Entsolidarisierung und Rückzug ins Private

von Kopfhörern & Ohnmacht Entsolidarisierungsprozesse werden von bestimmten Alltagspraktiken angetrieben, doch die drängenden globalen Probleme verlangen nach einer starken Zivilgesellschaft.
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Beim Verlassen des Hauses sind die Kopfhörer meist schon aufgesetzt; Sie stellen ein essentielles Überlebenswerkzeug in der urbanen Umgebung dar und dienen als Überbrückungshilfe zwischen Start und Zielpunkt auf den alltäglichen Reisen.

Betrachtet man aufmerksam das Schauspiel, welches einem in den öffentlichen Verkehrsmitteln einer Großstadt tagtäglich begegnet, stellt man fest, dass die Menschen sich merkwürdig verhalten.

Jeder thematisiert es, macht sich darüber lustig, oder verfällt hin und wieder in eine Sentimentalität à la“ früher hat man in der Bahn noch gelesen oder gequatscht“, am individuellen Verhalten verändert sich allerdings wenig.

Das Smartphone ist der allgegenwärtige Begleiter, die Kopfhörer komplettieren die Abschirmung gegen Außen. Die Individualität des Einzelnen, die dich in seinem Abgetrennt-sein manifestiert, wirft mit Abstand betrachtet ein Bild von völlig gleich agierenden Menschen zurück.

Den Überfokus bei Sich und in seiner individuellen Welt wird durch verschiedene Alltagspraktiken deutlich, ich möchte hier meine Ableitungen aus der Funktion und der Nutzung von Kopfhörern ziehen und deren Wechselspiel mit Gesellschaftlichen Dynamiken beleuchten.

Es wirkt wie ein Rückzug in portable private Räume, wenn die Pendler*innen morgens in der Bahn, auditiv abgeschirmt, mit Kopfhörern und leerem Blick, nach vorne starrend den Fokus auf etwas virtuelles, nicht direkt greifbares gerichtet haben.

Die Funktion der Kopfhörer ist vielfältig.

Ein funktioneller Aspekt besteht in einer nach außen getragenen Darstellung von Unverfügbarkeit für die unmittelbare Umwelt, ein anderer stellt eine Bewältigungsstrategie dar, die Großstädter*innen im Umgang mit ihrer komplexen, anstrengenden und höchst ausdifferenzierten Umwelt nutzen. Sie schaffen sich einen privaten Rückzugsraum, den sie jederzeit betreten können.

Was ist das aber für ein Raum, den wir seit dem Aufkommen mobiler Audioquellen so hoch-frequentiert besuchen?

Zunächst ist dieser Raum, wie schon erwähnt, ein privater, über den das Subjekt verfügt. Die Gestaltung dieses Raumes liegt beim Subjekt, die Inhalte, die es konsumiert stellt es sich aus einer gegen Unendlich gehenden Vielzahl von Optionen zusammen und die so konsumierten Güter, Musik, Podcasts, o.ä., sind ein wichtiger Faktor in modernen Identitätsbildungsprozessen. Über die Auswahl des konsumierten Inhalts beeinflusst das Subjekt teilweise gezielt seine Stimmung, bildet sich, oder nutzt es um verschiedenen Aspekten seiner Identität anzusprechen. Das Individuum resoniert in der Auswahl und fühlt sich so an eine Welt angeschlossen und spürt eine Verbundenheit zu seiner Subkultur oder einem Kulturkreis- der Komplexität der direkten Welt um das Subjekt herum entzieht es sich jedoch durch diese Praktik. Es stellt sich seinen Ausschnitt der Wirklichkeit zusammen und zieht sich gleichzeitig aus seiner direkten Umgebung zurück, indem es seinen Fokus in den portablen privaten Raum legen kann fällt die Notwenigkeit sich mit der unbeherrschbaren tatsächlichen Umgebung auseinander zu setzen.

So ermöglichen Kopfhörer es den Menschen ihren zeitlichen und räumlichen Zugriff auf die Wirklichkeit zu verändern.

Kopfhörer hüllen die Nutzer*innen in eine Art digitale Rüstung, indem sie äußere, unkontrollierbare Reize abschirmen. Sind die Kopfhörer zuhause vergessen worden reagiert die, jetzt schutzlos der Willkür der Straßenbahn ausgesetzte, Person ungehalten und nervös. Kopfhörer, natürlich samt Audioquelle, sind eine Art Zauberwerkzeug gegen die Zeit und dienen ihrer Überbrückung. Der moderne Mensch möchte sich nicht langweilen, seine Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen, was das jedoch mit den Individuen und ihrem Wechselspiel mit der Gesellschaft macht ist von nicht zu unterschätzendem Ausmaß.

