Zwängt die Kreativen nicht in Schablonen!

Gesundes Klima. Ein Plädoyer für aus-der-Reihe-Tanzende. Gegen ein Raster-Denken, das nur Talente austrocknet.
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Jung, schön, reich, berühmt - was für ein Leben! Sie ist Sängerin, er Schauspieler. Ein Glamour-Leben wie aus dem Bilderbuch, mal in Berlin, mal in Paris, Wien oder Amsterdam. Sie wurden die glücklichste Familie der Welt, spielten mit ihren Kindern in hellen Altbauwohnungen auf dem Fußboden oder genossen die Frühlingssonne in den blühenden Parks der angesagten Metropolen. Er war es, der für die Familie zurücksteckte, als die Kinder zur Welt kamen: „Du bist weltweit eine der Besten Deines Fachs“, das hatte er schon in vielen Zeitungen gelesen. Ihren enormen Stimmumfang von nahezu vier Oktaven brachte die Opernsängerin Malena Ernman sogar einmal im Drei-Minuten-Format eines Popsongs unter. Ganz Schweden stand Kopf, als sie 2009 den Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gewann. Ihr Mann Svante und die beiden Kinder hatten sie dazu ermutigt, dieses Experiment zu wagen.

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Genialität und Wahnsinn liegen dicht beieinander, weiß selbst der Volksmund, mit seinem begrenzten Stimmumfang. Jeder von uns könnte spontan eine eigene Geschichte beisteuern, die belegt, dass Genies und Künstler ihre sagenhaften Talente kraftvoll entfalten, aber andererseits gerne mal an den einfachsten Alltagsdingen scheitern. Setze einen kreativen Kopf an eine Schaltstelle, die Erbsenzähler-Disziplin erfordert und er wird eingehen wie eine Primel. Und womöglich das ganze Unternehmen an die Wand fahren.

Die Nähe von Genialität und Wahnsinn ließ auch das traumhaft schöne Leben der Familie in eine Katastrophe schlittern. Erst mit Mitte Vierzig bekam Malena eine Erklärung, um all das zu verstehen. Eine neuropsychiatrische Diagnose, die ihr half, die Punkte miteinander zu verbinden und zu begreifen, dass Andersartigkeit schlechterdings oft als Krankheit stigmatisiert wird. Bah! darüber spricht man nicht. Und das hat man nicht. Genauso gut könnte man Andersartigkeit jedoch als Chance für die Gesellschaft begreifen, die alle unterschiedlichen Talente als Gewinn erkennen könnte. Denn die Welt ist bunt und das ist gut so.

Die neuropsychiatrische „Störung“ wurde bei Malena erst erkannt, nachdem ihre beiden Töchter - jeweils in ihrer vorpubertären Phase - dramatische Krisen durchgemacht hatten. Bei körperlichen „Störungen“ kennen es fast alle: dieser Alptraum, der sich entfacht, wenn wir nicht wissen, was uns quält und eine Ärzte-Odyssee nicht enden will. Dasselbe Elend tut sich auf, wenn das Denken, das Empfinden nicht so „funktioniert“, wie es andere gewohnt sind. Durch die Tabuisierung werden unendlich viele Kinder und Eltern allein gelassen. Tränen, Familiendramen, steigende Antidepressiva-Konzentrationen in städtischen Abwässern und steigende Scheidungsraten sind traurige Zeugen dieser Entwicklung. „Am schlimmsten geht es Mädchen und jungen Frauen.“ berichtet Malena Ernman, die von Kinderkrankenhaus zu Schulpsychologen gehetzt ist, nächtelang das Internet durchforstet hat, verzweifelt auf der Suche nach Erklärungen, nach Verstehen. Selbst im Sozialstaat Schweden hatte bereits fast jedes siebte Mädchen Kontakt zu einer jugendpsychiatrischen Einrichtung. Ihre jüngere Tochter Beata – ebenfalls eine hochtalentierte Sängerin - hat irgendwann selbst den Schlüssel zur Diagnose gefunden: einen Text über Misophonie, der erklärt, warum sie bestimmte Geräusche, Töne, Sinneseindrücke nicht erträgt, warum sie Zwang, Trotz und Panik auslösen – die Schulkreide, die kreischend über die Tafel schrillt, hilft dem „normalen“ Vorstellungsvermögen.

