Mit Taschenspielertricks Kopfkino erzeugen

Irreführend - IAEA jongliert mit Zahlen, um Atomkraft eine gefühlte Wichtigkeit mit auf den Weg durch die Medien-Landschaft zu geben.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“ Mark Twain kannte zwar weder Lobby-Organisationen im Allgemeinen, noch die Internationale Atom-Energie Agentur IAEA im Besonderen, doch beschrieb er mit seinem berühmten Satz ziemlich genau das, was sich in der letzten Oktoberwoche zutrug. Inmitten von Klima- und Corona-Krise fliegt der IAEA-Chef diensteifrig um den Globus, weil seiner Hochrisiko-Zunft einerseits das Virus zu schaffen macht. Andererseits ist der Handlungsreisende mit der skurrilen Mission unterwegs, die Atomkraft als Klimaretter zu promoten. Seine aktuelle (Flug- ?) Reise führte ihn von Wien nach Berlin. Er hielt den Zeitpunkt für gut, den Deutschen noch mal zu erklären, dass diese - zusammen mit 164 Nationen die ebenfalls keine Atomkraft nutzen - einen vermeintlichen Sonderweg gehen.

Bevor er am Montag Außenminister Maas seine nukleozentrische Weltsicht darlegen durfte, gab er der Deutschen Presseagentur DPA einen Schwung Halb- und Unwahrheiten mit, welche noch vor ihm über die Landesgrenzen kamen und sich in rasender Geschwindigkeit im Blätterwald ausbreiteten.

Ohne Atomkraft sind Klimaziele unerreichbar“ copy-pastete der Deutschlandfunk die Behauptung der Atom-Lobbyisten noch am Sonntag Abend.

„Absoluter Quatsch!“ ärgerte sich Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Technischen Hochschule Regensburg.Wir haben regional, national und global ausreichend erneuerbare Energiequellen, die zudem noch wesentlich günstiger und sicherer sind als Atomenergie und keinen Atommüll hinterlassen.“ Zahlreiche Studien lassen diesen Schluss zu.

Als IAEA-Chef Grossi in Berlin ankam, hatte eine Aussage aus dem IAEA-dpa-Text quasi schon die erste Erdumrundung hinter sich, die aus der Feder eines besonders gerissenen Strategen stammt: „Es sei eine empirische (= auf Erfahrung beruhende) Tatsache, dass ein Drittel der sauberen Energie aus nuklearen Quellen stamme“. Klingt beeindruckend, ist aber falsch. Egal, wie man es dreht.

Eingebetteter Medieninhalt

Faktencheck:

Der Anteil der Atomkraft am weltweiten Strom-Bedarf beträgt derzeit 10%, schon das ist weit weg von den 33%, die einem Drittel entsprechen. Beim Primärenergie-Bedarf liegt der atomare Anteil global bei 4%; Neben dem Energieträger Uran wird auch Kohle und Öl betrachtet, es kommen also noch die Energieträger mit ins Spiel, die Fahrzeuge antreiben oder Wärme liefern. Noch mickriger sieht‘s bei der Betrachtung der Endenergie aus, diese Kenngröße berücksichtigt zusätzlich noch die Umwandlungsverluste. Von der im Uran enthaltenen Energie kommt nur ein Bruchteil als elektrische Energie an der Steckdose an, zwei Drittel werden als Abwärme weggeworfen. D.h. mit rund 1,4% des weltweiten Endenergie-Bedarfs ist die Atomkraft eine echte Nischentechnologie, allerdings mit einer bemerkenswert starken Lobby.

