Exklusiv-Interview mit YouTuber TANZVERBOT!

Gesellschaftssatire Fiktives Interview mit dem wohl meist gehassten YouTuber Deutschlands.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

derFreitag: Hallo Kilian, du betreibst seit Ende 2015 einen eigenen YouTube-Kanal, der mittlerweile fast eine halbe Million Abonnenten erreicht hat und nahezu einhundert Millionen Klicks aufweist. Wie kam es dazu?

Tanzverbot: Kein Plan, ich sollte eigentlich ackern or something like this, stattdessen hänge ich den ganzen Tag auf YouTube herum. Tanzverbot liegt voll im Trend. Mein Kanal hat so unfassbar viele Aufrufe, dass ich davon leben kann. Ey Dicka, ich bin so faul, dass man mich dafür einfach feiern muss. Jedenfalls, also auf jeden Fall... ach Scheiße, jetzt hab ich vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. Na ja, ist ja auch egal. Hab jetzt auf jeden Fall krass Hunger. Erst mal fett Burger und Chicken Wings bei Call a Pizza bestellen. Dann kurz Video drehen und unbearbeitet bei YouTube hochladen. Double Peace!

derFreitag: Bestellst du dein Essen oft bei Call a Pizza? Viele deiner Zuschauer kritisieren, dass du selten das Haus verlässt, in deinen Videos nahezu paranoid und depressiv wirkst. Vor kurzem wurde auch noch dein PayPal Konto gesperrt, kurz nachdem Leute deine Adresse und Telefonnummer im Live Stream veröffentlicht hatten. Wie gehst du damit um? Und wie muss man sich deinen Alltag vorstellen?

Tanzverbot: Krasse Story auf jeden Fall. Mein Alltag ist schon real. Und auch ziemlich random. Aber das sind voll die Opfer bei PayPal. Die sperren einfach meinen Account. Womit soll ich denn jetzt meinen Bestellfraß bezahlen? Im Netz läuft doch alles über PayPal. Die behalten jetzt einfach meine Kohle. Genau wie diese Scheißopfer von Booster. Von Anfang an gepusht habe ich diese Idioten. No Promo for Homo. Was da los? Geht gar nicht klar. Und dann noch diese kleinen Kiddies vor meiner Butze. Alter, ich brauch Privatsphäre, wann checken die das? Wenn ich herausfinde, welcher kleine Bastard meine Adresse geleaked hat, ich schwöre...

derFreitag: Du scheinst dich oft über Kleinigkeiten aufzuregen, was dir bisher viele Klicks von jungen Zuschauern eingebracht hat. Auf deinem Kanal präsentierst du dich sehr authentisch und wütend. Dabei nimmst du kein einziges Blatt vor dem Mund. Glaubst du, dass die heutige Arbeitsgesellschaft einfach nicht anerkennen möchte, dass solche Co-Existenzen durch den digitalen Wandel möglich geworden sind? Ohne Internet und Bestellmöglichkeiten könntest du dieses abgeschottete Leben nicht führen. Deine Video-Aufrufe finanzieren dir die vollständige Passivität. Mit deiner Sprache beeinflusst du womöglich junge Menschen in ihrem Verhalten und möglicherweise auch in ihrem beruflichen Werdegang. Bist du dir dieser sozialen Verantwortung eigentlich bewusst?

Tanzverbot: Alter, was laberst du von sozialer Verantwortung? Ich bin einfach nur real. Die Leute stehen auf mich. Na ja, ist ja auch egal. Klar, ich müsste mal wieder meine Bude aufräumen oder einkaufen gehen, hab ich aber keinen Bock drauf, okay? Ist nämlich viel zu anstrengend, da bestelle ich mein ganzes Fressen lieber im Netz. Außerdem will mich jeder da draußen abfucken. Vor der Lieferung noch schnell ne Runde mit meiner Latex-Silvana spielen, Live Stream anschalten und Spenden einkassieren. Ihr schaut mir beim Einpennen auf die Wampe und ich sacke die ganze Kohle ein. Every day, every night. Echt übertrieben nice dieser Job.

derFreitag: Während du in einem einzigen Live Stream 2500 Euro gespendet bekommst und vierstellige Google AdSense Einahmen im Monat generierst, müssen andere Menschen hart für ihren Lohn arbeiten, damit sie über die Runden kommen. Du hast hingegen ein völlig neues Konzept entwickelt, mit extrem wenig Aufwand im Netz für sehr viel Aufmerksamkeit zu sorgen, was sich auch noch entsprechend monetarisieren lässt. Die Leute sehen dich und fühlen die Ungerechtigkeit, wodurch Neid und Hass entstehen. Dabei gibt es sehr viel mehr unsichtbares Privatvermögen im Land, das für sehr viel weniger Aufmerksamkeit sorgt. Hier besteht doch der eigentliche Wiederspruch. Die Superreichen werden immer reicher, während die restlichen 99 % da draußen um Arbeitsmoral und alternative Lebensmodelle streiten.

