Nucleoporose in Altmeilern

Doel, Tihange, Fessenheim - Leise, schleichend und unbemerkt wie eine Osteoporose. Und schlimmer als ein Beinbruch. Ruckartige Veränderungen können zum „überraschenden“ Durchbruch führen.
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Es klingt wie eine Sensation: Der französische Reaktorbauer Framatome hat ein „wissenschaftlich-technisches System entwickelt, um mögliche Veränderungen bei Rissen verfolgen zu können.“ Es geht um Risse in sicherheitsrelevanten Großkomponenten in AKW. In Fessenheim, Doel und Tihange sorgen Materialfehler immer wieder für Schlagzeilen. „Wir sind dabei, einen Roboter zu entwickeln, der die Reparaturen vornehmen soll“ so die vollmundige Ankündigung des Nukleargiganten, der darüber hinaus prahlte: „Theoretisch haben wir beide Probleme gelöst, das Erkennen der Risse und die Reparatur“ um dann mit dem satirischen Sahnehäubchen zu schließen: „Was bis heute nicht gelöst ist, das ist die Frage, wie dieser Roboter gebaut werden soll. Aber wir haben ja noch sechs bis acht Jahre Zeit. Wir werden bestimmt früher fertig sein. Wir haben überhaupt starke Zweifel, daß wir die Roboter je benutzen müssen. Wir werden sie aber gerne unseren Kollegen überall in der Welt zur Verfügung stellen, die vielleicht ähnliche Probleme haben werden.“ Obgleich dieses ungewollt-humoristische Feuerwerk schon fast 40 Jahre alt ist, hat es offenbar nichts an Aktualität verloren.

1979 – ein besonderer Riss-Jahrgang

Um die Risse, die in den Reaktordruckbehältern der belgischen Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 im Jahre 2012 für internationale Schlagzeilen sorgten, hätte sich mit den fiktiven Wunder-Robotern von Framatome nicht der aktuelle Expertenstreit entfachen müssen, sondern es hätte zweifelsfrei geklärt werden können, ob die Risse nun gewachsen sind oder nicht. Stattdessen bekommt man den Eindruck, daß Wachstum oder Stillstand der Risse weitgehend von den Personen abhängen, die sie betrachten und begutachten. 2012 wurden die beiden Blöcke von der Atomaufsicht FANC unter Willy de Roovere bis auf Weiteres stillgelegt. Man habe „die Mikrorisse nur dank modernster Technik aufspüren können, behauptete der FANC-Direktor seinerzeit gegenüber der Zeitung de Morgen. Diese Falschaussage widerlegte die Zeitung mit dem Beleg aus dem eigenen Archiv: De Roovere hatte 1979 im Auftrag von Electrabel den Bau und die Inbetriebnahme des Reaktors Doel 3 geleitet, als dieser wegen eben dieser Risse in die Schlagzeilen geriet. Was veranlasste ihn erst 2012 - also 33 Jahre später - eine weltweite Warnung zu rissigem Reaktorstahl auszusprechen? War es Gedächtnisschwund oder der fragwürdige Drehtür-Wechsel vom AKW-Betreiber zur Atomaufsicht FANC?

Die Atomaufsicht – ein Misthaufen ohne Datenbank

Der unabhängige Atomexperte Mycle Schneider forderte de Roovere zum Rücktritt auf. Die FANC müsse „doch zumindest eine Datenbank aller Inspektionsberichte anlegen mit allen entdeckten Rissen in den Reaktordruckbehältern aller AKW.“ Anfang 2013 begab sich der 67-jährige Belgier tatsächlich auf die Suche nach einer neuen Führungsaufgabeund ein weiterer Electrabel-Kollege aus Doel wechselte durch die Drehtür an die Spitze der Atomaufsicht. Deren desaströses Image beschrieb die Süddeutsche mit den Worten „Wie auf dem Misthaufen“. Der neue Leiter, Jan Bens, ließ die Bröckelreaktoren im Juni 2013 wieder anfahren. Zum Verdruss des umstrittenen Atomaufsehers stellte der Werkstoffexperte Prof. Walter Bogaerts von der Katholischen Universität Leuwen in einem Gutachten 2015 fest, daß Größe und Anzahl der Risse zunehmen.

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13.4.2018, INRAG-Atomsicherheitsexperten-Konferenz: Prof. Walter Bogaerts demonstriert die Kraft des Wasserstoffs in Stahl

Der renommierte Professor vermutet als Ursache radiolytischen bzw. elektrolytischen Wasserstoff, ein äußerst diffusionsfreudiges Gas, welches also bei den kerntechnischen Prozessen innerhalb des Druckbehälters entsteht und in die Stahlwand eindringt. Bogaerts kritisierte im April 2018 auf der INRAG-Atomsicherheitsexperten-Konferenz den harmlos klingenden Begriff „Wasserstoff-Flocken“, da es sich tatsächlich um „Wasserstoff-induzierte Sprödbrüche“ handelt, die sich durch weiteren Wasserstoff ausdehnen und reichte zur Anschauung ein mehrere Zentimeter starkes Stahl-Werkstück herum, in das der Wasserstoff einen durchgehenden Spalt gesprengt hat. Atomaufseher Bens, der die Reaktoren schon 2013 für „101-prozentig sicher“ erklärte, hielt auch 2017 an dieser Einschätzung fest, obwohl und nachdem ein weiteres Gutachten der KU Leuwen zeigen konnte, daß die Risse wachsen.

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Die Rissverteilung über die Wandtiefe (20 cm) zweier Schmiederinge (upper shell/ lower shell) des Reaktordruckbehälters RDB von Doel 3 stützt die Hypothese, daß Wasserstoff aus dem Innern des Reaktors in die Stahlwand eindringt. Quelle: R. Boonen, J. Peirs, Critical reflections about the integrity of the reactor vessels of the Doel 3 and Tihange 2 nuclear power plants.

„Sie können mit einem Glas Bier keinen Eimer füllen“

Der Wissenschaftler Prof. René Boonen legte dar, daß mit der Hypothese von Electrabel, die besagt, daß Anzahl und Größe der Risse seit der Herstellung unverändert wären, „maximal 1.000 bis 1.500 Risse erklärt werden können. Aber daß die zusätzlichen 10.000 Risse bei der Herstellung des Reaktordruckbehälters entstanden sein sollen, das ist unmöglich.“ Anhand von Material-spezifischen Daten über den gesamten Herstellungsprozess belegte er, daß die Menge an Wasserstoff, die bei der Herstellung in den Stahl gelangen konnte, nicht ausreicht, um ein derart großes Volumen an Anomalie-Hohlräumen zu füllen:Sie können auch mit einem Glas Bier keinen Eimer füllen.“ Darüber hinaus gab selbst die belgische Atomaufsicht FANC an:Die Anzahl der gemeldeten Anzeigen (2014) ist erheblich höher als im Jahr 2012“, führte dies aber auf die Messmethoden zurück. Dipl.-Ing. Simone Mohr, Nukleartechnik- und Anlagensicherheits-Forscherin am Ökoinstitut erweiterte die Zeitreihe: "Auch die Reinspektionen von 2016 (Doel 3) und 2017 (Tihange): ergaben mehr als 300 zusätzliche Rissanzeigen in Doel 3 und mehr als 70 in Tihange 2."

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13.4.2018, INRAG-Atomsicherheitsexperten-Konferenz: Prof. René Boonen zeigt gestiegene Risszahlen (2012/2014) in Schmiederingen des Reaktordruckbehälters von Doel 3.

Der Atomsicherheitsexperte Prof. Wolfgang Renneberg legte während der INRAG-Atomsicherheitsexperten-Konferenz den Finger in die Wunde: “Wenn die Auffassung der FANC richtig wäre, daß die Risse Herstellungs-bedingt wären, hätten sie in der Genehmigungs-Dokumentation auftauchen müssen. Diesen Nachweis kann die FANC nicht bringen. Die Herstellungsdokumente sind auf wundersame Weise verschwunden und es gibt keine lückenlose Dokumentation der Riss-Entwicklung. „Dies begründet den Verdacht, daß die Dokumentationen über diese Risse vom Betreiber/Hersteller unterdrückt worden sind. Alleine diese Tatsache müsste zur vorläufigen Einstellung des Betriebs der Anlage führen“ urteilt Renneberg, einst Deutschlands oberster Atomaufseher.

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13.4.2018, INRAG-Atomsicherheitsexperten-Konferenz: Prof. Wolfgang Renneberg analysiert die Widersprüche, in die sich die belgische Atomaufsicht FANC verstrickt hat, um die Riss-Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 vor dem Aus zu bewahren. Aus vielen Parallelen zu Fessenheim lässt sich Relevantes fürs Dreiländereck D-F-CH ableiten.

Vorwärmen auf 45°C, um zu kühlen

Stattdessen versucht Electrabel das schlimmste zu verhindern, indem man das Notkühl(!)Wasser bis auf 45°C vorwärmt. So will man im Falle einer Notkühlung das Thermoschock-Risiko eingrenzen. "Wenn man nicht mehr sicher ist, dass der Reaktordruckbehälter das normal temperierte Notkühlwasser aushält, dann ist das allein schon ein Alarmsignal " bewertet Renneberg die inzwischen bei einigen Altmeilern (Fessenheim 2, Doel 1-3, Dukovany 1-4, Temelin 1,2) gebräuchliche Praxis. "Bei solch einer Maßnahme sträubt sich wirklich alles in mir. Das geht an die Substanz."

Gegenüber den INRAG-Atomsicherheitsexperten brachte er es auf den Punkt: „Die Frage, wann die Risse entstanden sind, ist eine Kernfrage für den Weiterbetrieb“. Um die Blöcke weiterlaufen zu lassen, musste also – aus Sicht des Betreibers - eine Expertise her, die ihm bestätigt, daß die Risse immer schon da wären und nach 40 Jahren unter hohem Druck, hohen Temperaturen, Neutronenbeschuss und permanenter Wasserstoffbildung unverändert wären. Eine solche Expertise hat nun ausgerechnet die deutsche Reaktor-Sicherheitskommission (RSK), welche die Bundesregierung berät, im Mai 2018 geliefert. Hier beißt sich die Katze abermals in den Schwanz, da die Bundesregierung im Juli 2017 befand, aus ihrer Sicht „sind Schmiederinge, bei denen solche Anzeigen bei der Fertigung (wie bei Tihange 2/ Doel 3) festgestellt werden, bereits bei der Fertigung zu verwerfen. Das RSK-Gutachten, welches herstellungsbedingte Risse für „nachvollziehbar und plausibel“ hält, hat einen weiteren faden Beigeschmack, denn zwei Mitarbeiter des Atomkonzerns Framatome saßen in dem Ausschuss, der eben dieses Gutachten ausgearbeitet hatte. Das französische Unternehmen war am Bau der belgischen Reaktoren beteiligt - und damit möglicherweise auch an allen Ungereimtheiten bis hin zum Verschwinden der Herstellungs-Dokumente. Über seine deutsche Brennelement-Filiale in Lingen hat es wirtschaftliche Interessen am Weiterbetrieb der umstrittenen Meiler.

Risse in den 1970-ern nachgewiesen

Neben dem vorgewärmten Notkühlwasser gibt es eine weitere bemerkenswerte Parallele zu Fessenheim: Auch dort wurden vor der Inbetriebnahme Anomalien im Herzstück gefunden. Mit bloßem Auge fanden Framatome-Ingenieure Risse an den Auslass-Stutzen (hot leg nozzles), also den am stärksten belasteten Komponenten, auf denen das gesamte Gewicht des Reaktorkerns ruht. So berichtete es der Framatome-Sicherheitsexperte Shoja Etemad 1979 gegenüber dem WDR-Magazin Monitor (https://www.youtube.com/watch?v=RRold92Syr0&t=335s).

Das Osteoporose-Prinzip - leise, schleichend und unbemerkt

Der illusorische Framatome-Wunder-Roboter ist offenbar Fiktion geblieben, eine Dokumentation zur Entwicklung dieser Risse, geschweige denn einer Reparatur, ist nicht in Sicht. Man könnte also – nach belgischer Logik - auf die verrückte Idee kommen, daß die seit 40 Jahren bekannten Risse, die bisher schließlich nicht zum Durchbruch führten, ein Sicherheitsgarant für die AKW wären - frei nach dem rheinischen Grundgesetz: „Et hätt noch emmer joot jejange– was gestern gehalten hat, hält auch morgen noch. Sollten jedoch die Druckbehälter nach dem Osteoporose-Prinzip - leise, schleichend und unbemerkt - verspröden, dann merken wir es erst, wenn es zu spät ist und es kracht. Vieles deutet darauf hin, daß die „Nucleoporose“ in den Fessenheimer Reaktordruckbehältern weiterhin Zeit bekommt, um sich unbemerkt auszudehnen. Am 25. Juli gab EDF offiziell eine weitere Verzögerung der Inbetriebnahme von Flamanville auf Ende 2019 / Anfang 2020 (nebst Baukostensteigerung auf nunmehr 10,9 Mrd €) bekannt. Reflexartig gab die französische Regierung die Zügel aus der Hand und kündigte weitere Verzögerungen bei der Stilllegung von Fessenheim an. Es lohnt sich also, doch noch mal nachzufragen, wie sich die Risse Jahrgang 1979 in Fessenheim entwickeln. Solange es der EdF gelingt, die gesetzlich festgelegte Atom-Obergrenze von 63,2 GW zum Bestandsschutz für Fessenheim umzufunktionieren, kann die Nucleoporose weiter voranschreiten, d.h. es können noch mehr und / oder größere Risse hinzukommen.

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weiterführende Informationen:

Das Phantom der Atomkopplung

https://www.freitag.de/autoren/evastegen/das-phantom-der-atomkopplung

17:19 26.07.2018
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