Immer das Gleiche

Hauptprojekte: Die leiden junger Design Studenten an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
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Kurz vor Beginn des Sommersemesters an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle: Zwei meiner Kommilitonen und ich sitzen in der Mensa, zum letzten Mal vor der vorlesungsfreien Zeit das Mensaessen hinunterschlingend und, wie nach eigentlich jedem Semester, darüber lamentierend wie wenig wir doch von unseren hochgesteckten PC-Spiel Konzepten, Designideen oder Virtual Reality-Anwendungen umsetzen konnten. Hier, über trockener Nudelpfanne mit Bohnen, fassten wir einen Entschluss: Nächstes Semester wird alles besser! Nächstes Semester werden wir drei ein eigenes Projekt anmelden! Mit Feuereifer wurde ein vor einigen Semestern begonnenes Spielkonzept aus dem Gedächtnis hervorgewühlt, von alten Vorstellungen abgestaubt und mit neuen Ideen aufpoliert. Ja, wir sprudelten über vor Ideen, quollen über vor Motivation. Die ganzen Semesterferien lagen noch vor uns. Geschenkte Zeit. Drei Menschen mit der gleichen Vision. Sechs Hände, die gewillt waren alles zu geben. Wir malten uns aus, was alles in dieser Zeit schaffbar wäre. Träumten von einem Semesterende, in dem man zum ersten Mal jede Nacht ausschlafen konnte, statt um 4 Uhr nachts mit letzter Kraft und schon grenzdebil vor Müdigkeit (wahlweise auch hysterisch kichernd) vor dem letzten Rest des Projektes zu hängen.

Dies würde das beste Semester unserer bisherigen Unizeit werden, dachten wir.

Die ersten Entwürfe waren schnell erstellt und an den Professor unserer Wahl geschickt. Da standen wir nun in absoluter Bereitschaf, zitternd vor Aufregung, kribbelnd vor Erwartung und Vorfreude und lechzten nach dem Ok unseres Professors um endlich loslegen zu können. Zweimal täglich wurden Mails gecheckt, die Freunde angerufen und sehnsuchtsvoll ins Telefon gehaucht: „ Haben wir schon die Rückmeldung?“. Doch die Tage und Wochen vergingen. Das aufgeregte Zittern wurde zu einem Gähnen und der Eifer uferte nur noch in einen Campingtrip und ein Monatsabo von World of Warcraft aus. Das Ende der Semesterferien rückte näher und je näher es rückte, desto mehr fühlten wir uns an das Zitat aus Dantes göttlicher Komödie erinnert: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ als dann doch endlich die erlösende Botschaft kam: Das Projekt wurde abgesegnet und wir hatten einen uns betreuenden Professor gefunden. Endlich. Einmal kurz vor Freude im Kreis herumgesprungen, dann musste es aber auch schon losgehen. Da war es wieder, das Feuer, die Leidenschaft und die Euphorie endlich eigenverantwortlich arbeiten zu können, am eigenen PC-Spiel Prototyp! Jetzt fehlte uns aber natürlich die Zeit der vorlesungsfreien Zeit, in der wir noch viel hätten vorbereiten und -arbeiten können. Ach, egal, wir hatten ja noch das ganze lange Semester vor uns. Jede Menge Zeit um alles zu schaffen, was wir uns vorgenommen hatten.
Dachten wir.

Zur ersten Konsultation standen wir also mit stolz geschwellter Brust da; Das fertig ausgearbeitete Konzept unter dem Arm. Ein „Naja, da sind aber noch einige konzeptionelle Fragen offen“ beendete dann leider vorläufig unseren Höhenflug. Aber kein Grund zu verzweifeln! „Wir haben doch diese gemeinsame Vision“ , dachten wir uns. Wir mussten sie nur für den Unwissenden in Worte übersetzen.
Kein Problem, dachten wir.

So begann der schon zur Gewohnheit mutierte Tanz der Worte und Beschreibungen zu Beginn einer Konzeption. In diesem Reigen aus Geschwafel umwickelt der findige Student besonders gern bereits liebgewonnene Ideen sanft mit einem Mantel aus Gründen, der diese Ideen dann vorherbestimmt erscheinen lässt. Oh und wie wir tanzten. Erst Walzer um den Takt zu finden, dann einen schnellen Tango und zuletzt ein sinnliches Balett als perfekten Abschluss. Hin und wieder kam einer von uns aus dem Takt. Hin und wieder runzelte ein anderer die Stirn. „Ach, das gehörte zu jedem guten Designprozess! Noch sind wir uns nicht ganz einig, aber nach der nächsten Konsultation können wir endlich loslegen“, dachten wir.

Die zweite Konsultation stand an. Unser Pulsschlag beschleunigte sich. Was wird unser Professor sagen? „Hm, da sind aber noch einige gestalterische Fragen offen“ , sagte er. „Ach, kein Problem“, sagten wir uns, „das müssen wir einfach nur in eine Bildsprache übersetzen, das geht ja eigentlich wie von selbst“.
Wir setzten uns also zusammen. Der Skizzenblock landete mit Schwung auf dem Tisch. Wir zückten die Stifte und los ging die wilde Fahrt. Jeder kritzelte, schrieb, radierte und überkritzelte wieder. Eine Vision wurde Bild. Das Bild ein Teil und jedes Teil zu einem großen Ganzen.
Zumindest hätten wir das gerne so gehabt. Am Ende blickten wir auf drei völlig unterschiedliche Bilder der gemeinsamen Vision herab. „Das ist doch kein Problem“, sagten wir uns, „unsere Vorstellungen sind ja bloß ein paar Katzensprünge voneinander entfernt!“ Zumindest, wenn diese Katze verdammt riesig ist, Siebenmeilenstiefel trägt und es gerade sehr eilig hat wie sich herausstellte.

Das zusammenführen der ungewöhnlich unterschiedlichen Visionen des Projektes ließ das Arbeitszimmer regelmäßig zu einem fernöstlichen Basar und uns zu Marktschreiern werden: „Wenn wir dieses Objekt herausstreichen, möchte ich aber das dieses noch hineingenommen wird!“, „Pack diese GUI (Graphical User Interface) noch oben drauf und wir haben einen Deal!“, aber letztendlich war es vollbracht. Alle unsere Fragen geklärt. Die nächste Konsultation konnte kommen! Und sie kam. Hätte sie es bloß gelassen.
„Was wäre, wenn ihr mal noch ein paar Varianten bildet und in diese oder jene Richtung weiterdenkt?“
Da war es. Das Motivationstotschlagargument eines jeden Designprofessors, die Variantenbildung. „Ja sicher, ganz klar, das machen wir. Bestimmt hat er recht, da muss ja auch eigentlich noch was kommen!“ , dachten wir. Aber da kam nichts mehr. Wir hangelten uns von Konsultation zu Konsultation. Änderungen hier und da, aber nichts bekam einen Segen. Auf der Flagge der Motivation, die wir bis dato erhobenen Hauptes gehisst hatten, prangten die Worte: „Das beste Semester aller Zeiten!“. Ein grausamer Scherz, wie sich herausstellte. Wir schmissen sie mitsamt unsere Hoffnung in die nächste Ecke.

Mittlerweile war die Halbzeit erreicht und das zweite Semester in vollem Gange. Der Skizzenblock lag vor uns auf dem Tisch. Wir starrten ihn an. Wir warteten auf den Ideengeysir, der immer hervorbrach, wenn wir zusammensaßen. Nichts sprudelte. Es dampfte nicht einmal. Da war sie also wieder, die Resignation. Es wurde uns schlagartig klar: Wir sind im ganz normalen Semesterwahnsinn gefangen! In eben diesem Wahnsinn, den wir zu umgehen gehofft hatten, das was wir eigentlich mit all der Eigenständigkeit zu verhindern suchten. Was also tun? Wir waren eingepfercht und eingeschränkt in unseren Vorstellung, in einer Sackgasse die zu allem Überfluss nicht einmal einen Eingang zu haben schien.

„Ihr habt jetzt Konzeptänderungsverbot!“, verkündete der Professor in der Konsultation drei Wochen vor Semesterende - eine absolut logische Ansage, war doch unser unsere Vision, das fertige, spielbare Spiel zeitlich kaum noch umsetzbar. Doch den Frankenstein, den die zahlreichen Änderungsvorschlägen aus ihm gemacht hatten, wollte sowieso keiner von uns zum Leben erwecken. Wir wissen ja alle wie es ausgehen kann, wenn man ein Monster zum Leben erwecken will. Also verbarrikadierten wir uns. Die Konzeptfindung wanderte in den Untergrund und wir brüteten im Verborgenen unsere ganz eigenen Ideen weiter aus, um dem Flickenmonster an der Oberfläche zu entkommen. Durch den Stress des herannahenden Semesterendes und durch die Spannung unserer geheimen Machenschaften angetrieben, fanden wir zu einer eigenen, finalen Version des Spiels. Nur wie sollten wir diese vor unserem Prof geheim halten? Wir durften ihm keine Angriffsfläche bieten, da uns eine weitere Konzeptänderung Zeit kosten würde, die wir sowieso nicht mehr hatten!
Eine Woche vor Semesterende kletterten wir dann aus unserem Bunker. Erschreckend viel Zeit war vergangen in der wir, für uns zumindest, erfolgreich am Konzept herumgedoktort hatten und jetzt, jetzt stand die letzte Konsultation stand an. Jene letzte Konsultation vorm Semesterende, in der der letzte Schliff mit dem Professor abgesprochen werden würde. Ein raffinierter Coup musste her um unsere Untergrundaktivitäten geheim zu halten. Kurzerhand wurde eine Krankheit vorgetäuscht und die Änderungen erfolgreich vertuscht. Zugegeben wenig raffiniert, aber dafür umso wirkungsvoller.
Jetzt konnten wir uns voll und ganz auf die Umsetzung konzentrieren, immerhin hatten wir ja noch eine Woche. Ausschlafen wurde zu einer weit entfernten Erinnerung, hysterische Lachanfälle gefolgt von Momenten tiefer Despression brachten Partner und nahe stehende Freunde an den Rand des Aushaltbaren.

Ein Paukenschlag. Endpräsentation. Eine halbe Stunde Lampenfieber, danach Klatschen. Alles war vorbei. Wir hatten es überlebt. Wie jedes Mal.
Denn selbst wenn man versucht dem Semesterstress vorzubeugen, - da werden mir bestimmt viele Studenten beipflichten- so nimmt das Semester doch fast immer das gleiche Ende. Das Ende nämlich, das nach Wahnsinn und Verzweiflung schmeckt, aber irgendwie doch auch immer seine Lehren mit sich bringt.

Rebecca Auber, Nadine Walter, Sarah Trieschmann, Marvin Podsendek
14:05 08.10.2012
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Geschrieben von

Essenemmer

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