Areva und EDF: unglaubliche Leichtfertigkeit

Reaktorstahl mangelhaft: Flamanville, Fessenheim, Hinkley. Nuklear-Großkomponenten-Hersteller in Le Creusot im Fokus von Untersuchungen. Dokumente belegen: EDF und Areva waren seit 2005 alarmiert
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Ein viel beachteter Bericht des Französischen Radiosenders FranceInter von Sylvain Tronchet (31.3.2017) wurde von Rolf Junghanns übersetzt:

Wegen der Herstellung zweifelhafter Komponenten steht Creusot Forge in der Nuklearindustrie im Brennpunkt von Untersuchungen. Dokumente belegen, dass EDF und Areva seit 2005 alarmiert waren.

Die französische Nuklearindustrie war noch nie mit einem derartigen Skandal konfrontiert. Diese Affäre stellt zudem die gesamte Kontrollkette dieser ohnehin schon von der Fukushima-Katastrophe erschütterten Branche in Frage. Der Hersteller von Schmiedeteilen Creusot Forge hat an verschiedene KKW Komponenten geliefert, die den Vorschriften zuwiderlaufen. Unter ihnen der EPR-Reaktordruckbehälter des KKW Flamanville, der noch immer auf seine Zulas­sung durch die französische Atomsicherheitsbehörde ASN wartet. Zwei der Radiostation „France Inter“ vorliegende Dokumente sowie mehrere Augenzeugenberichte belegen, dass der französische Stromerzeuger Électricité de France (EDF) und der französische Energie-Anlagenkonzern Areva bereits seit 2005 über die Probleme in diesem Werk alarmiert waren. Und trotzdem haben die beiden Konzerne nicht davon abgelassen, Creusot Forge mit der Herstellung sicherheitsrelevanter Bauteile zu beauftragen.

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Die Creusot-Schmiede hat an der Geschichte der französischen Metallurgie mitgeschrieben. Gegründet im XVIII. Jahrhundert im Herzen der Burgund-Stadt Le Creusot, hat Creusot Forge Hunderte Bauteile geliefert, mit denen seit den 1960er Jahren Kernkraftwerke weltweit ausgerüstet wurden. Dabei war die jüngste Geschichte dieses Herstellers sehr bewegt. 1984 geriet das Werk in den Strudel der Creusot-Loire-Pleite, mehrere Male stand es am Rand der Schließung. 2003 wurde es als Schnäppchen aufgekauft vom Geschäftsmann Michel-Yves Bolloré (der ältere Bruder von Vincent Bolloré[1]). M.-Y. Bolloré (der es abgelehnt hat, auf unsere Fragen zu antworten) hegte keine direkte Leidenschaft für die Metallurgie, wie René Dumont, der das Werk damals leitete, bezeugt:

„Das Interesse von Bolloré war finanzieller und weniger technischer Art. Es gelang mir nicht, mit ihm über eine industrielle Strategie zu sprechen.“

Zahlreiche leitende Mitarbeiter verließen damals das Werk. In Le Creusot tauchten dann neue Nachauftragnehmer auf, die das Fach nicht in jedem Fall gut kannten. So stand das Werk vor zahlreichen Problemen in der Herstellung: Ausschussteile, nachlassende Qualitätsüber­wachung ... Wie es schon unsere Kollegen von „L'Obs“[2] (23. November 2016) beleuchtet haben, waren die Gebäude in einem schlechten Zustand, die Fertigung der Schmiede entfernte sich nach und nach von den für den Nuklearsektor erforderlichen überaus hohen Standards. Areva und EDF waren jedoch über die Lage informiert. Dies bezeugen zwei Schreiben der ASN an den Stromerzeuger, die jetzt erst der Öffentlichkeit bekannt werden. Das erste ist vom 16. Dezember 2005 – das war fast ein Jahr vor der Herstellung der Bauteile des EPR[3]-Druck­behälters. In ihm wird klar und deutlich auf die Qualitätsprobleme hingewiesen, mit denen das Werk in Le Creusot konfrontiert ist.


„Sehr geehrter Herr Direktor, // Im Rahmen seiner Aufgabe der Kontrolle der Herstellung der druckbe­aufschlagten nuklearen Ausrüstungen hat das BCCN [Büro für die Kontrolle nuklearer Dampf­erzeugungsanlagen] jüngst zahlreiche Abweichungen beim Hersteller Creusot Forge festgestellt.
Diese Bauelemente stellen die Qualität der Leistungen und der Überwachung der Subunternehmer durch Creusot Forge in Frage. […] Als Betreiber sind Sie gehalten, über diesen Leistungserbringer eine Überwachung auszuüben oder ausüben zu lassen […]“

Am 16. Mai 2006 hakt die Atomaufsichtsbehörde bei EDF nach: „Im Jahr 2005 sind bei den Erzeugnissen (...) des Lieferanten Creusot Forge zahlreiche Vorkommnisse auffällig: eine beträchtliche Anzahl von Ausschussteilen, bei Kontrollen festgestellte Abweichungen (...)“.

  • Schreiben der ASN von 2005 und 2006, mit denen sie EDF auf die Probleme bei Creusot Forge hinweist
    Hinweis des Übers.: Auf der Webseite von France Inter können unter der Zwischen­überschrift „Lettres de l'ASN avertissant EDF des problèmes de Creusot Forge en 2005 et 2006“ die genannten Schreiben in französischer Sprache eingesehen werden. übersetzter Inhalt der markierten Textstellen

Die Warnung war offensichtlich. Und ernst genug für den damaligen Chef der ASN André-Claude Lacoste, um sich persönlich nach Le Creusot zu begeben. Er bestätigte uns, dass er von dort „vollkommen bestürzt“ zurückgekommen sei, denn er hatte festgestellt: Das Werk ist nicht auf dem erforderlichen Niveau. Zurück in Paris, warnte er Areva:

"Ihr Lieferant hat massive Probleme, wechseln Sie ihn aus oder kaufen Sie ihn auf!"

Areva kauft also Michel-Yves Bolloré das Werk und dessen mechanische Werkstätten für die astronomische Summe von 170 Millionen Euro ab. Die beiden Standorte hatten Bolloré drei Jahre zuvor etwa 800 000 € gekostet. Zum Zeitpunkt des Rückkaufs ist die Entscheidung schon gefällt: Creusot Forge soll den Boden und den Deckel des EPR-Druckbehälters für Flamanville schmieden. Aber „in allen Expertisen, die später erstellt werden, kommt man zum Schluss, dass zu eben diesem Zeitpunkt die Creusot-Werke nicht über die für die Ferti­gung dieser Teile notwendige Kapazität verfügten“, äußert verwundert Jean-François Victor, der einst mit Bolloré in dieser Angelegenheit eng zusammenarbeitete. EDF räumt jedoch ein, seinerzeit auf dem Standort Le Creusot Qualitätsprobleme erkannt zu haben. Wie bei Areva auch versichert man, den Warnungen der ASN Rechnung getragen zu haben. Nach den uns vorliegenden Informationen kam es vor Ort jedoch erst 2012 zu einer echten Reform der Qualitätssicherungsprozeduren. Und dabei ist es ungewiss, ob diese Reform die Situation ge­wandelt hat. Mehrere Zeugen haben uns bestätigt, dass die Sicherheitskultur im Werk bis in die jüngste Zeit zu wünschen ließ. Der Instandhaltungstechniker Christian de Mezieres, der zur alten Kernkraft-Garde gehört, hatte das vor 5 Jahren festgestellt: „Die Kultur, die ich in den anderen Areva-Unternehmen kennengelernt habe, habe ich nicht wieder­ge­funden. Wenn wir die Wartung im verstrahlten Bereich machten, lief das klar und präzise. Es gab Kontrol­leure für jeden Arbeitsschritt. Hier gibt es das nicht.“

Jean-Luc Mercier, Gewerkschaftsvertreter der CGT bei Creusot Forge, schätzt sogar ein, dass Areva zum Verfall der Qualitätssicherung am Standort beigetragen hat: „Vor einigen Jahren hatte man noch, wenn es notwendig wurde, eine Maschine für ein–zwei Tage still­gelegt, man prüfte, ob die Teile in Ordnung waren und holte Genehmigungen ein, bevor man die Arbeit wiederaufnahm. Heute versucht man, die Maschinen durchlaufen zu lassen, und man prüft nicht nach, ob man nicht vielleicht die Qualität unserer Erzeugnisse gefährdet.“

Gleich nachdem die Bauteile des EPR-Druckbehälters die Schmiede verlassen hatten, wurde die ASN unruhig. Beginnend ab August 2006 schrieb sie an Areva und verlangte den Nach­weis, dass die beiden Bauteile den Vorschriften entsprechen. Fast 7 Jahre hält die Korrespon­denz an, aber keinerlei Untersuchung erfolgte. Am 24. Januar 2014 wurde der nun auf die Baustelle in Flamanville angelieferte Druckbehälter in das Reaktorgebäude eingebracht. Neun Monate später wurde das Urteil gefällt. Areva hatte endlich Tests vorgenommen, das Ergebnis war negativ: Der Boden und der Deckel weisen Mängel auf. In der Fachsprache der Metallur­gen wird dies als „Kohlenstoffseigerung“ bezeichnet. „Der Stahl des Druckbehälters muss normalerweise 0,2% Kohlenstoff beinhalten“, erklärt Yves Marignac, Experte im Nuklear­bereich. „Hier aber liegt eine Konzentration von eher 0,3% vor. Das reicht aus, um die mechanischen Eigenschaften des Stahls zu verändern und insbesondere um die Temperatur zu beeinflussen, bei der er an Elastizität verliert und spröder wird." Das Unangenehme dabei ist zu wissen, dass im Nuklearbereich kein Szenario existiert für den Fall eines Bruchs des Druck­behälters. Für einen Havariefall dieser Art gibt es keinen Plan B. Thierry Charles vom Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN), der die Unterlagen geprüft hat, bestätigt: „Es liegt ein Material vor, dessen Zusammensetzung nicht den Erwartungen ent­spricht und bei dem man einen Bruch befürchten muss, wenn es den Druck- und Temperatur­bedingungen ausgesetzt wird, wie sie im Reaktor herrschen.“

Areva hat seine Berechnungen überarbeitet: Der Druckbehälter ist betriebsfähig trotz seiner Mängel – versichert das Unternehmen. Die ASN wird wahrscheinlich im kommenden Sep­tember die Entscheidung treffen, ob sie diese Beweisführung anerkennt. Aber sobald sie Kenntnis davon erlangt hatte, dass der Druckbehälter Mängel aufweist, hatte sie ein komplet­tes Audit des Creusot-Werkes gefordert. Areva hatte das auf die lange Bank geschoben, dann einen ersten Bericht geliefert – „total inhaltsleer“ äußerte eine Quelle aus dem Umfeld des Dossiers[4]. Die ASN war aufgebracht (Näheres hierzu auf der ASN-Webseite) und forderte eine komplette Untersuchung des Werks. Areva ist dieser Forderung nachgekommen. Im Mai 2016 werden die Ergebnisse bekannt – unerhörte Fakten: Fehlerhafte Bauteile wurden an den Kernenergiesektor geliefert (Näheres auf der Seite von „Les èchos"), in einigen Fällen wurden Herstellungsunterlagen gefälscht, um die Abnehmer zu täuschen. Der stellvertretende ASN-Generaldirektor Julien Collet erinnert sich daran, wie fassungslos er war, als er begriff, was bei Creusot vorging: „Diese Praktiken stehen zu dem, was man von einem Hersteller dieses Niveaus erwartet, in einem derartigen Widerspruch, dass man es fast nicht glauben kann. Derartige Normabweichungen konnte man einfach nicht erwarten.“

Abb.: Dampfererzeuger.

Die problematischste „Normabweichung“ betrifft den unteren Ring eines der drei Dampf­erzeuger im Block 2 des AKW Fessenheim.

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Die problematischste dieser „Normabweichungen“ betrifft einen 2008 hergestellten Dampf­erzeuger, der 2012 im Reaktor 2 des KKW Fessenheim eingebaut wurde. Ein Teil[5] verließ die Schmiede mit zu einer zu geringen Länge. So wurde es unmöglich, die Endbereiche dieses Teils zu beschneiden und somit die Verunreinigungen zu entfernen, die sich in den End­bereichen ansammeln, was bei diesen Ausrüstungen essentiell wichtig ist. Das Teil hätte verworfen werden müssen.

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Trotzdem hatte man entschieden, es an EDF auszuliefern (siehe untenfolgendes Dokument), ohne den Energieerzeuger auf diesen „Mangel“ hinzuweisen – der bei derart sicherheitsrelevanten Ausrüstungen möglicherweise ernsthafte Auswirkungen haben kann. Eine Voruntersuchung wurde eingeleitet, mehrere Organisationen haben An­zeige gegen EDF und Areva erstattet, insbesondere aufgrund Verwendung gefälschter Doku­mente und fahrlässiger Gefährdung des Lebens anderer. (Weitere Informationen auf der Webseite francetvinfo.fr).

„Mitteilung über Qualitätsmangel“ des Herstellers „Creusot Forge“, das KKW Fessenheim betreffend

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Wie konnte der Weltmarktführer auf dem Gebiet der Nukleartechnik derartige Methoden auf einem seiner Standorte tolerieren? Wenn man dem Generaldirektor von Areva NP David Emond diese Frage stellt, kann der kaum seine Verlegenheit verbergen: „Diese Praktiken bestanden seit Jahrzehnten. Vom Standpunkt der Kultur der Sicherheit und der Qualitäts­sicherung sind sie nicht zu akzeptieren. In diesem Werk hatte man über den gesamten Zeit­raum hinweg diese Kultur nicht.“

Areva sei also Opfer „lokaler Traditionen“ gewesen, die weit vor die Zeit des Erwerbs des Werkes zurückreichen. Dieses Argument nötigt dem früheren Direktor der Schmiede René Dumont einen Aufschrei ab: „Menschen zu beschuldigen, die dem Werk über Jahrzehnte das Leben eingehaucht haben, die eine immense Menge von Bauteilen in alle Welt geliefert haben, sie hätten ein System der Mauschelei und Fälscherei aufgebaut, das ist Verleumdung. Ich denke, dass man damit vor allem eigene Verfehlungen verbergen will.“ Wenn man die schwer­wiegendsten Fälschungen untersucht, die hinsichtlich der nuklea­ren Sicherheit eine ernsthafte Auswirkung hätten nach sich ziehen können, so ist zu sehen, dass diese allesamt relativ neuen Datums sind – aus der Zeit unter Areva.

Angesichts des Ausmaßes des Schadens ist das Unternehmen jetzt dabei, alle Herstellungs­unterlagen der Schmiede ab Produktionsaufnahme für den Nuklearsektor zu sichten. Eine gewaltige Arbeit – vier Millionen Seiten sind zu durchleuchten. Ein Audit, das durch­geführt wird unter der Verantwortung von … Areva. Cyrille Cormier, Nuklear-Experte von Greenpeace, fehlen die Worte: „Wie soll man Areva dabei vertrauen? Zu befürchten ist, dass aus diesem Audit letztlich nur wenige Dinge herauskommen zur realen Natur der Herstel­lungsmängel des Werkes.“

Zweifel sind wirklich angebracht. Im Dezember letzten Jahres ist eine Mannschaft internatio­naler Inspekteure in Le Creusot angereist. Wir haben uns den Bericht der britischen Sicher­heitsbehörde, des Office for Nuclear Regulation (ONR), verschafft (siehe untenfolgenden Link). Er ist verheerend für den französischen Produzenten. Der britische Nuklearexperte Paul Dorfman gesteht ein, dass er „selten ein derart strenges Herangehen der ONR an einen Bericht erlebt hat.“ Man erfährt darin insbesondere, dass den ausländischen Besuchern ins Auge fiel, dass die Areva-Techniker ihre Berichte immer noch mit weißer Korrekturflüssig­keit korrigiert haben. Diese Praxis ist im Nuklearsektor tabu, denn dort ist in jedem Fall die Historie der Modifikationen zwingend erforderlich. Ein Fakt, der weder von den Auditoren von Areva noch von denen der EDF, die zuvor dagewesen waren, registriert wurde. Von den Inspektoren wird insbesondere angezweifelt, dass die Maßnahmen, mit denen das Werk auf den richtigen Weg gebracht werden soll, ausreichend sein werden. Zudem empfehlen sie, dass sich EDF für das Bauvorhaben der beiden EPR von Hinkley Point einen anderen Lieferanten sucht. Eine katastrophale Aussicht für die Creusot-Schmiede. Der damalige Wirtschafts­minister Emmanuel Macron schätzte während eines Besuchs vor Ort im Mai letzten Jahres ein, dass es im Werk zu mehreren hundert Entlassungen kommen würde, sollte man nicht den Zuschlag für dieses britische Projekt bekommen. (Link zum Artikel hierzu)

  • Bericht zur Inspektion bei Creusot Forge durch die britische Sicherheitsbehörde
    Hinweis des Übers.: Auf der Webseite von France Inter können unter der Zwischen­überschrift „Rapport d'inspection de Creusot Forge par l'Autorité de sûreté britan­nique“ der ONR-Bericht (in englischer Sprache) und mehrere offizielle Schreiben eingesehen werden.

Diese Affäre könnte also fatal werden für einen Teil des französischen Nuklearsektors. Insbesondere, weil sie ein Prinzip der Kontrollkette in Frage stellt: In Frankreich ist es der Hersteller, der seine Probleme bekannt gibt, und die Sicherheitsbehörde hofft auf dessen „Ehrlichkeit“. Der stellvertretende ASN-Generaldirektor Julien Collet rechnet damit, dass das Dossier4 zu Creusot Forge die Lage ändern könnte: „Wir haben es mit einem Unter­nehmen zu tun, dessen Logik nicht von Identifikation und Nachvollziehbarkeit bestimmt ist, wie es sein sollte, sondern vom Verbergen von Anomalien, vom Unter-den-Teppich-Kehren. Das wirft in der Tat Fragen auf zur Art und Weise, in der unsere Inspektoren ihre Unter­suchungen durchführen müssen. Unser Arsenal muss vervollständigt werden.“ Die Sicher­heitsbehörde hat keine echten Untersuchungsvollmachten und vor allem – so der Kern­physiker Bernard Laponche, tätig gewesen beim CEA (Kommissariat für Atomenergie und alternative Energien) – fehlt es ihr an Mitteln: „Die ASN muss 58 Reaktoren überwachen, die EPR- und die ITER-Baustellen, die Anlagen für die Erzeugung des Brennstoffes, die Wieder­aufbereitung, die Anreicherung, die gesamte Strahlenmedizin … Das sind fast 400. Angefan­gen mit dem Zeitpunkt, da sich herausgestellt hat, dass dieses ganze deklaratorische System nicht besonders zuverlässig ist, was heißt, dass es viel intensiverer Kontrollen bedarf. Dafür braucht man Leute.“

Eine Frage ist immer noch offen:
Warum hat man die Herstellung des EPR-Druckbehälters einem Hersteller anvertraut, dem die im Nuklearbereich üblichen Standards so fern liegen?
Cyrille Cormier von Greenpeace hat dazu seine Vorstellung: „Man hat diese Entscheidung getroffen vor einem Hintergrund, da die Informationen verschleiert waren. Denn hätte man zu jener Zeit gewusst, dass Creusot Forge nicht in der Lage sein würde, die Bauteile für einen EPR in Flamanville zu fertigen, hätte man möglicherweise die Sinnfrage zum Bau dieses EPR neu stellen müssen. Man war[6] nicht in der Lage gewesen, über einen französischen Hersteller zu verfügen, der fähig war, die Bauteile zu liefern, und möglicherweise wäre das Ziel eines EPR, der ein französisches Produkt werden sollte, in Frage gestellt worden.“
Diese Worte klingen merkwürdig angesichts der uns von EDF gelieferten Erklärung: „Die französische Regierung und EDF teilten 2006 das Interesse, den französischen Industrie­sektor in Frank­reich betriebs­fähig zu erhalten. Mit dem Wiederaufbruch des Kernenergie­sektors, der sich zu jenem Zeitpunkt herauskristallisierte, wünschte EDF, die Produktions­mittel in Frankreich zu stärken, um ihre Fähigkeit zur Realisierung von Industrieprojekten besser auszuprägen.“

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Der Originaltext kann auf der Webseite von France Inter eingesehen werden. Aus dem Origi­nal­text wurden alle Links auf weiterführende Informa­tionen französischer und anderer Webseiten übernommen.

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Der Aufwand, den Deckel eines Reaktordruckbehälters auszutauschen ist erheblich und wird mit der Bestrahlung des Bauteils noch wesentlich größer, wie dieser Erklärfilm des AKW-Betreibers Axpo zeigt.

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[1] Vincent Bolloré hat die Leitung des im Besitz der Familie befindlichen Mischkonzerns Bolloré mit den Geschäftsfeldern Logistik, Papierindustrie, Werbung und Mineralölwirtschaft inne, wurde als Corporate Raider (sog. „Heuschrecke“) als „der am meisten gefürchtete Investor Frankreichs“ charakterisiert. Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Vincent_Bolloré (Anm. d. Übers.)

[2] L'Obs: Wöchentlich erscheinendes französisches Nachrichtenmagazin (früher „France Observateur“, bis 2014 „Le Nouvel Observateur“) Anmerk. d. Übers.

[3] EPR: Abk. für Europäischer Druckwasserreaktor (European Pressurized Water Reactor), neuer „fortschrittlicher“ Reaktortyp, dessen Entwicklung 1989 begann und dessen erster Prototyp in Flamanville seit Dezember 2007 errichtet wird (zusätzlich zu den früher dort gebauten Blöcken 1 und 2). Anmerk. d. Übers.

[4] Im vorliegenden Bericht heißt es im Weiteren „Creusot-Forge-Dossier“, eine nähere Erläuterung wird nicht gegeben. Höchstwahr­scheinlich ist der ONR-Untersuchungsbericht gemeint. Anm. d. Übers.

[5] Aus der untenfolgenden Abb. „Mitteilung über Qualitätsmangel“ wird ersichtlich, dass es um den unteren Mantelschuss des Dampf­erzeugers geht. Anm. d. Übers.

[6]war nicht in der Lage gewesen“ – wörtlich aus dem französischen Original übertragen (n’était pas …), obwohl hier dem Kontext entsprechend „wäre“ stehen müsste. Anm. d. Übers.

14:25 14.03.2018
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