Eva Ricarda Lautsch
13.04.2011 | 16:49 7

Shitstorm? You can do it.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Eva Ricarda Lautsch

Latent zu spät kommen lohnt sich bei der re:publica 11. Während ich im letzten Jahr noch den Anfängerfehler machte und mich um mehr oder weniger Punkt 10:00 Uhr zwischen die Akkreditierungsschlange quetschte - meine heutige Ankunft ist gegen 12:00 Uhr. Just in time jedenfalls zu "Shitstorm? You can do it!", dem Panel von Helga Hansen (hanhaiwen.wordpress.com) und Kathrin Ganz (iheartdigitallife.de) und ebenso just in time für alle sonstigen Vorkommnisse der digitalen Gesellschaft.


Zu Beginn der Session verlassen ein paar TeilnehmerInnen verschreckt den Saal, bei Twitter ist zu lesen "Ich dachte es geht hier um Shitstorms und nicht um Feminismus" oder "Fuck! It's a trap!", versehen mit dem Hashtag #Feminism.
Helga Hansen lässt sich nicht beirren und erklärt Begriffe, Hintergründe und Beispiele für Shitstorms. Wie der Begriff zunächst eher nicht erkennen lässt handelt es sich hierbei um eine Form von digitalem politischem Aktivismus: Durch ein gemeinsames Hashtag werden auf Twitter die gesamten Reaktionen, Kommentare und Statements zu einer öffentlichen Debatte gesammelt. Anders als in klassischen Medien wird hier eine kollektive Empörung plötzlich sichtbar, sonst vereinzelte kritische Stimmen schaffen sich eine gemeinsame Plattform. So geschehen auch im cyberfeministischen Diskurs.


Die Vergewaltigungsvorwürfe um Julian Assange von WikiLeaks beispielsweise schlugen onlineaktivistische Wellen: sowohl die Kampagne "Prata om det" (sprich darüber) als auch #mooreandme gelangten mit teilweise sehr wertvollen Beiträgen zu einem differenzierten Umgang mit Sexualität über einen Twitter-Shitstorm zu kritischer Prominenz. Und damit auch in die klassischen Medien - meistens das Ziel des Unterfangens.

http://hatr.org/assets/images/hatr-big.png


Das nächste Level ist nach Ansicht der MacherInnen von hatr.org, den Shitstorm zu monetisieren. Kathrin Ganz erläutert das Konzept: Beleidigende und frauenfeindliche Kommentare, die sogenannter Trolle, auf feministischen Blogs werden bei hatr gesammelt, veröffentlicht und per Werbung und flattr zu Geld gemacht. Die Idee dazu sei nach dem amerikanischen Vorbild Monetizing the Hate auf dem Gendercamp 2010 entstanden - und mit so viel Aufmerksamkeit habe man zunächst gar nicht gerechnet. Mittlerweile bewegt sich diese in einer Spanne von 9000 Klicks pro Tag und die InitiatorInnen scheinen zufrieden. Auch wenn das Motto "don't feed the trolls" (gib ihnen keine Aufmerksamkeit) durch hatr nicht weniger aktuell geworden ist, bietet die Plattform eine weitere, vielleicht noch viel überzeugendere Möglichkeit, mit ihnen umzugehen. Indem die jeweiligen Kommentare aus dem Kontext enthoben und zweckentfremdet werden lässt sich der Angriff umkehren. Auch die Argumentationsstrukturen manches verzweifelten Maskulisten werden sichtbar als das, was sie sind: meistens flach.


Gegen Ende der Session laufen beispielhafte hatr-Kommentare über die Leinwand, von denen "Sexismus ist eine Meinung und wir haben Meinungsfreiheit" der harmloseste bleibt. Einige im Publikum zeigen sich erstaunt, parallel bei Twitter nennt man die Sprecherinnen mutig, das Projekt beeindruckend. Zu Recht.

[Bild: hatr.org]

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (7)

Magda 13.04.2011 | 21:50

"Indem die jeweiligen Kommentare aus dem Kontext enthoben und zweckentfremdet werden lässt sich der Angriff umkehren. Auch die Argumentationsstrukturen manches verzweifelten Maskulisten werden sichtbar als das, was sie sind: meistens flach. "

Ganz schön erschreckend, die Kommentare, aber die Idee mit der Dekonstruktion ist nicht schlecht. :-))

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smith 14.04.2011 | 11:25

Ich selbst bin bei hatr.org mit folgendem Beitrag vertreten:

"Xena, es muss doch möglich sein, Kritik zu üben. Alles andere ist destruktiver Personenkult a la Stalin, Honnecker, Kim Il Sung ... Aus Geschichte sollte gelernt werden."

Stalin, Honnecker, Kim Il Sung - aber sowas von frauenfeindlich.
Meine IP wurde im Übrigen von mädchenmannschaft.net gesperrt, damit die dortigen, flachen Argumentationsstrukturen nicht mit lästigen Zwischenfragen gestört werden.

Gold Star For Robot Boy 14.04.2011 | 13:18

Every shitstorm has it's latency!

But hey, let's follow this awesome american company and make money from the crap people say.

Zur Sache:

"sowohl die Kampagne "Prata om det" (sprich darüber) als auch #mooreandme gelangten mit teilweise sehr wertvollen Beiträgen zu einem differenzierten Umgang mit Sexualität über einen Twitter-Shitstorm zu kritischer Prominenz."

Sehr differenziert:
„Nein ist immer nein. Kritisch wird es in den Situationen, wo man eigentlich „nein“ sagen wollte, es aber nicht tat, weil man zu verliebt, zu schüchtern, zu beeindruckt, zu betrunken oder zu müde war, um zu diskutieren“, erklärt Johanna Koljonen(Mitgründerin prata om det) Le Monde."

Bei all dieser Differenzierung bleibt an Assange vor allem eines hängen:der fragwürdige Vorwurf der Vergewaltigung ("minor rape" [sic]):
"
Brita Sundberg-Weitman, a retired Swedish judge who is now an academic, said in testimony at today’s hearing that the legal process in the Assange case in Sweden has been “extremely peculiar.”The atmosphere in Sweden toward Assange is “rather hostile,” Sundberg-Weitman said. “Most people take it for granted that he has raped two women,” she said of Assange."

Was immer von Assange zu halten ist, die politische Dimension (internationaler Haftbefehl,mögliche Auslieferung,die Allianz US/Schweden-Justiz) ist latent vorhanden.