Die Welt ist inkonsistent und geprägt von lauter unlösbaren Problemen und Unverfügbarkeiten, denen das Subjekt ohnmächtig gegenüber steht - ist „der Rückzug ins Private“ immer möglich wird das zur bevorzugten Bewältigungsstrategie.

Bei einem bewussten Gang durch Bonner Hauptbahnhof schlägt einem die Wirklichkeit extrem ins Gesicht. Hier sieht man menschliches Leid in einem nicht auszuhaltendem Ausmaß, die Anforderungen des privaten, individuellen Lebens, nehmen dem Subjekt jedoch die Möglichkeit sich richtig mit der Welt auseinander zu setzen. Die Reaktion der meisten ist eben dieser Rückzug ins Private, der Kopfhörer dient hier als moralische Rüstung.

Ich möchte ein kurzes Bild zeichnen, welches mir häufig in verschiedenen Formen aber mit den immer gleichen Abläufen begegnet.

Der Bahnsteig am Bonner Hauptbahnhof ist voll, es ist kalt und die Menschen stehen meist alleine oder in kleinen Gruppen zusammen und warten auf den Zug in den Feierabend. Die meisten Tragen Kopfhörer und/oder sind mit dem Blick in ihr Smartphone versunken. Eine augenscheinlich wohnungslose Person läuft den Bahnsteig ab und bittet Person um Person um eine Spende. Eine häufige Reaktion der angesprochenen Personen ist ein Schulterzucken mit Handgeste auf die Kopfhörer, die wohl signalisieren soll: „Sorry ich kann Sie nicht verstehen“- teilweise bleibt eine Reaktion auch ganz aus und der Blick erstarrt nur für einige Sekunden bis die wohnungslose Person weiter gegangen ist.


Die Menschen stellen hier ihre nicht-Erreichbarkeit dar, sie sind nicht ansprechbar und dadurch auch der Zuständigkeit enthoben. Das Subjekt löst hier aktiv die Verbundenheit zu seiner Umwelt, denn wenn es nicht Teil dieser Problembehafteten Umwelt ist, ist es auch nicht verantwortlich.

Diese Situation beschreibe ich nicht, um die moralische Verfehlung der beschriebenen Personen anzuprangern oder um einfach dazu aufzurufen wohnungslosen Menschen mehr Geld zu geben, sondern um auf den Mechanismus hinzuweisen, der heute so natürlich geworden scheint, meiner Meinung nach aber Beleuchtung bedarf.

Dieses Phänomen ist teilweise ein Ausdruck von Individualisierungsprozessen in der Gesellschaft und zeigt auch die fortschreitende Entsolidarisierung auf, denn zugehörig fühlt man sich nicht zu seiner direkten Umwelt sondern vermehrt zu virtuelle Subkulturen und Gruppen, die über das ganze Land oder international verstreut lokalisiert sind; hier liegt auch unsere Solidarität. Mit einer Verlängerung des privaten Raumes in den öffentlichen muss niemand mehr auf seine Umwelt reagieren, man kann sich einfach entscheiden, dass die ungefälligen Personen und Zustände um einen herum nicht in der selbst geschaffenen Realität existieren.

Die Anforderungen die unsere ökonomischen Lebensrealitäten an uns stellen lassen nicht viel Raum sich betroffen zu fühlen.

In dem Moment, in dem wir die Kopfhörer aufsetzen und bei Spotify einen Künstler suchen sind wir immer auch Teilnehmer am Markt, wir konsumieren ohne dass uns das noch richtig bewusst ist und die Anbieter an diesem Markt haben unschlagbare Argumente, nämlich die scheinbare Ermächtigung der Individuen über die Welt, den eigenen privaten Wirklichkeitsraum, den sie fortan Modular aus dem Angebot gestalten können. Unsere scheinbar autonom zusammengestellten Individualitätstempel sind auf den zweiten Blick auch nur gleichgeschaltete und fremdbestimmte Konsumsphären.

Kopfhörer erlauben es den Menschen sich durch den tatsächlichen öffentlichen Raum zu navigieren ohne den privaten zu verlassen. Diese Räume sind unser Zugriff auf die Wirklichkeit, jedoch nur auf den Aspekt, den wir uns aussuchen. Unangenehme Reize wollen wir hier nicht haben.

Der portable private Raum ist ein gefälliger.