Beatas ältere Schwester hatte zwei Jahre vorher ihre Krise, die lebensbedrohliche Ausmaße annahm. Das Mädchen ist hochintelligent, erfasst naturwissenschaftliche Zusammenhänge mit einer Auffassungsgabe, dass Professoren mit der damals 15-jährigen schon fachsimpeln konnten, wie mit den Doktoranden des Instituts. Sie ist inzwischen weltberühmt, denn sie hat – ohne es zu wissen – exakt das Richtige getan, um sich am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf zu ziehen. Bei ihr nahm die Krise ihren Anfang, als sie in der Schule lernte, wie die Erwachsenen den Planeten zumüllen und ihre Zukunft vergiften. Das Bild einer Plastik-Müllhalde im Pazifik, die größer ist als Mexiko, brannte sich in ihr Gedächtnis ein und ließ sie nicht mehr los – auch als die Klassenkameraden in der Pause schon wieder ihre Handys aus den Taschen zogen, der Lehrerin zu ihrem bevorstehenden Wochenendtrip in die USA gratulierten und von den coolen Shopping-Möglichkeiten in New York schwärmten. Dieses Mädchen aber konnte nicht „normal“ mit dem Wissen umgehen, dass die Menschen gerade im Rudel ihre Lebensgrundlage zerstören, ohne dass irgendeiner der Leitwölfe die Reißleine zieht. Dieses Mädchen hat viel früher als die sogenannten Profis in den Parlamenten begriffen, dass wir nur noch ein begrenztes Budget an CO2 haben, dass wir raushauen können, um die Erde in einem Zustand zu halten, dass menschliches Leben darauf möglich ist. Das Bild vom begrenzten CO2-Kuchen macht verständlich, wie sich die reichen Länder die größten Kuchen-Stücke sichern wollen, obgleich sie den Armen schon fast alles weggefressen haben.

Sie konnte nicht untätig bleiben und genau dafür wurde sie weltberühmt: Greta Thunberg setzte sich im Sommer 2018 vor das Schwedische Parlament. Sie bot den Klimaschwänzern in den Ministersesseln die Stirn - und wurde tatsächlich gehört. Das war die Wende, der Weg raus aus ihrer neuropsychiatrischen Krise. Inzwischen kennt fast jeder den Ausdruck „Asperger-Syndrom“, für Greta Fluch und Segen gleichermaßen: „Ich funktioniere anders als die meisten Menschen“ erklärt sie wieder und wieder in die ihr vorgehaltenen Mikrophone.

Auch ihre Mutter Malena erklärt es. Im Buch der Familie Ernman/Thunberg gibt sie all denen eine Stimme, die genauso verzweifelt durch die Kinderkrankenhäuser und schulpsychiatrischen Beratungen geirrt sind. Die sich nicht selbst bis zur Lösung durchbeißen konnten. Die bittere Tränen darüber vergießen müssen, dass ihre Andersartigkeit als Anlass zur Stigmatisierung genommen wird, weil die Mehrheit es nicht besser weiß. Weil die Aufklärung fehlt, die uns allen das Werkzeug an die Hand geben könnte, so miteinander umzugehen, dass wir uns alle gegenseitig als Bereicherung empfinden. Wir mischen einem Zölliaki-Erkrankten doch auch nicht heimlich Weizen ins Essen, nur weil wir finden, man muss nicht auf jeden Quatsch Rücksicht nehmen. Wer bestimmt denn, dass die Mehrheit richtig damit liegt, an Konsumverstopfung zu verelenden und das eigene Rettungsboot zu verbrennen, weil Feuer-angucken gerade Spaß macht?

