Fessenheim: Vogelhäuschen am AKW-Standort

Atom-Verquickung: Während in Fessenheim Block 2 hochfährt, werfen neue Probleme in Flamanville lange Schatten bis an die deutsch-französische Grenze.
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Die Börse reagierte mit Verlusten bei der EdF-Aktie. Am Dienstag, 10.4.2018, gab der Energiekonzern bekannt, dass die Prüfungen der Qualitätsmängel voraussichtlich Ende Mai abgeschlossen seien.

Diesmal sind es etwa 150 Schweißnähte, deren minderwertige Qualität vom Chef der Atomaufsicht ASN, Pierre-Franck Chevet, als „ernst“ bezeichnet werden. Sie betreffen die Rohre des Sekundärkreislaufs, der die Dampferzeuger mit der Turbine verbindet. Im Gegensatz zu den Aussagen des Betreibers EdF können diese Probleme nach Einschätzung der Kontrollbehörde den sensiblen Zeitplan des EPR durchaus nochmal erschüttern. Mit weitreichenden Konsequenzen.

Der Zeitplan für die ursprünglich anvisierte Fertigstellung 2012 ist durch regelrechte Pfusch-Kaskaden völlig aus dem Ruder gelaufen. Mal ging es um minderwertigen Beton, mal um die Stahlarmierung. Der vorläufige dramatische Höhepunkt war mit dem Auffliegen der Fehlschmieden am hochsensiblen Reaktordruckbehälter erreicht. Sowohl der Deckel als auch der Boden entsprechen nicht den Sicherheitsnormen, die im Nuklearbereich gefordert sind. Dieses Problem wurde - auf dem Papier – gelöst: der Deckel soll nach 6-jähriger Hitze-, Druck- und Strahlungsbelastung getauscht werden, der gleichermaßen minderwertige Boden kann aus technischen Gründen nicht getauscht werden, somit kann ein möglicher Bruch auch nur auf dem Papier verhindert werden.

Die exorbitante Kostenexplosion – von ursprünglich rund 3 Mrd. € auf zwischenzeitlich 10,5 Mrd. € (ohne Bauzinsen) könnte durch die Schweißnaht-Kapriolen weiter befeuert werden, gibt auch EdF zu. Kein guter Zeitpunkt, da EdF-Außendienstler Macron erst kürzlich von einer EPR-Werbetour zurückkam. Die Atommacht Indien (Atomwaffensperrvertrags-Nichtunterzeichner) zeigt Interesse an dem fragwürdigen Produkt.

Um den zuletzt aktualisierten Zeitplan – Brennstoffbeladung bis Ende 4. Quartal 2018, kommerzielle Inbetriebnahme im Laufe des Jahres 2019 – muss EdF hoch pokern, denn es steht viel auf dem Spiel. Wenn es nicht gelingt, den EPR Flamanville bis Dezember 2020 vollständig in Betrieb zu nehmen, sowie über eine Probezeit hinaus auslegungsgemäß Strom zu erzeugen, rollt auf EdF und die Co-Investoren am britischen EPR-Standort Hinkley Point eine Kostenlawine zu. Ein Gutachten bestätigt: “Wenn diese Grundbedingung in Flamanville nicht erfüllt werden kann, wird bei wegfallender britischer Kreditgarantie die Inanspruchnahme der Geldmittel vollständig auf EdF und seine Co-Investoren entfallen.“ Auf diese Weise gefährdet der EPR nicht nur die Finanzstabilität des Staatskonzerns EdF, sondern auch den tendenziell löchrigen französischen Staatshaushalt.

Um die Dezember-2020-Marke nicht zu reißen, hat EdF es geschickt – aber moralisch fragwürdig – angestellt und die Schließung des grenznahen Atom-Zankapfels Fessenheim an den Start vom EPR Flamanville gekoppelt. Durch ständiges Wiederholen wird dem Publikum suggeriert, die Schließung der alten Reaktoren erfordere den Start des neuen AKW. Dies ist mitnichten der Fall. Im Gegenteil, das französische Energiewendegesetz von 2015 sieht eine Deckelung der Atomkapazitäten bei 63,2 GW vor, aber kein Ausreizen dieser 63,2 GW. Der von EdF propagierte Atomtausch widerspricht dem Geist des Energiewendegesetzes, aber EdF will die politische Verquickung aus taktischen Erwägungen zementieren: alle im Staat Verantwortlichen, die das Reizthema Fessenheim lieber heute als morgen ad acta legen möchten, sollten bei jedem noch so großen Skandal in Flamanville bereitwillig beide Augen fest verschließen, wenn doch nur endlich bald Ruhe wäre in Fessenheim.

Und die politische Kopplung hat handfeste monetäre Vorteile für den Stromkonzern. Wer aus politischen Gründen einen funktionierenden Reaktor stilllegen muss, bekommt dafür eine Entschädigung. Bei zwei Reaktoren winkt die doppelte Summe. Also gilt es zu beweisen, dass beide Reaktoren „funktionstüchtig“ sind. So erklärt sich, dass der hochumstrittene Fessenheimer Block 2 noch einmal kurz vor dem automatischen Verfall der Betriebsgenehmigung – nach 2-jährigem Stillstand – vom Totenbett auferstehen muss. Der Skandal um den hochumstrittenen Fessenheimer Dampferzeuger ist längst noch nicht erledigt. Derzeit werden rund 100 Mitarbeiter der „Höllenschmiede“ Creusot von der Zentralstelle zur Bekämpfung von Vergehen gegen die Umwelt und die öffentliche Gesundheit OCLAESP verhört.

Nach unzähligen Neuankündigungen und Neunfacher Verschiebung des derzeit anlaufenden Neustarts gibt sich der Staatskonzern zugeknöpft. Wie sollte man dieses energetisch unsinnige Unterfangen – jetzt, da die winterkalte Importsaison gerade vorüber ist – auch plausibel erklären? Die Badische Zeitung berichtet von drei kleineren Zwischenfällen während der ersten gescheiterten Anfahrversuche Anfang April: Fehlfunktion eines Messgeräts für die Reaktorleistung (INES 1), Brandgeruch in einem Nebengebäude mit ungeklärter Ursache und einer nicht näher erklärten dritten Störung.

Bei EdF sucht man vergebens. Wer nicht weiß, dass die Störfälle tatsächlich völlig unübersichtlich zwischen irgendwelchen Greenwash-Meldungen unter „Actualités“ eingereiht werden, sucht zwischen den blumigen Frauen-in-der-Atomkraft- und Kinder-Sport-Meldungen auch nicht danach. Ganz oben steht im Moment noch die bahnbrechende Meldung, dass ein Ökologe drei Tage auf dem Gelände unterwegs war, um festzustellen, dass die Vogelhäuschen gut angenommen wurden und dass es der Mauereidechse auf der Trockenmauer gut geht. Süßer kann man seine Geringschätzung gegenüber den europäischen Nachbarn kaum ausdrücken.

Eingebetteter Medieninhalt

Prioritäten: EdF erzürnt Anwohner und berichtet über Vogelhäuschen

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unmoralische Verquickung: Atomtausch Fessenheim-Flamanville konterkariert Wortlaut und Ziele des frz. Energiewendegesetzes vom 17.8.2015 (video: französisch mit deutschen Untertiteln)

15:51 10.04.2018
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