Tanzverbot: Und genau deswegen scheiße ich auf die Meinung der Hater. Alter, weißt du was das Beste ist? Es klingelt noch mehr in meiner Kasse, wenn kleine Kiddies im Live Stream an meiner Scheißtür klingeln und meine Hauswand mit Pizzastückchen bewerfen. Selbst meine ackernden Nachbarn schauen mir dabei zu, wie ich mich hier zumülle. Ich bin das Money am maken, like a fucking money maker. Alter jeder, wirklich jeder da draußen schaut meine Videos. Ich kann da nicht mehr rausgehen, weil mich einfach jeder da draußen kennt und abfucken will. Verstehst du? Ich bin einfach gefickt. Vollkommen am Arsch. Muss jetzt unbedingt wixen or something like this, sonst drehe ich noch durch. Stehe eh kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Überall auf dem Boden liegt Müll herum, aber ich bin kein beschissener Messi. Hier ist es vielleicht unordentlich oder unaufgeräumt, aber in keinster Weise versifft. Bin zwar fett und schwitze viel, aber ich achte schon darauf, dass hier nix stinkt. Und ich wasche mich auch regelmäßig, schaut auf meinen Seifenspender. Oder auf meinen Seitenständer, haha, nein kleiner Spaß am Rande, you know what i mean? Obwohl, wenn ihr meinen Body mal intim sehen wollt, schreibt es in die Kommentare. Ihr wisst ja, wo ich das Video dann hochlade. Dickes Zwinkersmiley an meine Boys and Girls ;)

derFreitag: Auf der anderen Seite bemängelst du, dass die Sponsoren kein Interesse an Produktplatzierungen auf deinem Kanal haben. Liegt es an deinem ungesunden Ernährungsstil oder vermutest du, dass mehr dahintersteckt? Schließlich bist du das beste Beispiel für eine Generation aus jungen Menschen, die jeglichen Respekt vor sich selbst verloren hat. Deine Einblicke sind sehr intim, du scheinst keine Angst vor den langfristigen Folgen deiner medialen Entblößungen zu haben. Glaubst du, dass es selbst den Konzernen zu unangenehm geworden ist, wenn sie anerkennen müssen, dass derartig verwahrloste Jugendliche im Internetzeitalter digitale Inhalte produzieren? Du gehörst zwar nicht zum Mainstream der YouTuber, der Algorithmus von YouTube listet deinen Kanal aber nahzu täglich in den Trends. Für viele junge Menschen stellst du das Abbild eines typischen Verlierers da. Dennoch geht von deinen Videos eine magische Anziehungskraft aus. Eine wachsende Zahl von Minderjährigen sieht gar ein Vorbild in dir. Viele Intellektuelle halten deine ungeschnittenen Videoformate bereits für Kunst. Andere argumentieren wiederum, dass dein Kanal wie ein böser Unfall wirkt: Scheiße und traurig zugleich, aber man muss einfach hinschauen. Was sagst du dazu?

Tanzverbot: Keine Ahnung, was du gerade gelabert hast. Hab dir nicht zugehört, weil mein Kopf übertrieben gefickt ist. Hab die Nacht kaum gepennt. Ist halt schwer, wenn man keine Struktur im Leben hat. Aber ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass die eh alle unter einer Decke stecken. Welchem Pisser da draußen kann ich denn noch vertrauen, hä? Ey Dicker, die lassen Essen vor meiner Haustür liefern, every day, every night. Ich hab keinen Plan, ob das Zeug vergiftet ist. Übelste Verschwörung da draußen, ich schwöre auf Silvana. Alle großen YouTuber gönnen sich fett die Industrie. Und ich stehe ganz alleine ohne Sponsorenvertrag da. Na ja, ist ja auch egal. Wer meine Videos kennt, der weiß, dass ich längst zur Kunstfigur aufgestiegen bin. Wollte ich einfach mal so loswerden. Jetzt geht’s mir schon viel besser. Will euch auch nicht länger damit nerven. Also macht´s gut Leute. Hab euch alle ganz doll lieb, euer Tanzverbot!

>Bei diesem Text handelt es sich um ein satirisches und frei erfundenes Interview von E. Sawyer<

TANZVERBOT (bürgerlich Kilian Heinrich; *08.02.1997) ist ein deutscher YouTuber, welcher Videos in den Bereichen Vlogs, Musik und Lifestyle veröffentlicht. Er wohnte während seinem Start mit YouTube in Berlin-Kreuzberg und zog 2017 nach Brandenburg um. Quelle: YouTube Wiki

00:49 05.09.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

E. Sawyer

E. Sawyer ist ein deutscher Schriftsteller, der in seinem Debütroman "Kalktown Stories" die Trostlosigkeit ostdeutscher Vorstädte thematisiert.
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E. Sawyer

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