Tuscheln im Parkett: Maul halten oder gehen, das ist hier die Frage!

Meinung Und Goethe brüllte! Wie Goethe und Wagner das deutsche Publikum zum Schweigen brachten und wie traurig dieser Hochkulturmasochismus doch ist. Das Theatertagebuch von Eva Marburg
Ausgabe 14/2023
Wer hier nicht schweigt, der fliegt
Wer hier nicht schweigt, der fliegt

Foto: IMAGO/ Markus van Offern

Neulich wurde ich in einem Kleinstadttheater Zeugin einer Erziehungsmaßnahme. Der Vorfall ereignete sich direkt nach der Pause, also zu einem Zeitpunkt, da das Publikum – belebt von Sekt, Brezeln und Toilettengang – zur Gesprächigkeit neigt. Die zwei Schauspielerinnen in königlichen Rollen hatten bereits die Hände in die Hüften gestemmt, um sich in das eingeübte Wortgefecht zu stürzen, als ein älteres Ehepaar in den vorderen Parkettreihen seinem Gesprächsbedarf leise tuschelnd freien Lauf ließ. „Pschscht! Pschscht!“, fuhren sogleich einige Zuschauer*innen gehorsamst in ihren Sitzen herum: „Pschschschschschscht!“

Das Pärchen lächelte kurz angebunden und vertiefte sich dann wieder ins Gespräch. Ich begann mich gerade leise zu amüsieren, als eine der Spielerinnen das Kommunikationsduo plötzlich anherrschte: „Entschuldigung, wir hören das hier oben. Wir sind hier im Theater!“ Und als hätte sie das schon immer mal loswerden wollen, hob sie zu einer kuriosen kleinen Rede an. Dass sie hier „bei der Arbeit“ sei; dass jeder ein Recht auf einen anderen Kunstgeschmack habe, aber was für eine Respektlosigkeit das sei, und überhaupt, man könne ja, bitte sehr, gehen – und sie zeigte, reichlich dramatisch, auf eine Saaltür in der Nähe: „Gehen Sie oder schweigen Sie!“ Und weil wir in Deutschland sind, gab es für diese öffentliche Maßregelung gleich zustimmenden Applaus.

Was immer die Darstellerin geritten haben mag, derart unsouverän aus der Rolle zu fallen – sie brachte eine eiserne Regel des deutschsprachigen Theaters auf den Punkt: Maul halten oder gehen. Das Theaterpublikum hat hierzulande nicht das Recht, sondern die Pflicht zu schweigen. Schon in den Vorstellungen im Kinder- und Jugendtheater ist das zu erleben, wo die aufgescheuchten Lehrkräfte die zwingende Kulturregel einzutrichtern versuchen: Im Theater ist wie beim Essen, man spricht nicht dabei.

Historisch fing das Schweigegelübde in deutschen Zuschauersälen mit dem bürgerlichen Theater an, als es darum ging, aus den vorherrschenden zotigen Hanswurst-Performances eine „moralische Lehranstalt“ zu zimmern. Es gibt einen historisch belegten Vorfall aus Weimar, in dem Goethe einen geiernden Zuschauer vom Balkon aus anbrüllte: „Mein ,Tasso‘ ist keine Komödie!“ – und dann dafür sorgte, dass der Witzbold von herbeieilenden Theaterschergen aus dem Saal geschleift wurde.

Einige Jahrzehnte später machte sich auch Richard Wagner ans Werk, dem Publikum endgültig die Sprache zu verschlagen. Er sorgte erstmalig für Dunkelheit im Zuschauerraum, damit man gar nicht erst auf die Idee kam, mit dem Sitznachbarn zu quatschen. Hyperreale Kulissen germanischer Sagenwelten, stundenlanges Suchen nach irgendeinem Gral und eine in dunkle Unendlichkeit drängende Musik sorgten außerdem dafür, dass das Publikum sich weder Miff noch Maff zu sagen traute und stattdessen seine eigene Todessehnsucht zu spüren bekam.

Wie traurig dieser anerzogene Hochkulturmasochismus doch ist! Allen, die manchmal ihren inneren Johann Wolfgang herauskehren und das Publikum zum Schweigen bringen wollen, kann ich nur raten, mal in anderen Ländern ins Theater zu gehen. In Marokko dient das Bühnengeschehen eher als Hintergrundrauschen für das mitgebrachte Picknick, trotzdem wird nach jeder Szene heftig applaudiert. Im Londoner Globe Theatre erlebte ich mal einen fachlichen Disput zwischen Zuschauer und Darsteller über eine Textstelle bei Shakespeare. In einem New Yorker Off-Theater wurde eine zugegeben ziemlich pathetische Darstellung schlichtweg ausgelacht.

Nichts macht ein Theatererlebnis schöner als ein lebendiges und waches Publikum. Also, wenn Sie demnächst aufgefordert werden zu schweigen, dann gehen Sie bitte. Mit knallenden Türen.

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