Wahlsieg für die FPÖ trotz Milo Rau: Hilft Theater etwa doch nicht?

Kolumne Angesichts der Ergebnisse der Europawahl zweifelt unsere Kolumnistin daran, dass das Theater die Demokratie stärken kann. Aber dann fällt ihr auf, wobei es jetzt wirklich helfen kann
Ausgabe 24/2024
Wiener Prozesse: Angeklagt, die FPÖ
Wiener Prozesse: Angeklagt, die FPÖ

Foto: Rafaela Pröll

Der größte Selbstwiderspruch, den das Theater am Wochenende der Europawahl erzeugen konnte, waren wohl die Wiener Prozesse des Polit-Regisseurs Milo Rau bei den parallel stattfindenden Wiener Festwochen. Dort saß im zweiten Teil dieses Gerichtsformats über zehn Stunden lang ausgerechnet die rechte FPÖ-Partei auf der Anklagebank, die dann zeitgleich, natürlich völlig unbeeindruckt von der aufklärerischen Geste der Kunst, stärkste Kraft bei den Europawahlen wurde.

Milo Rau verlas zu Beginn die Anklagepunkte, die er in dem performativen Gerichtsverfahren geklärt wissen wollte: „Erstens: Ist die FPÖ, die in den 50er Jahren von ehemaligen SS-Männern und enttäuschten nationalsozialistischen Bürokraten gegründet wurde, eine Nachfolgepartei der NSDAP? Zweitens: Verschwört sich die FPÖ gegen genau jenen Staat, von dem sie als Partei subventioniert wird? Drittens: Wohin steuert diese Partei?“

Mir kommt das wie ein böser Witz vor

Alles Fragen, die man auf der Bühne stellen kann und sollte. Doch angesichts der niederschmetternden Ergebnisse dieser Wahl, bei denen so offen wie nie deutlich wird, dass Millionen Wähler:innen in Deutschland ganz bewusst eine offiziell rechtsextrem eingestufte Partei wählen – kommen einem die jahrelangen Bemühungen des Theaters, „die Demokratie zu stärken“, doch langsam wie ein böser Witz vor.

Das Gefühl der Vergeblichkeit im eigenen Herzen nicht zu groß werden zu lassen, fällt mir schwer. Ich weiß gar nicht, wie viele Theaterabende ich gesehen, wie viele Rezensionen ich gelesen und wie viele Reden ich gehört habe, in denen die Kunst des Theaters als Kern der Demokratie beschworen wurde; als gemeinsame Erfahrung, über die man streiten kann; als Hort der differenzierten, pluralen Anschauungsmöglichkeit. Muss man jetzt sagen: Als Aufklärungsinstanz hat Theater versagt?

Diese Überlegungen aber sind absurd und letztendlich auch falsch: Noch nicht mal fünf Prozent der Bevölkerung gehen überhaupt ins Theater – wie kommt man da auf die Idee, die Bühnen hätten wirklichkeitsverändernde Kraft? Und ist Kunst überhaupt dazu da, die Realität geradezubiegen oder bessere Menschen aus uns zu machen?

Doch kurioserweise waren es in letzter Zeit insbesondere Theatererlebnisse, an denen ich mich jetzt festhalten möchte; die mir ein Gegenwartsgefühl vermittelt haben, in dem ich mich wiederfand. Der inklusive, performative Gemeinschaftsabend Riesenhaft in Mittelerde vom Schauspielhaus Zürich zum Beispiel. Ein musikalisches, schräges Treiben von Darsteller:innen mit und ohne Einschränkungen, die mit dem Publikum eine Wanderreise antraten, den bösen Ring der Macht zu vernichten. Oder das Musical Bucket List von Yael Ronen und Shlomi Shaban an der Berliner Schaubühne. Hier wirbt eine Firma mit dem Namen „Zeitgeist“ dafür, den Menschen zu befreien, indem sie traumatische Erinnerungen aus dem Gedächtnis löscht, was als das „Geschäft der Zukunft“ angepriesen wird.

Ein Passant fragt, ob alles okay sei. Nein, ich war im Theater

Am meisten weh tat jedoch die jetzt als Vermächtnis geltende Inszenierung von René Pollesch, die eine Woche vor seinem plötzlichen Tod Premiere hatte: ja nichts ist ok. Ganz allein erspielt hier Fabian Hinrichs die unfassbar wachsende gesellschaftliche Isolation und fragt am Ende, wie wir aus der Gewaltgeschichte der Menschheit herauskommen können. Da betritt plötzlich eine Gruppe von Leuten die Bühne, und man denkt: Ach, da ist sie ja, die rettende Gemeinschaft! Doch auf Hinrichs’ hoffnungsvolle Frage, wer sie denn seien, antworten sie: „Wir sind gekommen, um dich zu begraben.“

Danach bekam ich wegen dieser Szene einen Weinanfall auf der Straße, und als mich ein Passant fragte, ob alles okay sei, sagte ich: Nein, ich war im Theater. Und solange Theater so einen Raum für die jetzige Trauer, Wut und Verzweiflung bereitstellen kann, ist doch, denke ich, noch nicht alles verloren.

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