Zwischen den, sich im öffentlichen Raum begegnenden, Menschen entsteht eine virtuelle Trennung, denn die meisten sind mit ihrem Fokus nicht in der, sie umgebenden Wirklichkeit, sondern in ihrem privaten Raum. Menschen sind nicht ansprechbar und reagieren träge auf Reize aus der tatsächlichen Umwelt. Der Raum wird hier als essentieller Faktor in der Wirklichkeitskonstitution der Subjekte in Frage gestellt, deren Erleben findet zunehmend raumunabhängig statt. Die Individuen agieren nicht mehr primär im Raum sondern in ihrem virtuellen, auditiven Universum in denen sie gottähnlich entscheiden was ist und was nicht.

Auch Zeit bekommt so eine seltsame neue Bedeutung, denn der portable private Raum zeichnet sich durch eine ständige Verfügbarkeit aus. Von anderem Menschen komplett unabhängig kann ich durch meine virtuelle Welt navigieren, Musik anhören, vorspulen und durch verschiedene Podcastprogramme switchen. Jede Verzögerung in der Bedürfnisbefriedigung wird hier technologisch beseitigt, was den Umgang mit der realen Umgebung lästig erscheinen lässt.

Hier bekommt das Subjekt leichter und schneller Selbstwirksamkeitserfahrungen als in der Auseinandersetzung mit der analogen, anstrengenden, vieldeutigen und komplexen Welt um sie herum. Warten wird hier unnötig und Wandel bzw. Veränderung bedarf nur einem Klick.

Die räumliche Abtrennung der Individuen im öffentlichen Raum verhindert ein zufälliges Zusammentreffen und die gezwungene Auseinandersetzung der Individuen mit ihrer Umgebung. Auch die soziale Umwelt wird Gefälliger, Soziale Blasen und digitale Echochambers entstehen und schwierige, uneindeutige Begegnungen werden vermieden. Der fehlende Bezug zum tatsächlichen Raum und damit auch zu dessen sozialen Eigenschaften, Menschen, fördert Prozesse der Individualisierung und Entsolidarisierung, es besteht keine Notwendigkeit mehr Menschen zu begegnen, denen man nicht begegnen möchte.

Diese Reaktion auf Unverfügbarkeiten, auf Ohnmachtsgefühle, auf das nicht über die Welt und über sein eigenes Leben verfügen können, ist allerdings ein Rattenschwanz, denn Selbstwirksamkeit und Verbundenheit mit der Welt bekommt man langfristig nur durch die Praxis echter Kontakte und durch tatsächliche Verantwortungsübernahme in der Umwelt.

Ohnmacht provoziert Rückzug und Rückzug verhindert Teilhabe.

Kann das Subjekt sich ständig neu entscheiden unangenehmen Wirklichkeitsaspekten auszuweichen, indem es sich in eine eigens geschaffene Welt flieht, wird es das zunehmend tun und die für einen komplexeren Austausch mit der rauen Umwelt nötigen Kompetenzen verlieren.

Es darf keine reelle Option sein, Missständen, denen man eigentlich ausgesetzt wäre, einfach stumm zu schalten. Die Reizschwelle, die zur tatsächlichen Erreichung der Subjekte benötigt wird, steigt und zunehmend sind es digitale Kanäle, die als einzige noch eine Resonanz erzeugen.

Ich appelliere zu einem reflektierterem Umgang mit Smartphone und Kopfhörern.

Wenn wir das Bedürfnis spüren uns abzuschirmen und in deinen den Raum zu fliehen sollte das ein Warnzeichen sein und Engagement provozieren.

An diesem Punkt sollten wir wirkmächtig ins Handeln kommen. Wenn die sozialen Missstände, die uns auf den Straßen tagtäglich begegnen beim Hinschauen nicht ertragbar sind, dann hat das einen Grund der real und strukturell angegangen werden muss.

Kopfhörer wirken wie ein Verzögerungsmechanismus, der die Reizschwelle erhöht, bis Menschen Zivilgesellschaftlich aktiv werden, tatsächlich und abstrakt. Der moderne Mensch wird immer weniger anrufbar für seine direkte Umwelt und direkte Kommunikationswege verblassen in ihrer Bedeutung zunehmend.


Zudem bietet der öffentliche Raum, dem sich so viele tagtäglich, mit dem Wunsch nach schneller Selbstwirksamkeit und Verbundenheit, entziehen, die einzig nachhaltigen Möglichkeiten sich in der Welt zu verorten, sie aktiv zu gestalten und zu verändern und sich tatsächlich mit ihr und mit seinen Mitmenschen zu verbinden.

Die globalen Probleme, vor denen wir heute gesamtgesellschaftlich stehen, schließen den Rückzug ins Private als legitime Bewältigungsstrategie aus.

Wir brauchen eine Zivilgesellschaft die sich erhebt, die Probleme erkennt und laut benennt.



13:52 18.01.2019
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