.
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Da ich unter anderem Filmwissenschaft studiert habe, bin ich ein großer Kinogänger, ein großer Filmmensch und Serienverschlinger. Es kann aber auch umgekehrt sein. Sagen wir so, es bedingte sich gegenseitig. Dies soll eine Reihe werden mit Filmempfehlungen aus meiner persönlichen Sicht, oft jedoch vom Gros der Kritiker diesseits und jenseits des großen Teichs bestätigt. Ich konzentriere mich auf das amerikanische und britische Kino, da ich mich in der englischen Sprache und den jeweiligen Kulturen irgendwie heimisch fühle.

In diesem ersten Teil geht es um kleine, stille, aber intensive Filme, abseits von Mainstream und Blockbuster. Da die Filme sich alle im großen Rad der Filmindustrie hinten anstellen mussten, sind diese Filme zum Teil kaum in deutschen Kinos gelaufen, geschweige denn nachträglich im Fernsehen. Mann muss wirklich nach ihnen suchen. Wer eine noch nicht geschlossene Videothek in der Nähe hat, kann dort gerne suchen, die Wahrscheinlichkeit diese Filme dort zu finden, ist allerdings ebenso recht gering. Ich empfehle On-Demand, oder gleich die DVD bzw. BluRay zu kaufen oder sich in der Bekanntschaft umzuhören ob jemand den Film schon hat.

Vorhang auf also für diese vier sehr eigenen, hypnotischen Filme der letzten paar Jahre:

1. Winter's Bone (2010)
Directed by Debra Granik
Starring Jennifer Lawrence, John Hawkes, Garret Dillahunt

Ree Dolly (Jennifer Lawrence) kümmert sich um ihre kleinen Geschwister und ihre fast katatonische Mutter, während ihr abwesender Vater immer mehr im Crystal-Meth-Sumpf verschwindet. Als der Sheriff ihr verkündet dass ihre Familie ihr Haus und Grundstück verlieren werden wenn ihr Vater nicht zu einem Gerichtstermin erscheint, macht sie sich auf die Suche nach ihm.

Jennifer Lawrences erste Hauptrolle war auf eigentümliche Art und Weise eine minimalisierte, todernste Vorschau auf ihre ikonische Rolle als Katniss Everdeen in The Hunger Games. Mit stiller Entschlossenheit nimmt sie das Schicksal ihrer zerbrechlichen Familie in die Hand und begibt sich auf eine Odyssee durch ihre Heimat in den Ozark Mountains in Missouri, trostlos und bedrohlich inszeniert von Debra Granik und Kameramann Michael McDonough. Die düstere Reise durch die Welt des drogenzerfressenen White Trash ist erschütternd und faszinierend zugleich, und mit Jennifer Lawrence war ein Star geboren ... in einer Rolle völlig fernab vom Starkult Hollywoods.

2. Another Earth (2011)
Directed by Mike Cahill
Starring Brit Marling, William Mapother

Rhoda Williams (Brit Marling), eine junge MIT-Studentin verursacht ein tödliches Unglück und muss nach ihrem Gefängnisaufenthalt ein neues Leben beginnen. Während sie versucht, dem Überlebenden des Unglücks irgendwie zu helfen, irgendwie ihre Schuld zu sühnen, nähert sich ein Planet am Himmel, der exakt aussieht wie die Erde.

Dieser Film ist nicht zu verwechseln mit After Earth, einem Desaster mit Will Smith, und auch nicht mit Lars von Triers Melancholia, in dem sich auch ein Planet der Erde nähert. Der minimale Sci-Fi-Anteil dieses Films bleibt allergrößtenteils im Hintergrund, die zentrale Story dieses Filmes ist die von Wiedergutmachung und Vergebung, von Verantwortung und Aufopferung. Brit Marling spielt die von Schuld in Mark und Bein erschütterte Rhoda mit einer solchen Melancholie, dass ihr Gesicht zum wahren Special Effect des Films wird. Ich habe geträumt von diesem Gesicht.

3. Enemy (2014)
Directed by Denis Villeneuve
Starring Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini

Ein Geschichtsprofessor (Jake Gyllenhaal) entdeckt zufällig in einem Film einen Schauspieler, der exakt aussieht wie er. Er macht sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger.

Mehr kann man eigentlich fast nicht erzählen über dieses Enigma von einem Film. In bleichen Pastelltönen zeichnet Villeneuve einen vergilbten Albtraum, der sowohl an Hitchcock als auch an Kubrick und Lynch erinnert. Die Symbolik und die Verschiebung der Realitäten machen diesen Film so schwer zu entschlüsseln, dass ich danach ein 20minütiges YouTube-Video anschauen musste das mir erklärte was ich gerade gesehen hatte. Das tat dem audiovisuellen Erlebnis aber keinen Abstrich, wie schon bei Lynchs ähnlich enigmatischen Mulholland Drive nicht. Außerdem war dies der einzige Film in den letzten fünf Jahren ca., der mich dazu brachte, in einer Szene laut "What the FUCK?!" zu brüllen.

4. Under The Skin (2014)
Directed by Jonathan Glazer
Starring Scarlett Johannson, Jeremy Williams, Paul Brannigan

Eine Außerirdische nimmt menschliche Gestalt (Scarlett Johannson) an und beginnt, in Glasgow junge Männer in ihr Haus zu locken, wo sie auf mysteriöse Weise verschwinden. Als sie für eines ihrer Opfer Mitgefühl entwickelt, beginnt ihre Fassade zu bröckeln.

Ein fantastischer Film. Punkt. Die Musik, die Bilder, die Geräusche, das eigenartige Setting und Pacing, hier stimmt einfach alles. Und gleichzeitig ist alles unglaublich fremd/alien. Die jungen Männer, die Johannson von ihrem Truck aus anspricht, sprechen tiefsten Glaswegian slang, man versteht kaum ein Wort. Das ist nicht nur absolut passend, sondern auch völlig unerheblich, denn die Geschichte erzählt sich ausschließlich in Bildern, aus den Augen einer Fremden, wie sie die Menschheit kennenlernt und was es mit ihr macht. Wie schon bei Enemy (s.o.) fühlt man eine Verbundenheit des Regisseurs zu David Lynch und Stanley Kubrick, aber mit einem ganz anderen Ergebnis. Definitiv ein Meisterwerk und einer der besten Filme 2014.

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Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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Ernstchen

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