Trickreich rechnen und großzügig aufrunden

Wie um alles in der Welt kommen denn nun die pfiffigen Spindoktoren auf ihr „Drittel“? Ein Drittel von was? Hier liegt folgender Rechentrick zugrunde: Man betrachtet die 4 % Primärenergie und fasst sie mit 11% Erneuerbaren als „saubere“ Energie zusammen. Grad so als würde sich - sagen wir mal - Harvey Weinstein mit je einer jungen Schönheit im Arm, und irgendwas von „wir drei Hübschen“ schwadronierend, Kameras und Publikum anbiedern. Richtig, Erneuerbare und Atomkraft sind nicht „wir Hübschen“. Rechnen wir trotzdem kühl nach: 11% Erneuerbare plus 4% Atomkraft sind 15%. Ein Drittel von „wir Hübschen“ wäre 5% und nicht 4%. Der Lobbyist rundet ebenso nonchalant wie großzügig, fertig ist die Halb-Lüge. „Halbwahrheit“ ist ein Wort, das dieser gezielten Irreführung schon nicht mehr gerecht wird. Die Furcht darüber, dass man sich mit wahrheitswidrige Aussagen oder falschen oder irreführenden Zahlen angreifbar macht, scheint in der IAEA keine Rolle zu spielen. Ein Blick in die PR-Trickkiste lässt erahnen, woher selbst bei heftigsten Fehltritten eine irritierende Siegesgewissheit kommen könnte.

PR- und Nachrichten-Agentur machen gemeinsame Sache

Die PR-Agentur Scholz & Friends, S&F, nach eigenen Angaben eine der "meistausgezeichneten Kreativ-Agenturen in Europa“ hat mit der DPA, „Deutschlands größter Nachrichten Agentur mit einem Korrespondentennetzwerk in 80 Ländern“, eine Kooperationspartnerschaft. Das ist harter Tobak, S&F ist in der Energieszene nicht unbekannt. Bei Scholz & Friends wurde die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM erfunden und aus der Taufe gehoben. Hierüber werden Kampagnen gegen die Energiewende gefahren. Das Partnerprojekt von dpa und S&F, „Scholz & Friends Publishing“ erklärt in einem Imagefilm: “Wer seine Zielgruppen effizient erreichen will, muss neue Wege einschlagen.“ Wer von Nachrichtenagenturen Qualitätsjournalismus erwartet und keine Unternehmensinhalte – neudeutsch: „Corporate Content“ – dem läuft es bei dem 5-minütigen Promotions-Video kalt den Rücken runter. Was Zeitungsleser*innen für Nachrichten halten, kann durchaus die angebotene "Orchestrierung Ihrer Publishing-Angebote über alle Kanäle" sein, die „in verlässlicher DPA-Qualität“ und mit der „Kreativität der PR-Agentur in Konzeption und Gestaltung“ in Zeitungen oder Nachrichtensendungen aufgetischt werden.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Imagefilm zum gemeinsames Corporate-Publishing-Angebot von Scholz & Friends und Deutsche Presse-Agentur wurde kurz nachVeröffentlichung dieses Blogbeitags gesperrt

....

Um es klar zu sagen: es gibt keinen Beleg dafür, dass im konkreten Fall der aufgeblasenen Bedeutung der Atomenergie das oben angesprochene S&F/DPA-Partnerprojekt dafür verantwortlich ist, dass der Pro-atomare Spin sich in rasender Geschwindigkeit über dutzende Medien verbreitet hat. Doch es ist besorgniserregend, dass in reichweitenstarken Medien wie Deutschlandfunk, FAZ, SZ, ZDF, Stern, Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Börse Online, der Agentur Reuters ebenso wie in zahlreichen Lokal- und Regional-Zeitungen das journalistische Zwei- oder Mehr-Quellen-Prinzip keine Bedeutung hat und stattdessen ungeprüft die halbseidenen und falschen Behauptungen der Atomlobby-Organisation IAEO verbreitet werden.

Eingebetteter Medieninhalt

Screenshot: Scholz & Frieds betreut Kunden wie, RWE (die neue RWE), FAZ (Dahinter steckt immer ein kluger Kopf), NZZ (Meinungsbildung zum Anschauen) die Europäische Kommission (Klimaschutzkampagne), das Bundesverkehrsministerium (Looks like shit), RWE-Tochter Innogy (Restart), Bundesgesundheitsministerium (#WirBleibenZuHause) Siemens, Mercedes, MAN, Aldi u.v.m.

12:04 27.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare