Weihnachten ohne Atom – reizende Koinzidenz

Euroreaktor, EPR: Ein Anti-Atom-Ohrwurm von 2007 wird dieses Jahr Weihnachten brandaktuell, wegen der peinlichen Fehleinschätzung eines Nukleargiganten.
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Zehn Jahre ist es her, dass der EU- Energie-Experte Martin Unfried, sich in seiner Ökosex-Kolumne von seiner musikalisch-komischen Seite zeigte und auf youtube seine Jingle-Bell-Trash-Alternative, den Ohrwurm „Weihnachten ohne Atom“ veröffentlichte. Weil ebenfalls vor zehn Jahren ein Energieriese hochfliegende Hirngespinste verbreitete, die genau zu Weihnachten 2017 einen harten Aufprall in der Realität erfahren, provoziert diese Koinzidenz eine gewisse Häme.

Die UK-Tochter des französischen Atomgiganten EdF ließ 2007 verbreiten, dass – dank des ersten Reaktor-Neubaus nach Tschernobyl im britischen Hinkley Point – zu Weihnachten der Christmas Turkey mit Atomstrom gebrutzelt werden würde. „Der Braten in der Röhre duftet nach Rosmarin, nach Thymian und Starkstrom und muss noch kräftig ziehen …“ – das klingt, als hätte Eurosolarpreisträger Unfried das Spottlied extra zur Stunde der Wahrheit anno 2017 komponiert. Doch auf der Insel wird, mit der PR-Begleitmusik vom vermeintlich „Klima-freundlichen Atomstrom“, gerade erst CO2-intensiv Kubikmeter-weise Beton ins Erdreich gekübelt. Die schweren Baumaschinen werden wohl noch einige Jahre den Küstenboden erschüttern, falls nicht vorher irgendein kluger Mensch die Reißleine zieht.

Am ersten Advent „feiert“ übrigens der baugleiche Reaktorflop, der EPR in Flamanville, schon 10 Jahre Baustelle. Jubilare! Wie viele Sektkorken könnte man mit dem Atom-Baustellen-verursachten CO2 wohl knallen lassen? Im finnischen Olkiluoto wird das EPR-Fiasko-Experiment sogar bereits im 12ten Jahr statistisch abgesichert, in Taishan (China) bestätigt man seit 8 Jahren die Hypothese des Atomingenieurs Tony Roulstone: “Das EPR-Design ist nicht konstruierbar“. Die statistische Kontrollgruppe, also die Anzahl der bereits funktionierenden EPR-Reaktoren, beträgt seit 1992, seit Kohl und Mitterand das damals noch französisch-deutsche Projekt (Framatome/Siemens) auf den Weg brachten, glatt Null.

Selbst die aufgegebenen EPR Projekte waren nicht alle CO2-neutral. Für Calverts Cliff, einen der 6 in den USA geplanten EPR, durchlief ein stählerner Gussblock die Hitze der skandalumwitterten Betriebe in Le Creusot - Gießerei, Schmiede, Umformtechnik – um schließlich als Beweisstück von mangelhaften Großkomponenten für die französischen Atomaufsicht zu enden.

Der EPR sollte eine Atomrenaissance einläuten

200 Reaktoren der dritten Generation (EPR) werde Areva verkaufen, so schwor man 2006 die Creusot-Mitarbeiter und Gewerkschafter, Powerpoint-gestützt, auf die „weltweite Atom-Renaissance“ ein. Der Präsident persönlich, Nicolas Sarkozy, ging als atomarer Handlungsreisender auf Achse; Das konnte sowohl die „des Guten“ als auch die „Achse des Bösen“ sein: Algerien, Marokko und auch der libysche Diktator Gaddafi empfingen ihn, um die bombensichere Atomtechnik ins sonnenverwöhnte Land zu bekommen.

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Schlimmer als die Klimabilanz der überflüssigen Reisen des präsidialen Außendienstmitarbeiters, ist im Nachhinein die Vorstellung, dass einer der Deals hätte klappen können. All denen, die ihre Finger gerade auf die „Schurkenstaaten“ richten wollen, sei versichert: auch „gute EPR“ sind Militärprojekte. Ob sie teuer sind oder nicht, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Für die Stromkunden stimmt es: in Hinkley Point werden die heutigen Schulabgänger noch als Rentner für die Atomsubventionen zur Kasse gebeten. Für das Verteidigungsministerium ist das Reaktor-Neubauprogramm eine echte finanzielle Entlastung: Man stelle sich vor, die Militärs müssten die gesamte Lieferkette für Spezialkomponenten der atomaren Schiffsantriebe, Uranbergbau und Aufbereitung sowie die Finanzierung der Ausbildungsinfrastruktur für diverse Fachkräfte allein stemmen, weil es keine zivil-atomare Parallel-Wirtschaft mehr gäbe. Das würde den Verteidigungshaushalt um ein Vielfaches aufblähen und dem Verteidigungs-Minister massive Kommunikationsprobleme bereiten.

#atoms4war

Da geht manch einem ein LED-Licht auf, weshalb sich Energiewende-Deutschland nach Fukushima den zweiten Atomausstiegsbeschluss leisten konnte. Das hätte sich niemals durchsetzen lassen, wenn der Bomben-Traum von Ex-Atomminister Strauß, die „Wiederaufbereitungsanlage“ zur Herstellung von Waffenfähigem Plutonium, nicht wenige Monate nach seinem Tod (1988) ebenfalls beerdigt worden wäre. Wie viele Atomausstiege in Deutschland noch notwendig sind, ist derzeit offen. Die in Karlsruhe ansässige Areva Nuclear School wirbt gerade um Auszubildende in der Nukleartechnologie: „Wir spielen eine aktive Rolle beim Aufbau der zukünftigen Atomenergie“. Hier geht es um die Reaktoren der vierten Generation, die genau wie die damals neuen EPR (dritte Generation) auf dem Papier „inherent sicher“ sein sollen. Als Markteinführungshilfe für Generation Drei steuerte Deutschland den Ausstieg-aus-dem-Atomausstieg 1.0 bei.*

Muss man Atom-Rollbacks durchnummerieren, oder bleibt‘s bei dem einen von 2010? In Karlsruhe ist man noch bemüht, den Eindruck aufrecht zu erhalten, es ginge „nur“ um „Sicherheitsforschung“, die – bitteschön - isoliert von der Neuentwicklung von Reaktoren zu betrachten sei. Das kommunikationsstrategische „Sa“ im Euratom-Forschungsprojekt „Samofar“ steht für „Sicherheitsbewertung“ der vierten Reaktorgeneration. Bei der Euratom-Versorgungsagentur ist jedoch zu lesen: „AREVA testet den SMR-Brennstoff an Standorten in Deutschland … und will für die SMR von NuScale bis Mitte 2016 ein zertifiziertes Brennstoffdesign liefern.“ Der kommerzielle Betrieb sei für 2023 anvisiert.

Ungebremster Energie-Konsumwahn für die Zukunft

Aufmerksame Medienkonsumenten erkennen bereits die ersten PR-Häppchen, die uns medial zugeworfen werden, um uns mit der Möglichkeit des ungebremsten Weiter-so, des hemmungslosen Energie-Konsums dank der neuen Rundum-Sorglos-Atomreaktor-Generation, vertraut zu machen. „Der neue Breitbild leuchtet, die Farben festlich bunt, die Sauna wurde ausgebaut, elektrisch bellt der Hund“ besingt Unfried in seinem 2007er-Weihnachtslied den ungebremsten Energie-Konsumwahn. Dieser treibt an der franco-alemannischen Grenze besonders skurrile Blüten. Entgegen der landläufigen Meinung fließt im bilateralen Stromaustausch netto mehr von Deutschland nach Frankreich als umgekehrt. Das hängt u.a. mit den Stromheizungen zusammen – l’électrique c’est chic. Diese treiben den Stromverbrauch in die Höhe, während der alternde Kraftwerkspark immer stärker unter Atomausfällen ächzt. Das nukleare Klumpenrisiko wird regelmäßig mit der CO2-Last des deutschen Strommixes abgefedert. So wird der CO2-Ausstoß der Grande Nation Nucléaire hochgetrieben - alle Jahre wieder. Diesseits des Rheins leistet die fossile Lobby ganze Arbeit und nimmt ihre Klimagiftschleudern trotz massiver Überkapazitäten nicht vom Netz. Sie hebelt den Einspeisevorrang für Erneuerbare faktisch aus: Windparks werden abgeregelt, sauberer Strom (in der Größenordnung der Wasserkraft-Jahresproduktion) bleibt ungenutzt, muss aber trotzdem bezahlt werden und dient so als künstliche Nahrung zum Anheizen einer absurden Strompreisdebatte. Trotzdem hechelten die Kohle-betriebenen Jamaika-Sondierer durch die Talkshows und verbreiteten immer noch ihre Grusel-Märchen von Strom-Importen. Dabei ist die frohe Kunde unserer sich selbst - alle Jahre wieder - übertrumpfenden Strom-Export-Rekord-Nation selbst bis in die Zeitung mit den großen Buchstaben vorgedrungen.

Doch dann hörte das christlich-liberale Import-Gejaule schlagartig auf. Nein, nicht, weil ein haartransplantierter Beau gelindnert hatte, das beflügelte nur den RWE-Aktienkurs. Sondern, weil ein offizielles Papier seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium haben auf drei Seiten unmissverständlich erklärt: „Ein Großteil der Kohlekraftwerke hat eine belastende Wirkung auf die Stabilität der Stromnetze. Eine Stilllegung von Kohlekraftwerken könnte somit die Versorgungssicherheit noch steigern.“ Schöne Bescherung.

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2017 aktueller denn je: Weihnachten ohne Atom, von Martin Unfried

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*Die Planungen für die deutschen EPR-Standorte, Greifswald und Viereth (Main), waren zu der Zeit längst storniert. Die Kürze der Laufzeitverlängerung (Oktober 2010 bis März 2011) reichte nicht, um eine „Renaissance“ zu organisieren.

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weitere Informationen zum EPR:

Was steckt hinter dem Atomtausch Fessenheim-Flamanville?

https://www.freitag.de/autoren/evastegen/fessenheim-ist-aus-war-s-das-jetzt

Bürger*innen überziehen Französische Atomaufsicht mit Protestschreiben gegen Inbetriebnahme des EPR Flamanville

https://www.freitag.de/autoren/evastegen/flamanville-protest-flut-trotz-grosser-huerden

EPR: Risiko-Abwägung: Staatsaffäre oder SuperGAU - ein Whistleblower meldet sich zu Wort

https://www.freitag.de/autoren/evastegen/risiko-abwaegung-staatsaffaire-oder-super-gau#1503159436689954

17:12 26.11.2017
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