Päpstlicher Rigorismus

DIE KATHOLISCHE KIRCHE UND DIE ABTREIBUNG Wer Blut an den Fingern hat, sollte nicht anderen die Hände binden oder waschen wollen

Die Geschichte ist alt; sie feiert gerade ihr siebzigjähriges Jubiläum, und sie wird sich solange wiederholen, wie die katholische Kirche mit staatlicher Unterstützung stark genug ist, staatliche Gesetze in Deutschland mitzubestimmen. Es geht um die Frage straffreier Abtreibung in einem begrenzten Zeitraum, es geht um die »Fristenlösung« mit Beratungspflicht im Paragraphen 218.

1928 bereits wollte man mehr. Damals hatte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) im Reichstag einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches eingebracht. Vier Jahre zuvor bereits hatte die Arztgattin Käthe Kollwitz das Plakat Gegen den Paragraphen 218 entworfen. Eine Mutter steht da, selbst noch ein Mädchen fast, kleinwüchsig, hilflos, kaum 30 Jahre alt, und doch wie vergreist von der Last allzu vieler und allzu früher Geburten: Ein Kind hält sie, wie ohne Arm, in ihrer riesigen rechten Hand, die noch unendlich viel größer sein müsste, um das Kleine durchs Leben tragen zu können; denn in ihrem Leib wächst bereits ein neues Kind heran, und dieses neue, endgültig, ist unerträglich. Der Grund: In die andere Hand dieser Frau drückt sich schutzbedürftig, verängstigt, mit riesengroßen, traurigen Augen ein anderes bereits etwa zweijähriges Kind und beansprucht flehentlich durch sein Dasein buchstäblich die Hälfte der Energie dieser Frau. Und mehr als ihre zwei Hände hat sie nicht! Für sie selber bleibt gar nichts! Wer eigentlich, fragt dieses Litho - Kirche, Justiz und Gesellschaft, Papst, Bischof, Staatsanwalt, Richter oder »Berater« - hat das Recht, dieser Frau ins Angesicht zu befehlen, sie müsse die »Leibesfrucht« austragen, sie habe kein Recht zur straffreien Abtreibung, sie sei eine Mörderin? Was soll angesichts dieses Bildes die blinde und blindwütige Moralisiererei und Besserwisserei von geistlichen und weltlichen Behörden, die - unter der Vorgabe - Menschenleben zu schützen, in Wirklichkeit lebende Menschen, Frauen zumal, in ein unabsehbares Elend treiben?

Die katholische Kirche? Ja, gerade sie! Ihre Sexualmoral verbietet als »schwere Sünde« künstliche Empfängnisverhütung; ihr päpstliches Oberhaupt predigt ausgerechnet im aidsverseuchten Uganda das Verbot von Kondomen, und »die« Pille prangert sie an als Ausdruck kinderfeindlicher Gesinnung, als unerlaubten Eingriff in Gottes Schöpfung, als wäre es göttliche »Ordnung«, dass Frauen auch weiterhin zwischen dem 15. und 50. Lebensjahr in endloser Angst vor ungewollter Schwangerschaft leben müssen!

Leben oder geistige Leblosigkeit
Nach den »unfehlbaren« Vorstellungen der katholischen Kirche ist Sexualität allemal »schwere Sünd«, wenn sie nicht in der Ehe, und zwar in jedem »Akt« »offen für Fruchtbarkeit« gelebt wird. Was dabei herauskommt und all dem zugrunde liegt, ist Patriarchalismus pur. Nur ein Teilaspekt davon ist die Abtreibungsfrage. Eine Hierarchie über alterter und überforderter Männer vermisst sich, im Namen, ja, an Gottes Stelle zu wissen, was junge Frauen und Mädchen zu tun und zu lassen haben, - erst wenn diese monströse Struktur eines innerkirchlichen Absolutismus gebrochen ist, kann die katholische Kirche gesellschaftlichen Konsens erwarten. Als ein Verwaltungsrelikt mittelalterlicher Monarchen ist sie selbst museal; verhindert sie Leben durch geistige Leblosigkeit. Man unterschätzt die Starre des römischen Katholizismus, wenn man so tut, als ginge es im Moment nur um Modalitäten der »Schwangerenkonfliktberatung«. Die katholische Kirche ist gegen jede Abtreibung, unter allen Umständen.

Eine Frau ist, wie viele Albanerinnen vor Monaten im Kosovo, vergewaltigt worden; sie hat keinen Mann mehr, - er wurde ermordet; sie hat kein Haus mehr, - es wurde zerbombt. Aber sie darf die »Pille danach« auf gar keinen Fall bekommen, noch nehmen. So die katholische Lehre. - Das Kind wird nach ärztlichem Urteil schwerstens behindert oder geschädigt zur Welt kommen; es wird das Leben der Mutter gefährdet sein, wenn sie es »austrägt« - alles kein Grund für eine Abtreibung, sagt die katholische Kirche. Medizinische Indikation? Eugenische Indikation? Der Papst dieser Kirche preist und ernennt in Serie selig Frauen, die - »heroisch« - den Ratschlag ihres Arztes miss achteten und, wie Christus am Kreuz, ihr Leben im Kindbett dahingaben.

Gewiss, es gibt auch Stimmen der Vernunft im Lager der Bischöfe. Bischof Joseph Spittal in Trier zum Beispiel. »Man kann Menschen nicht zu etwas zwingen, das sie nicht tun können«, erklärte er sinngemäß zu den Frauen, die zu Opfern einer Vergewaltigung wurden. Doch wie soll eine solche Meinung Geltung haben in der katholischen Kirche? »Bischof« wird man nur mit einem eidlichen Schwur zu unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Bischof von Rom, - selbst ein Bischof hat kein (öffentliches) Recht auf Gewissensnotstand. Wie da erst eine »einfache« Frau! Was kann sie wirklich tun? Da müsste man sie fragen, - nach ihrem Leben, nach ihren Erfahrungen, nach ihren Gefühlen, nach ihrer Persönlichkeit; nur im Umkreis dessen, was sie ist, kann es innerhalb der nächsten Wochen für sie eine lebensfähige Lösung geben. Kein Mensch von außen kann diese Lösung im voraus kennen oder gar vorschreiben.

Eine »Beratung« darf psychologisch nur »ergebnisoffen«, ohne Verbreitung von Angst und moralischem Druck, geführt werden, so der Wille des Gesetzgebers. Doch gerade das will die katholische Kirche nicht. Sie kennt keine Situationsethik. Sie erlaubt nicht die Freiheit des Gewissens einzelner, in Ausnahmesituationen sich anders zu entscheiden, als es der Regelfall vorsieht. Sie anerkennt nicht die Dimension des Tragischen, dass Menschen aus Verantwortung etwas tun müssen, das sie zutiefst bedauern, doch nicht vermeiden können - um in ihrer Lage »dem Leben« zu dienen! Es ist insofern tatsächlich nur folgerichtig, wenn die katholische Kirche aus dem »Beratungsdienst« freiwillig aussteigen will. So sehr sich ihre Berater und Beraterinnen vor Ort menschlich auch engagieren mögen, die Vorgaben der kirchlichen Moral verlangen, unter allen Umständen einen »Mord« zu verhindern, nicht einer Frau in Not so zu helfen, wie es in ihrem Leben als »Hilfe« wirklich erkennbar ist. - »Mord« aber muss bestraft werden! Im Grunde nur darum geht es.

Lieber Strafen statt Verstehen
Die straffreie Abtreibung in Deutschland ist der Kirche von Rom ein Dorn im Auge. Sie selbst macht es anders. Exkommunikation steht nach ihrem Gesetzbuch (§ 1.398) als »Tatstrafe« auf jede Anstiftung, Beihilfe oder Durchführung einer Abtreibung, - Ausschluss also von den »Gnadenmitteln« und dem »Gnadenbeistand«, den Gott durch »seine Kirche« den »Gläubigen« gewährt. Verstoßen, ausstoßen, abrichten, statt suchen, begleiten und aufrichten. Noch bis 1945 forderte diese Kirche die Todesstrafe gegen »Kindesmörderinnen«, während sie die Männer unter dem Fahneneid auf den Führer zum Kampf gegen den sowjetischen Atheismus nötigte. Wer Blut an den Fingern hat, sollte nicht anderen die Hände binden oder waschen wollen.

Das Bundesverfassungsgericht hat nicht ohne Weisheit entschieden, dass es Handlungen gibt, geben kann, die nicht »rechtens« sind, die aber niemand im Namen von Recht und Gerechtigkeit »strafen« kann. Gerade so umschreibt sich im Deutsch von Juristen der Bereich des Tragischen. Die protestantischen Kirchen wissen um die »Unerlöstheit«, um die Gebrochenheit der Welt und darum, dass Gott uns manchmal vergeben muss, noch ehe wir etwas tun, schon weil wir sonst nicht mehr zu leben wüssten. Der katholischen Kirche steht ein solches menschliches Lernen von Menschlichkeit erst noch bevor. »Sie können Ihr Kind ja an ein Heim abgeben.« Für welche Frau mit den wirklichen Gefühlen einer Mutter soll das die Lösung sein?

Und auch biologisch muß die katholische Kirche wohl oder übel lernen. Ihre Doktrin bezüglich der Abtreibungsfrage basiert auf dem Axiom, dass »jede befruchtete weibliche Eizelle« »ein Mensch« sei, dem Gott im Augenblick der Verschmelzung der beiden Keimzellen eine unsterbliche Seele eingesenkt habe. Eine solche Vermischung von Metaphysik und Genetik ist alles andere als plausibel, jedenfalls führt sie zu absurden Konsequenzen. Millionen von Frauen zum Beispiel haben - statt für die Pille - sich für die Spirale entschieden; nach katholischer Lehre sind all diese Frauen und ihre Ärzte tausendfacher Mordversuche schuldig zu sprechen - die »Einnistung« eines befruchteten Eies wird ja durch die Spirale verhindert. Offenbar hat in dieser Optik der Schöpfer selbst fahrlässig gehandelt, als er den Menschen erschuf; denn jede »befruchtete Eizelle« muss erst einmal einen langen Weg durch die Leibeshöhle der Frau zurücklegen, um sich einnisten zu können - 50 Prozent aller Zygoten gehen dabei zugrunde! In letzter Konsequenz muss die katholische Kirche eigentlich fordern, dass dieser natürliche »Massenmord« im Mutterleib medizinisch unterbleibt. Die »Zeugung« in vitro als die einzig verantwortliche Art menschlicher Reproduktion wäre zu urgieren; Frauen als solche wurden ganz offensichtlich zu unzuverlässig vom Schöpfer gebildet, als dass ihnen eine so wichtige Aufgabe wie die Aufzucht männlich gezeugten Lebens ohne Kontrolle von Ärzten (und Kardinälen) überlassen werden könnte.

In der Abtreibungsfrage wird man widerspruchsfreie Vernunft nur bringen können, wenn man vor allem anerkennt, dass Menschen nicht einfach als »Menschen« (in juristischem und moralischem Sinne als Rechtssubjekte) fertig zur Welt kommen; sie wiederholen vielmehr in einem unglaublich kurzen Zeitraum noch einmal den ungeheuer langen Weg, den die Evolution vom Einzeller über die Wirbeltiere zu den Säugern und Primaten bis zum Menschen gegangen ist. Statt metaphysischer Abstraktionen sollten Mitleid und Mitgefühl (im Sinne der Ethik Arthur Schopenhauers) die Argumentation bestimmen. Ein menschlicher Fötus im Alter von sechs Wochen empfindet nicht Angst noch Schmerz - das neuronale Netz bildet sich überhaupt erst, das Gefühle und Empfindungen ermöglichen könnte. Bis dahin empfindet jedes Huhn, das wir töten, jedes Kalb, das wir schlachten, unvergleichbar viel mehr an Leid als ein Fötus auf den unteren Stufen seiner Entwicklung.

Mitleid oder Machtausübung
Jeder Mensch war einmal ein Fötus, aber ein Fötus ist nicht ohne weiteres ein Mensch; er ist die Summe all der Möglichkeiten, die unter gegebenen Bedingungen dazu führen, dass ein Mensch entsteht; die Bedingungen seines Lebens kann ein Fötus sich nicht selber schaffen, und man kann in seinem »Namen« wohl auch nicht fordern, dass sie in jedem Falle existieren müßten. In der Wahl zwischen der Angst und dem Schmerz einer Frau jedenfalls, die auf lange Zeit nicht mehr weiter weiß, wenn sie ein mögliches Leben »austragen« sollte, und der Existenz eines Wesens, das zu Wollen und Wahrnehmen noch gar nicht imstande ist, muss zumindest die Möglichkeit einer Wahl nach Maßstäben des Mitleids, also der Leidvermeidung für alle Betroffenen bestehen.

Die katholische Kirche aber steht an einem Scheideweg. Sie wird nicht, wie sie möchte, den Staat zu einer Rücknahme der derzeit geltenden Gesetze zum § 218 zwingen können. Mehr als die - gemessen an Frankreich, den Niederlanden, England oder Italien - in sich schon äußerst »katholisch« geprägte Kompromisslösung von straffreier Abtreibung nach vorheriger Pflichtberatung wird sich gesellschaftlich nicht durchsetzen lassen. Innerhalb der katholischen Kirche aber tobt ein Richtungskampf: Gibt es eine »Wahrheit«, die Gott offenbart und dem Lehramt der Kirche zum Vermächtnis gegeben hat, dann ist die Tradition das Richtmaß der Zukunft, dann ist der Bischof der Hüter des Göttlichen, dann ist Religion gebunden an die »richtige« Form institutioneller Außenlenkung. - Oder: Wir müssen als fehlbare Menschen gemeinsam suchen und ringen um das, was Menschen in jedem Einzelfall helfen könnte, dann ist, was gestern gültig war, heute womöglich hinderlich oder falsch, dann ist Religion eine Kraft der Freiheit und der Mündigkeit im Herzen jedes Menschen. Nicht ob in Fulda Lehmann oder Meisner sich durchgesetzt hat, ist das Problem. Die Frage stellt sich dieser Kirche grundsätzlich, ob sie eine Sekte nach Art der Franco-Faschisten vom Schlage des seliggesprochenen Gründers des Opus Dei sein will und sein soll, oder ob sie es lernt, die Gottesstellvertreterei dranzugeben, um endlich Gott selbst in den Menschen - wie Jesus es wollte - zu Wort kommen zu lassen.

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