Wider die Langeweile!

Krieg Es wird sich gebrüstet, gerüstet, beschlossen, beschossen. Die Zeichen in Europa stehen wieder auf Krieg. Sagen einige. Warum tun sie das?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Und jetzt reden sie vom Krieg. Alle reden vom Krieg. Guttenberg, der alte Rebell, flüsterte damals in Afghanistan noch von "kriegsähnlichen Zuständen", weil Deutschland ausschließlich zur Selbstverteidigung "Krieg machen" darf. Struck faselte eine Weile zuvor noch von der deutschen Verteidigungslinie namens Hindukusch. Eine Menge heißer Brei floss den Strom der Zeit hinunter.

Und auch heute noch scheuen sich die vermeintlichen Volksvertreter, das Wort Krieg allzuoft offen auszusprechen. Also tut es die Presse. Was in der Ukraine passiert ist längst allgemeingültig ein Krieg. Was genau für einer wird nicht weiter konkretisiert, aber man spricht vom "Krieg in der Ukraine". Ist das nun ein Bürgerkrieg? Ein Krieg zwischen Ukraine und Russland? Ein Krieg zwischen der NATO und Novorossia?

Egal, Hauptsache Krieg! Wir kennen das, wenn wir (aus der Ferne) einen Autounfall beobachten, "hoffen" wir insgeheim darauf dass er spektakulär wird, dass das Auto vielleicht in Flammen aufgeht, dass es durch die Luft fliegt. Meistens macht es aber nur kurz PÖNG und danach stehen sich schimpfende Menschen auf der Straße gegenüber. Langweilig.

Der Russe steht an der Oder-Neiße-Grenze, so möchte man meinen, wenn man dem Blätterrauschen lauscht, wenn man den Stammtischen lauscht, wenn man den Amerikanern lauscht. Ein neuer mitteleuropäischer Krieg steht unmittelbar bevor. Im selben Moment wo Seperatisten und Regierung in der Ukraine einen Waffenstillstand besiegelt haben, beschließt die NATO eine schnelle Eingreiftruppe. Es ist zu langweilig in Europa. Die Zeit der Rettungsschirme und Börsencrashs ist wieder vorbei, den entsprechenden Ländern geht es keinen Deut besser, aber man hat ihnen das Mikrofon abgedreht. Es war zu langweilig.

Und dem talentierten Mr. Putin ist auch langweilig geworden. Durch Taschenspielertricks die Macht theoretisch für weitere Jahrzehnte gesichert hat er kaum noch Herausforderungen mehr. Nach Olympia kommt auch noch der Fußball zu ihm gepilgert. Kurzfristig lief er fast Gefahr, auch mithilfe der rhetorischen Spitzenleistung Gerhard Schröders, der Klassenprimus zu werden. Aber Putin will nicht geliebt werden, Putin will lieber gefürchtet werden, das versteht er besser als Liebe. Putin, der Große, hat Lust auf Adrenalin. Als ehemaliger Geheimdienstler geht ihm die Spannung, die Suspense, die Todesangst ab. Es ist zu bequem geworden, Putin zu sein. Und irgendwie langweilig.

Wie praktisch dass die NATO nach Lust und Laune expandiert und er dadurch jederzeit auf "die Provokation entsprechend reagieren" kann.

Bis auf den Jugoslawien-"Zwischenfall" ist Europa also seit 1945 quasi kriegsfrei. Was macht das mit den Menschen? Die Wohlstandsgesellschaft die in weiten Teilen Europas nach dem Krieg entstand, entfernte aus der europäischen Kultur den Kampf ums nackte Überleben. Es war gesichert, irgendwie.* Wir wurden zu domestizierten Menschen, die fürs Futter nichts mehr totbeißen mussten, die im Regen nicht mehr nass wurden, die im Winter nicht mehr froren. Die Lehrer schlugen irgendwann die Schüler nicht mehr, die "körperliche Züchtigung" innerhalb der Familie wurde ebenso verboten und der Airbag wurde erfunden. Die Wirtshausschlägerei und das Fußballstadium blieben uns als Orte der Feindseligkeit und der gelegentlichen Gewalt erhalten. Doch das waren Rituale, zwar plötzliche Ausbrüche aus der "zivilen Ruhe", die uns leise daran erinnerten dass wir eben doch Raubtiere sind, aber dennoch allermeistens abgesteckt, begrenzt, ohne unmittelbare, existenzbedrohende Folgen.

Der menschliche Drang nach Todesangst nahm andere Formen an: Extremsport, Bondage-Masochismus, Depressionen/Borderline und nicht zuletzt die sogenannten Ballerspiele. Wem das Ballerspiel irgendwann nicht mehr reichte um sich immer wieder virtuell mit einem Feindbild anzulegen und es wegzupusten und damit einen Teil des eigenen Aggressionspotentials abzubauen, ging zu Paintball, meldete sich bei der Bundeswehr oder wurde – im Extremfall – Amokläufer.

Der Mensch, vor allem der männliche wie es scheint, hat das Bedürfnis, zu kämpfen, für oder gegen wen ist relativ egal. Kleine Jungs prügeln sich gerne. Das haben sie nicht aus Hollywood-Filmen und die meisten haben es auch nicht von ihrem Vater. In der Schule werden sie dann, strotzdend vor Bewegungsdrang, hinter die Schulbank gedrückt und zum Zuhören und dabei lernen gezwungen, eine Methode die den Mädchen statistisch besser zu liegen scheint.*

Und nun riechen die großen Jungs ihre Chance. Es könnte Krieg geben! Nicht im Nahen Osten, da ist er ständig und da ist viel Wüste und wenig nackte Haut, das kümmert uns nicht. Hier, vor der Haustür, wo im kalten Krieg der Russe immer vor der Tür stand. Da könnte er wieder stehen. Den kennt man, den Russen. Der ist nicht so unberechenbar wie "der Islamist". Der ist altmodisch, der schert sich noch um Territorium, während der Rest der Welt sich um Börsenanteile, Wirtschaftsexporte oder kulturelle Alleinherrschaft schert. Mit dem kann man umgehen. Er ist ein alter Bekannter, fast schon ein Sparringspartner.

Abgesehen von persönlichen Ereignissen sind es doch die diffusen Momente der Bedrohung, die uns am meisten in Erinnerung bleiben, bei denen wir uns genau erinnern, wo wir waren und was wir dachten: Beim Attentat bei der Olympiade in München, bei der Kubakrise, bei Tschernobyl, bei 9/11. Es scheint als seien wir schon so lang vom wirklichen Krieg entfremdet, dass wir erst wieder einen erleben müssen um zu merken wie viel weniger schlimm ein "diffuser Moment der Bedrohung" ist, als das reale Schlachtfeld. Hoffen wir dass es nicht so weit kommen muss. Irgendwann muss die Menschheit doch einmal etwas begreifen, etwas abschütteln, etwas überwinden. Sonst brauchen wir uns mit unserer ach so überlegenen Meta-Intelligenz nicht zu brüsten, dann können wir uns hinten anstellen. Hinter die Kellerasseln. Wir haben an sich Methoden, unserem Drang nach Gefahr nachzugehen ohne die Welt in Schutt und Asche zu legen. Doch wir lechzen irgendwie nach dem real thing. Wir in Europa sind auf kaltem Kriegsentzug seit fast 70 Jahren und unsere Hände fangen wieder an zu zittern ...

* Mir ist bewusst dass es hierbei Einspruch geben wird, mit dem Hinweis auf die Armutsschere und das Gendermainstreaming. Ich hoffe es muss nicht DARÜBER eine Diskussion entstehen, denn ich vereinfache hier bewusst, da es mir um etwas anderes geht. Danke.

11:59 08.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 131

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar