Der Geist der Trump-Milliardäre im Ländle

Energiewende Eine Anti-Windkraft-Salve des US-Präsidenten zeigt verblüffende Ähnlichkeiten zu den immer gleichen Argumentationsversuchen organisierter Windkraftgegner hierzulande.
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Er ist dumm, laut, unberechenbar, selbstgefällig und verlogen. Alle wissen es. Und trotzdem ist jeder Schwachsinn, den er von sich gibt, ein neuer Aufreger, nicht zuletzt, weil es vielen Menschen das gute Gefühl gibt, diesem Kleinkind, gefangen im orangefarbenen Körper eines alten Mannes, in seinen geistigen Fähigkeiten meilenweit voraus zu sein. Eine krude Mischung aus Entsetzen und Faszination lösen seine rhetorischen „Fähigkeiten“ aus.

„… es ist saubere Kohle und wir haben die modernsten Verfahren, aber es ist eine ungeheure Energie, im Sinne dass, … militärisch. Ich denke, dass Kohle unzerstörbar ist. Sie können eine Pipeline in die Luft jagen, Sie können die Windräder in die Luft jagen. Wissen Sie, die Windräder …“ Er zieht eine Grimasse und kreist mit dem Finger in der Luft. „Bom - Bom - Bom – Bom …“ Dann zielt er mit einem imaginären Gewehr: „BING!! Das ist das Ende des Windrads! Wenn die Vögel es nicht vorher töten. Die Vögel können es zuerst töten“. Ohne Atempause werden in der nächsten Volldrehung die Opfer- und Täter-Rollen ins Gegenteil verkehrt. Die Vögel, die gerade noch mit Leichtigkeit die Windräder gekillt haben, sind nun selbst Opfer – und zwar massenhaft: “Sie bringen so viele Vögel um. Wenn Sie unter diese Windräder schauen. Es ist wie ein Schlachtfeld. Diese Vögel. …“ In der sich anschließenden Salve von unfertigen Halbsätzen und abstrusen Assoziationsketten arbeitet Trump die üblichen, mehrfach widerlegten Vorurteile zur Windenergie ab, wie man sie auch immer wieder von den Gegnern der Windkraft im Schwarzwald hört. Nur eines muss man zumindest einigen der hiesigen Windkraftkritiker zu Gute halten: sie äußern sich oft nicht in Ansätzen so stupide, wie es der amerikanische Präsident tut. Für so jemanden schämen sich selbst die eigenen Parteigenossen. Mit so einem möchte man nicht zusammen gesehen werden.

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Trump über "saubere Kohle" und Windkraft im Fox-News-Video

Was hat Trump mit der Windkraft im Schwarzwald zu tun?

Und doch, es gibt Zusammenhänge zwischen den von Trump wiedergekäuten Phrasen und dem organisierten Energiewende-Widerstand in Deutschland. Die Strippen verlaufen von den amerikanischen Öl-, Gas, Kohle- und Chemie-Milliardären über das Heartland-Institute (das Spenden der Industrie einwirbt, um damit die Verbreitung von Zweifeln am Klimawandel zu finanzieren) und CFACT (Commitee for a constructive tomorrow, u. a. von Chrysler, Exxon Mobil, Chevron und den berüchtigten, rechts-libertären Koch Brothers finanziert). Über seinen Ableger in Jena, CFACT Europe, und dessen Ausgründung EIKE e.V., die Speerspitze der deutschen Klimaleugner-Lobby, verlaufen die transatlantischen Verbindungslinien. Die Abkürzung EIKE steht für „Europäisches Institut für Klima und Energie“. Der Begriff „Institut“ ist nicht geschützt, jede Pommesbude dürfte sich auch „Institut für thermisch behandelte Feldfrüchte“ nennen. Unter der Adresse Unstrutweg 2 in Jena gibt es kein Büro, sondern nur ein Klingelschild mit der Aufschrift EIKE e.V., darunter ein Aufkleber zum TvR-Verlag. EIKE-Präsident, Dr. Holger J. Thuß, verdient mit dem TvR (= Thuß & van Riess) -Verlag am Vertrieb von verschwörungstheoretischen Klimaleugner-Büchern. Seine Position in der CDU bezeichnet Thuß als „Karteileiche“. Das Jenaer Postfach 11 01 11 bietet ausreichend Platz für die Post an den TvR-Verlag, an CFACT-Europe und an das EIKE-e.V.-„Institut“. Der Historiker Thuß, der 2005 über "Freiheit und Ordnung" promovierte, wird in den USA als Experte in Umweltfragen bei der weltweit prominentesten, industriefinanzierten Denkfabrik, dem o.g. Heartland Institute unter „who we are“ gelistet, in einer Reihe mit dem Merchant of Doubt von zweifelhaftem Weltruhm, Fred Singer und dem Klimawandel-Skeptiker Dr. Paul K. Driessen. Im Gründungsjahr des TvR-Verlags 2006 erschien ebenda das von Thuß übersetze Buch "Öko-Imperialismus: Grüne Kraft - schwarzer Tod", das 2003 von Driessen verfasst wurde. Driessen gilt laut TvR „weltweit als Experte für das Thema "Öko-Imperialismus" und ist Senior Politikberater von CFACT und CFACT Europe.

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Ein Kessel Buntes zum Energiewende-Bashing aus den TvR Verlag. Ganz am Anfang stand die Übersetzung von „Eco-Imperialism – Green Power, Black Death“ von US-Klimaskeptiker und CFACT-Mitglied Paul K. Driessen.

Zur den fossil-nuklearen Schriften des TvR-Verlags zählt auch das Buch „Strom ist nicht gleich Strom“, in dem EIKE-Vizepräsident Michael Limburg niederschrieb „Warum die Energiewende nicht gelingen kann. Der 78-jährige ist gleichzeitig als Vize im Bundesfachausschuss Energie der AfD Mitgestalter der Energie- und Klimapolitik der Partei. Den Rechtspopulisten gelingt immer wieder die Kunst, sich einerseits gegen die Klimawissenschaft zu positionieren, um so die fossilen Energien schön zu reden und andererseits die Anhänger der Atomkraft lauthals zu unterstützen, die wiederum ihre Lieblingstechnik als Klimaschützer bewerben.

Der größte Feind der alten fossil-nuklearen Energiewirtschaft ist schnell ausgemacht: Es ist die Windkraft, die als Zugpferd der Erneuerbaren Energien sehr bald nach Einführung des Erneuerbaren Energien Gesetzes, EEG, derart hohe Stromproduktionsraten lieferte, dass es die alten Energien empfindlich zu spüren bekamen. So ist es nur folgerichtig, dass die Windkraft zuvorderst bekämpft wird und die Klimaleugner von EIKE eine ganze Litanei von sogenannten „Fakten und Quellen zu Windkraft“ veröffentlichen.

Das Astroturf-Netz der Energiewende-Gegner ist weit verzweigt und knüpft sich immer dichter

Von hier führen die Spuren zu den bundesweiten Anti-Wind-Organisationen „Windwahn“, „Gegenwind“ und dem Lobby-Netzwerk „Vernunftkraft“, das u.a. Anleitungen zu Leserbriefen und Buchempfehlungen gibt – z.B. AfD-Lektüre aus dem TvR-Verlag. Unter dem Stichwort „erste Hilfe“ bekommen Anti-Windkraft-Gruppen und Einzelpersonen Leitlinien zur Verhinderung von Windrädern an die Hand. „Vernunftkraft“ vermittelt Referenten, hat für jedes Bundesland einen eigenen Koordinator und vernetzt über eine interaktive Karte mehrere Hundert (500 bis 900) Anti-Windkraft-Gruppen in Deutschland, die vom Glaubwürdigkeits-Bonus von Bürgerinitiativen, BI’s, profitieren, aus der Zeit, als BI’s noch von unten, aus der Mitte der Bevölkerung entstanden sind. Ein Punkt im äußersten Südwesten der Karte verlinkt zur „Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwaldes e.V.“ - klingt nach Landschaftsschutz, ist aber (gemäß Satzung) ausschließlich Windkraft-Verhinderung mit integriertem Kanal für steuerlich absetzbare Spenden. Aus Vereinsdokumenten wird ersichtlich, dass man nach dem Schlüssel suche, wie Windräder zu verhindern sind „… dann wären wir am Ziel und könnten die Auflösung des Vereins beschließen

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Verwirrende Gemengelage: es ist für Unbedarfte kaum zu durchschauen, wie verstrickt das Netzwerk ist, deren Strippenzieher das positive Image der Energiewende in Deutschland zerstören möchten und an dessen untersten Enden Menschen eingebunden sind, die oft gar nicht wissen, für wen sie sich aufreiben und streiten.

Vom Schwarzwald-Hauptquartier in St. Märgen werden 16 Untergruppen zentral koordiniert, im Prinzip so, wie es der Windkraftgegner und Tunnelbohr-Gigant Martin Herrenknecht gedanklich organisiert hat: “ … mit einer schlagkräftigen Bürgerbewegung über die Energiewende generell diskutieren und etwas gegen diesen [Windkraft-] Wahnsinn erreichen ...“. Sehr rational gedacht, so kann jede neue BI die immer gleichen Referenten für ihre Zwecke aufs Podium stellen, dieselben Argumentationsleitfäden nutzen, denselben Landschaftsarchitekten für erschreckende Fotomontagen beauftragen, denselben Infraschall-Betroffenen als Überraschungsgast auf immer andere Bühnen bitten, denselben Zahnarzt als Infraschall-Experten.

Es ist kaum zu vermuten, dass die braven Bürger im Ländle wissen, vor wessen Karren sie sich spannen lassen, in dem Moment, da sie sich erschrecken lassen von all den gruseligen Mythen, die sich um die Windkraft ranken. Wenn der Puls erst mal steigt, bei der Vorstellung, ein Windrad sei gefährlicher als Autoabgase, Pestizide, Mobilfunk oder eine radioaktive Wolke, verliert man die großen Zusammenhänge unter Umständen aus dem Blick. Es springt einem ja auch nicht direkt ins Auge, dass es neben den einheimischen Partikularinteressen auch die milliardenschwere amerikanische Öl-, Gas-, Kohle- und Atom-Industrie gibt, die nach Fukushima mit schreckgeweiteten Augen auf eine florierende Erneuerbare-Energie-Wirtschaft mit beneidenswerter Akzeptanz in Energiewende-Deutschland starrte. Nun also finden sich selbst ehemalige Anti-Wyhl-Demonstranten und ehemalige Befürworter der Energiewende in den Reihen immer neuer Anti-Windkraftgruppen wieder; Zur Freude derer, die das Potenzial für bürgerschaftliches Engagement gegen die schmutzige, fossil-nukleare Energiewirtschaft gerne geschwächt sehen: wer sich um Windkraft kümmert hat keine Kapazitäten mehr für Fessenheim oder die Klimakrisen-Region Oberrhein frei.

Energiewende-Germany - der perfekte Albtraum

Für die US-Lobby und ihre Merchants of Doubt muss es der perfekte Albtraum gewesen sein, was sich zu EEG-Boom-Zeiten in Germany tat: ein Industrieland verabschiedet sich von der Atomkraft, ohne dafür mehr Kohlestrom zu brauchen. Die Erneuerbaren Energien entwickeln sich zu einem Jobmotor, die Preise für Solarmodule und Windkraftanlagen rauschen in den Keller. Über 100 Länder führten eine Einspeisevergütung nach deutschem EEG-Vorbild ein. Internationale Fernsehteams traten sich an den Vorzeigeorten der Energiewende gegenseitig auf die Füße. Delegationen aus aller Herren Länder pilgerten nach Energy-Germany und klopfen den Energiewende-Aktiven auf die Schultern: “Hey you guys in Germany do a really great job!“ Das war für einige ein ganz neues Gefühl, mal kollektiv als „Ihr Deutschen“ Zuspruch aus der ganzen Welt zu erfahren.

Für Strategen, die seit Jahren im Dienste der fossilen Lobby einen ganzen Kontinent auf Kurs halten, die den Menschen dort mit milliardenschweren Desinformations-Kampagnen einbläuen, dass die gesamte Elite der Klimawissenschaftler Unsinn verzapfe und es einen Klimawandel nicht gäbe (obgleich ihre eigenen Forscher diesen bereits seit den 1950er Jahren untersuchen, u.a. um die Verankerung von Ölpipelines im mehr oder weniger gefrorenen Boden berechnen und die Wahrscheinlichkeit einer Nordmeerpassage ausloten zu können), müssen sich die Entwicklungen in Germany wie ein hochinfektiöser Virus angefühlt haben, den es mit allen Mitteln zu unterdrücken gilt. Wenn Germany einknickt, ist die schlimmste Gefahr durch die Energiewende gebannt.

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TV-Tipp: Das ARD-Magazin Monitor hat zu den transatlantischen Anti-Energiewende-Connections am 16.8.2018 einen sehenswerten Beitrag gezeigt. Link zur Mediathek: https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/klimawandel-140.html

14:06 26.08.2018
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