Warum wollen wir die brillanten Chaoten ausgrenzen, die wir bewundern für ihre schier übermenschlichen Kräfte, welche sie entwickeln, wenn sie unter maximalem Stress die von ihnen geliebte Herausforderung meistern? Wollen wir sie wirklich mobben dafür, dass sie nicht in das von uns klaglos akzeptierte Schubladendenken passen? Ginge es uns nicht allen besser, wenn wir wüßten, wie sie zu nehmen sind, die, die anders ticken als wir? Gerade so, als würde man uns unsere eigenen kleinen Macken einfach lassen und nicht ständig versuchen, uns zu erziehen.

In dem Buch „Szenen aus dem Herzen“ verarbeitet die Familie Thunberg/Ernman auf lesenswerte Art und mit bestechender Offenheit ihren erschütternden Gang durch die Hölle. Als das Buch fertig war, wurde Greta gerade weltberühmt. Nun ist es ins Deutsche übersetzt worden. Wer sich selbst auf dem Grat zwischen Genialität und Wahnsinn balancieren sieht, bekommt hier sicher gelegentlich den Spiegel der Erkenntnis vorgehalten. Wer im Familien- oder Freundeskreis Kinder hat, die mit ADHS-Medikamenten ruhiggestellt werden sollen, erlebt bei der Lektüre sicherlich erhellende Momente. Und ganz nebenbei lernt er auch einiges über die Klimakrise. Aber die kam erst viel später dazu.

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Das Klima ist Thema, als Greta jubilierend mit der Zeitung in die Küche kommt und vom neuen „Rekord!“ berichtet. An dem Tag, als sich mehr als 1% (in Worten: ein Prozent) der Berichterstattung um das Thema dreht – nachdem die große schwedische Zeitung angekündigt hatte, jetzt aber mal wirklich schwerpunktmäßig darüber zu berichten. Greta hatte über Wochen akribisch nachgehalten, wie es um die großen Tageszeitungen steht. Das Ergebnis blieb konstant: jede Menge über Autos, Shopping, Flugreisen. Um Klima und Umwelt drehten sich zwischen 0,3 und 1,4 % der Artikel. Die berechtigte Kritik an den schwedischen Medien war lange Zeit auf die hiesigen übertragbar. Bis ausgerechnet Greta die Welle lostrat, die dazu führte, dass Eltern ihren Kindern zuhören. Dass am Essenstisch über Klimafolgen, Kohleausstieg, Flugscham oder Stromwechsel geredet wird. Der Einfluss der Kinder auf ihre Eltern schlägt sich im Wahlverhalten und in der Medienberichterstattung nieder. Ein riesiger Etappensieg für die Fridays-for-Future-Bewegung. Familie Ernman/Thunberg gewährt Einblicke in diese Familien-Gespräche über klimataugliche Alltags-Entscheidungen wie sie womöglich inzwischen in vielen Familien geführt werden. Und wie sich die ganze Familie immer mehr Wissen über die Klimakrise aneignet. Dass ausgerechnet Schulstreiks einen derartigen Bildungserfolg nach sich ziehen, war sicher niemandem klar, an diesem 20. August 2018, als Greta sich zu ihrem ersten Streik vor das Parlament in Stockholm setzte. Ganz allein.

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Szenen aus dem Herzen: Unser Leben für das Klima

von Beata Ernman, Malena Ernman, Greta Thunberg, Svante Thunberg

Deutsche Ausgabe, erschienen im April 2019

Übersetzung von Ulla Ackermann, Stefan Pluschkat, Gesa Kunter

Fischer Verlag, Leseprobe

Argon-Hörbuch, Hörprobe

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Malena Ernman vertritt Schweden mit "La Voix" beim Eurovision Song Contest2009

22:10 21.06.2019
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